Hintergrund zu einer nicht gesendeten Folge Polizeiruf 110: Im Alter von ...

Ein Krimi, dessen Verfilmung fast so spannend ist wie sein Inhalt: Ein Mitropa-Lehrling ermordet drei kleine Jungen - ein Verbrechen, dass es in der DDR nicht geben und filmisch nicht thematisiert werden durfte.

Oberleutnant Peter Fuchs (Peter Borgelt) trifft seine heimliche Jugendliebe Jenny Gerlach (Wieslawa Niemyska) wieder, ihr Sohn wird Opfer des Verbrechens.
Bildrechte: NDR/MDR/DRA

Zunächst hatte die Cottbusser Autorin Dorothea Kleine 1974 eine Vorlage für den Polizeiruf geschrieben: Ihrer Filmidee lag ein authentische Kriminalfall zugrunde, der zwischen 1969 und 1971 eine der größten Polizeiaktionen der DDR auslöste: Der zur Tatzeit minderjährige Mitropa-Lehrling Erwin Hagedorn hatte drei Jungen auf brutale Weise ermordet.

Für die Programmverantwortlichen des Fernsehens der DDR war Kleines Polizeiruf-Skript zu dicht an der Realität, denn es zeigte ein Verbrechen, dass es in der DDR nicht geben sollte. Heinz Seibert, der bereits bei mehreren Filmen der Krimireihe Regie geführt hatte, schrieb darauf eine Neufassung unter dem Arbeitstitel "Am hellerlichten Tag". Er veränderte den Fall so, dass er nicht mehr an den Eberswalder Fall erinnerte und stellte die Ermittlungsarbeit der Einsatzgruppe Fuchs in den Vordergrund. Daraufhin befürwortete das Ministerium des Inneren (MdI) die Produktion. Kurz vor dem letzten Drehtag wurden die Dreharbeiten jedoch unerwartet erschwert, Material und Technik der Polizei wurden abgezogen und schließlich kam das Aus. Heinz Seibert konnte zwar noch eine erste Rohschnittfassung mit dem Titel "Im Alter von ..." fertigstellen. Aber an den internen Vorführungen, die dann folgten, durfte er schon nicht mehr teilnehmen.

Das Ende einer Film-Laufbahn

Es sollte der letzte Polizeiruf für Heinz Seibert sein, im Bereich Fernsehdramatik hatte man keine Aufgaben mehr für ihn. Er blieb zwar angestellt beim DFF, wurde jedoch gemieden, isoliert, bekam zwar hier und da mal kleinere Aufgaben, aber einen Film durfte er nicht mehr drehen. Als die Wende kam, hoffte Seibert, dass der Film aus dem Archiv wieder auftaucht. Aber der Film war nicht mehr da. Seibert versuchte, wenigstens in den Akten noch eine Spur zu finden, befragte frühere Kollegen, recherchierte in Archivjournalen, wollte wissen, warum der Film verboten wurde.

Zufall sichert tonlose Originalaufnahme

Im Deutschen Rundfunkarchiv wird eine Notiz des damals für die Reihe verantwortlichen Chefdramaturgen Lothar Dutombé aufbewahrt. Er vermerkte am 04.04.1975, dass nach Anweisung des MDI der Film so nicht gesendet werden dürfe. Alles Material wurde vernichtet, Rohschnitt, Kopie, Aufzeichnungen, alle Drehbuchexemplare, einfach alles. Durch einen Zufall entging jedoch das stumme Kamera-Negativ der angeordneten Vernichtung. Die unbeschrifteten Filmbüchsen tauchten zur Wendezeit wieder auf, verstaubt unter einer Kellertreppe des Kopierwerks. Das Material kam ins Deutsche Rundfunkarchiv und verschwand ein zweites Mal, diesmal in der Anonymität der vielen Funde aus dem sich auflösenden DFF.

Rohmaterial gefunden, Rekonstruktion scheinbar unmöglich

Erst Anfang 2009 konnte das Team um Dr. Peter-Paul Schneider bei der Aufarbeitung des Archivguts des DDR-Fernsehens die Rohmaterialrollen identifizieren. Doch da weder der Ton, noch ein Drehbuch erhalten waren, schien eine Rekonstruktion des Films nicht mehr möglich zu sein.

Am Rande einer filmhistorischen Recherche stieß der Autor Thomas Gaevert 2009 bei Dorothea Kleine auf ein Exemplar des Drehbuchs. Durch diesen Fund wurde es plötzlich wahrscheinlich, dass der Film rekonstruiert werden kann. Doch wie soll man mit dem fehlenden Ton umgehen? Wichtige Darsteller aus den frühen Polizeiruf-Jahren, die auch in diesem Film die Hauptrollen spielten, lebten nicht mehr. Die Redaktion des MDR entschied sich dafür, den Film trotzdem wieder zum Leben zu erwecken. Der Plan: Aktuelle Stars der Polizeirufreihe leihen den Kollegen der frühen Jahre ihre Stimme.

Rolle / Darsteller / Synchronsprecher: Oberleutnant Peter Fuchs - Peter Borgelt - Oliver Stritzel
Oberleutnant Jürgen Hübner - Jürgen Frohriep - Andreas Schmidt-Schaller
Leutnant Vera Arndt - Sigrid Reusse (Göhler) - Anneke Kim Sarnau
Major Wegner - Stanislaw Zaczyk - Jaecki Schwarz
Jenny Gerlach - Wieslawa Niemyska - Isabell Gerschke
Karl Fischer - Walter Lendrich - Wolfgang Winkler
Ehefrau Fischer - Teresa Lipowska - Marie Gruber
Horst Reisenweber - Heinz Behrens - Jürgen Zartmann
Ben Gerlach - Klaus Richter - David Weyl
Till Hochstetter - Fred Österreich - Gideo Finimento

Produktionsdaten zu "Polizeiruf 110: Im Alter von ..." Eine Produktion des DDR-Fernsehens 1974 und TELOPOOL / URLASS-FILM / METRIX MEDIA GmbH im Auftrag des MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNKS 2011

Team 1974
Buch: Heinz Seibert
Kamera: Tillmann Dähn
Regie: Heinz Seibert

Team 2011
Regie: Hans Werner
Musik: Rainer Oleak
Schnitt: Stefan Urlaß
Synchronregie: Irene Timm
Redaktion: Wolfgang Voigt MDR