Revolution in Ungarn

Eine Mutter und ihr Kind schlafen in einem Trabbi
Ausreisewillige DDR-Bürger wie diese Mutter mit ihrer Tochter campieren im August 1989 in ihren Autos vor der bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Sie warten wie viele Tausende andere DDR-Bürger auf eine Ausreisemöglichkeit in den Westen. Bildrechte: dpa
Margaret Thatcher und Janos Kadar, 1984
Die Grundlage für die "stille Revolution" in Ungarn legte ausgerechnet ein Mann, der 1956 maßgeblich an der Niederschlagung des Volksaufstandes beteiligt war: János Kádár. Mit seiner Parole "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns", gelang es ihm, weite Teile der Bevölkerung mit dem kommunistischen Regime zu versöhnen. 1968 leitete Kádár ein wirtschaftliches und politisches Reformprogramm ein – den sogenannten "Gulaschkommunismus": Die Staatspartei Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (USAP) ließ in beträchtlichem Umfang Privatbetriebe zu, liberalisierte den Handel, führte eine gewisse Pressefreiheit ein und legalisierte Oppositionsgruppen. Das kleine Land avancierte zum "Schaufenster des Ostens", oft wurde nun auch von der "lustigsten Baracke im sozialistischen Lager" gesprochen. In den 80er-Jahren trat Ungarn dann sogar dem Internationalen Währungsfond und der Weltbank bei und Staatsbetrieben war es gestattet, Joint Ventures mit westlichen Firmen einzugehen.
János Kádár, ein bescheidener Mann, der Korruption und Amtsmissbrauch verabscheute, hat diese Reformpolitik gegenüber Moskau stets mutig verteidigt. Der Gedanke aber, dass die Kommunistische Partei auf ihr Machtmonopol verzichten könnte, blieb ihm fremd. Seine reformfreudigeren Genossen schickten ihn deshalb 1988 aufs Altenteil.
(Im Bild: Janos Kadar und Margaret Thatcher 1988)
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Der ungarischer Ministerpräsident Karoly Grosz (l) wird am 07.10.1987 in Bonn von Bundeskanzler Helmut Kohl (r) begrüßt.
Károly Grósz galt schon lange als Kronprinz in der USAP. 1988 wurde er dann von seinen Genossen wie erwartet zum Nachfolger János Kádárs gewählt. Der überzeugte Kommunist wollte noch weitergehende politische und wirtschaftliche Reformen auf den Weg bringen - die Pressefreiheit wurde eingeführt und es wurden Parteien zugelassen. Auf die führende Rolle der Ungarischen Kommunistischen Partei mochte Grósz allerdings auch nicht verzichten und wurde daher ein Jahr später von seinem Posten abberufen. (Im Bild: Karoly Grósz und Helmut Kohl im Oktober 1987) Bildrechte: dpa
Ungarns Ministerpräsident Miklos Nemeth, der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth, Ungarns Staatsminister Imre Poszgay und Ungarns Innenminister Istvan Horvath während der Feierlichkeiten zur Ausrufung der Republik Ungarn am 23. Oktober 1989 in Budapest.
Nachfolger wurde im Dezember 1988 Miklós Németh. Unter seiner Führung verzichtete die USAP auf ihrem Parteitag im Januar 1989 in Budapest auf die führende Rolle in Staat und Gesellschaft. Es war ein historischer Beschluss. Nun begann zügig die Transformation der ungarischen Gesellschaft. Weil die bisherige Staatspartei auf ihr Machtmonopol verzichtet hatte, konnte der Systemwechsel weitestgehend still und reibungslos vonstatten gehen. Im März 1989 traf sich Németh mit Michail Gorbatschow. Németh sagte zu ihm: "Wir müssen zur äußeren Welt nicht nur die Fenster, sondern auch die Türen öffnen". Dann informierte er den sowjetischen KP-Chef darüber, dass Ungarn die maroden Stacheldrahtsperren an der Grenze zu Österreich nicht mehr erneuern wird. Gorbatschow fragte: 'Warum?' Németh sagte: 'Wir haben verschiedene Gründe, einer davon ist, dass wir kein Geld haben.' Gorbatschow nickte und sagte: 'Es wird kein neues 1956 geben.' (Foto: Miklos Nemeth, ganz links, 2004) Bildrechte: dpa
Alois Mock und Gyula Horn durchtrennen 1989 den Eisernen Vorhang.
Ein Schnitt veränderte die Welt: Der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West bekam Löcher. Alois Mock, Außenminister von Österreich, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn durchtrennten am 27. Juni 1989 den Stacheldraht an der österreichisch-ungarischen Grenze. Bereits Anfang Mai 1989 hatte Ungarn begonnen, die Grenzsperren nach Österreich abzubauen. Die Begründung: Die Grenzzäune wären alt und verrostet. Die UdSSR wollte aber keinen neuen liefern und Ungarn kein Geld mehr dafür ausgeben. Warum auch? Seit 1988 hatten die Ungarn Reisefreiheit. - Das Bild selbst war freilich gestellt: Als Horn und Mock den Zaun durchschnitten haben wollen, gab es zwischen Ungarn und Österreich schon gar keinen mehr, es musste vielmehr für das "historische" Foto ein neuer gezogen werden. Bildrechte: dpa
Imre Nagy
Am 6. Juli 1989 fällte der Oberste Gerichtshof Ungarns ein entscheidendes Urteil: Es rehabilitierte den 1958 hingerichteten Führer des ungarischen Volksaufstands von 1956, Imre Nagy. Er sei zu Unrecht verurteilt und hingerichtet worden. Just zur gleichen Stunde starb sein damaliger Widersacher János Kádár 77-jährig an Altersschwäche.
(im Bild: Imre Nagy)
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Blick auf das Zeltlager des Malteser-Hilfdienstes in Budapest im September 1989
Im Sommer 1989 besetzten Hunderte DDR-Bürger die Botschaften der Bundesrepublik und Österreichs in der ungarischen Hauptstadt Budapest, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Als die Botschaften wegen Überfüllung schließen mussten, wurden Zeltlager für die Ausreisewilligen eingerichtet.
(Im Bild: das Zeltlager des Malteser-Hilfdienstes in Budapest im September 1989)
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Eine Mutter und ihr Kind schlafen in einem Trabbi
Ausreisewillige DDR-Bürger wie diese Mutter mit ihrer Tochter campieren im August 1989 in ihren Autos vor der bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Sie warten wie viele Tausende andere DDR-Bürger auf eine Ausreisemöglichkeit in den Westen. Bildrechte: dpa
Massenflucht von DDR-Bürgern über Österreich
Am 19. August 1989 fand ein sogenanntes "Europa-Picknick" bei Sopron statt. Für drei Stunden sollte symbolisch das Grenztor nach Österreich geöffnet werden. Ungarn war kurz zuvor der Genfer Flüchtlingskonvention beigetreten und konnte nun gegenüber der DDR argumentieren, dieser internationale Vertrag wiege schwerer als eine zweiseitige Vereinbarung, die Ungarn eigentlich verpflichtete, die Fluchtwilligen an die DDR auszuliefern. Bildrechte: dpa
DDR-Flüchtlinge mit ihren Kindern gehen durch das geöffnete Grenztor
Unter den DDR-Bürgern in Ungarn hatte sich die mit Flugblättern beworbene Veranstaltung wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Mehr als 600 Ausreisewillige aus dem Osten Deutschlands nutzten die Gunst der Stunde und schlüpften durch die offene Grenze in den Westen. Nach dem Paneuropäischen Picknick verschärfte die ungarische Regierung die Bewachung seiner Westgrenze zunächst wieder, um die Genossen in der DDR nicht noch weiter zu provozieren. Bildrechte: dpa
Eine Frau kratzt das DDR-Autokennzeichen von der Heckscheibe
Vorbereitung auf das Leben im Westen: Das DDR-Schild wird abgekratzt. Bildrechte: dpa
Ein Flüchtling zeigt seinen Ausweis durch die Autoscheibe
Am 11. September 1989 ließ Außenminister Gyula Horn offiziell die Grenze zu Österreich feierlich öffnen. In Ungarn ausharrenden DDR-Bürger konnten nun ungehindert in den Westen ausreisen. 12.000 von ihnen nutzten umgehend diese Gelegenheit.
(Foto: Der Ost-Berliner Gastwirt Gerhard Meyer zeigt am Kontrollpunkt seinen Personalausweis vor.)
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ungarisches Parlament in Parlament
Am 7. Oktober 1989 löste sich die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei selbst auf. Sie nannte sich von nun an Sozialdemokratische Partei. Nur wenige Wochen später, am 23. Oktober 1989, rief das ungarische Parlament die "Republik Ungarn" aus. Die "stille Revolution" war zu ihrem Ende gelangt.
(Im Bild: das Parlamentsgebäude in Budapest am Ufer der Donau)
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Alois Mock und Gyula Horn durchtrennen 1989 den Eisernen Vorhang.
Ein Schnitt veränderte die Welt: Der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West bekam Löcher. Alois Mock, Außenminister von Österreich, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn durchtrennten am 27. Juni 1989 den Stacheldraht an der österreichisch-ungarischen Grenze. Bereits Anfang Mai 1989 hatte Ungarn begonnen, die Grenzsperren nach Österreich abzubauen. Die Begründung: Die Grenzzäune wären alt und verrostet. Die UdSSR wollte aber keinen neuen liefern und Ungarn kein Geld mehr dafür ausgeben. Warum auch? Seit 1988 hatten die Ungarn Reisefreiheit. - Das Bild selbst war freilich gestellt: Als Horn und Mock den Zaun durchschnitten haben wollen, gab es zwischen Ungarn und Österreich schon gar keinen mehr, es musste vielmehr für das "historische" Foto ein neuer gezogen werden. Bildrechte: dpa