Die tatsächliche Zahl der Opfer Muss die Zahl der Mauertoten korrigiert werden?

Eigentlich schien die Zahl der Mauertoten festzustehen, doch nun sind erneut Zweifel an den Angaben laut geworden. Recherchen des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) zufolge, könnte die tatsächliche Opferzahl deutlich niedriger als bislang geglaubt liegen. Warum die Festlegung so schwierig ist.

Gedenken an Mauertote
Bildrechte: dpa

327 Todesopfer soll es an der innerdeutschen Grenze gegeben haben – das ist das Ergebnis einer Studie, die 2012 in Auftrag gegeben wurde. 2017 wurde diese Zahl in einem Handbuch des Forschungsverbunds SED-Staat der Freien Universität Berlin erneut bestätigt. Seitdem galt sie als "offizielle" Opferzahl des DDR-Grenzregimes.

Nach RBB-Recherchen müssen allerdings mindestens 50 Tote von dieser Liste wieder gestrichen werden. So würde die Studie von 2012 unter anderem auch Offiziere der Grenztruppen, die Suizid begangen haben, zum Beispiel nach einem Ehestreit, oder Volkspolizisten, die Opfer eines Amoklaufes wurden, fälschlicherweise zu den Opfern zählen. Der Autor der kritisierten Studie, Historiker Jochen Staadt, weist die Vorwürfe zurück. "Wir haben das so formuliert nach gutem Denken und Überlegen, wie wir mit solchen Biografien umgehen", sagte er dem RBB.

17. August 1962 Der Mauertote Peter Fechter

Bis heute erinnern sich Augenzeugen lebhaft an den tragischen Tod Peter Fechters, dessen Flucht nach Westberlin tödlich endete.

Foto und Inschrift an Gedenken an das Maueropfer Peter Fechter 1944 - 1962 an der Bilderwand mit Fotos von Maueropfer
Das ist Peter Fechter. Der 18-Jährige lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern im Ostberliner Stadtteil Weißensee. Am 17. August 1962 versucht er in der Nähe von Checkpoint Charlie zusammen mit einem Freund über die Mauer von Ost- nach Westberlin zu fliehen. Bildrechte: IMAGO
Foto und Inschrift an Gedenken an das Maueropfer Peter Fechter 1944 - 1962 an der Bilderwand mit Fotos von Maueropfer
Das ist Peter Fechter. Der 18-Jährige lebt mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern im Ostberliner Stadtteil Weißensee. Am 17. August 1962 versucht er in der Nähe von Checkpoint Charlie zusammen mit einem Freund über die Mauer von Ost- nach Westberlin zu fliehen. Bildrechte: IMAGO
Archivaufnahme: Jugendliche stellen Holzkreuz auf
In der Nacht und an den Tagen danach kommt es in Westberlin zu Ausschreitungen - junge Leute protestieren lautstark gegen die Mauer und schleudern wütend Steine über das Bauwerk. Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt mahnt in einer Fernsehansprache zur Besonnenheit. Bildrechte: IMAGO
Gedenkstätte für Peter Fechter an der Berliner Mauer
Diese Aufnahme stammt von 1963. Eine Gedenkstätte erinnert in Westberlin an den jungen Peter Fechter, der ein Jahr zuvor vor den Augen der Öffentlichkeit starb. Bildrechte: IMAGO
Mahnmal fuer Peter Fechter, Westseite der Berliner Mauer, April 1990.
April 1990: Das Mahnmal für Peter Fechter, an der Westseite der Berliner Mauer. Unter einem Foto des jungen Mannes wurde in mehreren Sprachen das Drama seiner Flucht erzählt. Bildrechte: IMAGO
Blumenkränze an der Peter Fechter Gedenksäule in der Zimmerstraße in Berlin-Mitte
Seit 1999 erinnert eine 2,60 hohe Metallsäule an den tragischen Tod des 18-Jährigen. Eine Initiative, die Zimmerstraße in Peter-Fechter-Straße umzubenennen, scheiterte. Bildrechte: IMAGO
Ein Grenzsoldat trägt einen Mann
Doch sein Fluchtversuch scheitert. Während Fechters Freund die Flucht in den Westen glückt, wird Fechter von einer Gewehrsalve der DDR-Grenzposten getroffen. Fechter geht unmittelbar vor der Mauer zu Boden, ruft minutenlang verzweifelt um Hilfe und verblutet vor den Augen der Öffentlichkeit: Keiner wagt es, dem jungen Mann zu helfen. Nicht die amerikanischen Soldaten, nicht die Westberliner Polizei, nicht die Volkspolizisten der DDR. Stattdessen werden im Osten Nebelgeschosse gezündet, um den Fotografen die Sicht auf das Drama zu nehmen. Erst nach kanpp einer Stunde wird Peter Fechter geborgen. Doch er ist bereits verblutet. - Das Drama wird die Titelgeschichte des US-Magazin "Time" unter dem Titel "Wall of Shame". Bildrechte: IMAGO
Berlin, Zimmerstraße, die Stelle an der Peter Fechter starb, heute.
Berlin, Zimmerstraße, die Stelle an der Peter Fechter starb, heute. Bildrechte: MDR/Kerstin Mauersberger
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Keine verlässlichen Zahlen

Im Gespräch mit MDR ZEITREISE hat Staadt bereits vor einigen Jahren geschildert, warum es so schwer ist, selbst viele Jahre nach dem Mauerfall verlässlich zu sagen, wie viele Todesopfer es gegeben hat. "Es ist die Vertuschungs- und auch die Zerstörungspraxis von Unterlagen, die das schwer macht, da die DDR-Verantwortlichen Tote haben verschwinden lassen, da sie die Fälle kaschiert haben, da sie andere Todesursachen angegeben haben, wenn sie konnten." Klar ist: Die DDR schoss nicht nur auf Flüchtlinge, sie verfolgte auch diejenigen, die eine Flucht planten oder anderen bei der Flucht halfen. Oft reichte schon der pure Verdacht. Nach Statistiken der Generalstaatsanwaltschaft der DDR wurden zwischen 1960 und 1988 mehr als 71.000 Strafen wegen "Republikflucht" verhängt.

Die Schuldfrage

Juristisch wurden die tödlichen Schüsse an der innerdeutschen Grenzen in den so genannten "Mauerschützenprozessen" vor verschiedenen Gerichten zwischen 1991 und 2014 aufgearbeitet. Ihre Bilanz: Gegen 246 wurde Anklage erhoben, 126 wurden rechtskräftig verurteilt, darunter sieben Mitglieder des Politbüros und des "Nationalen Verteidigungsrates", sowie 38 Regimentskommandeure, 80 Grenzposten und deren Vorgesetzte. Grundlage in allen Verfahren, die zum Teil noch von DDR-Staatsanwälten eingeleitet wurden, war das DDR-Recht. Die Angeklagten, zumal der politischen und militärischen Führung, erkennen ihre persönliche Schuld bis heute nicht an. Gerade auch die Mitglieder des Politbüros sahen sich als Opfer einer "politischen Justiz", gar "Siegerjustiz", gaben sich teils ahnungslos und verneinten jede Art von Mitwirkung an so etwas wie einem "Schießbefehl".

Tote wurden "billigend in Kauf genommen"

Dass die DDR-Oberen von den tödlichen Schüssen an der innerdeutschen Grenze wussten, dürfte aber außer Zweifel stehen. Christoph Schaefgen, 1995 Generalstaatsanwalt in Berlin, bezog bereits bei einem der ersten "Mauerschützenprozesse" gegen SED-Politbüromitglied Günter Schabowski Stellung zu dieser Frage. Im MDR-Magazin "Fakt" sagte er damals: "Die Mitglieder des Politbüros waren alle darüber im Bilde, dass an der Grenze geschossen wird, dass die Grenze vermint war, dass es Selbstschussanlagen gab und dass die Grenzsicherungsanlagen auch zu Toten an der Grenze geführt haben. Wenn sie gleichwohl nichts unternommen haben, um dieses Grenzregime zu humanisieren, dann haben sie sich mit der weiteren Tötung von Menschen an der Grenze auch abgefunden, und das heißt 'billigend in Kauf nehmen'".

Ein Mann sitzt an seinem Schreibtisch 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie nun mit den verliegenden Opferzahlen verfahren wird, ist noch unklar. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die in der Bundesregierung für das Thema zuständig ist, kündigte aber eine Überprüfung der Vorwürfe an. "Wenn es ernsthafte Zweifel gibt, dann werde ich dem sofort nachgehen", sagte sie.

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