Rio Reiser in Ostberlin

"Dieses Land ist es nicht!"

Per weisser Tafel wird nach Rio-Reiser-Karten gesucht
Für eine Konzertkarte ließen sich die Fans so Einiges einfallen. Bildrechte: DRA

Bei "Halt dich an deiner Liebe fest" sitzt Rio barfuß auf dem Bühnenrand und rührt auch die, die schon lange genug von Liebesliedern haben. Kein schöner Mann, ein schmächtiges Kerlchen, schwitzend, ungesund aussehend – und von einem Charisma, das uns noch heute in den Bann schlägt, wenn wir die Konzertaufzeichnung anschauen. Rio greift den Leuten ins Herz. Er spielt sich durch seine Solo-Hits, natürlich "König von Deutschland" und "Junimond", bringt viel von den Scherben, die hier im Osten ja noch nie jemand gesehen hat. Und dann, kurz vor den Zugaben, "Der Traum ist aus". Rio allein am Keyboard. Als er anhebt zu singen, ist das Publikum wie mit einer Stimme dabei:

"Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,
du warst hier und wir war'n frei
und die Morgensonne schien."

Er erträumt ein Land im Frieden, mit freien Menschen. Ein naiver Traum, gewiss.

"Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben,
dass er Wirklichkeit wird."

Selbst, wer den Text nicht kennt, begreift noch in Sekundenbruchteilen, was er hier, 1988 in der DDR, bedeutet:

"Gibt es ein Land auf der Erde,
wo der Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich sicher:
Dieses Land ist es nicht."

Hoffnung auf ein anderes Leben

Der Saal scheint zu bersten, das Publikum ist Rio voraus, singt, schreit, wütet mit, lässt den ganzen Frust über dieses verschlafene, zugesperrte Land in Agonie heraus. "Der Traum ist aus", 1972 im antikapitalistischen Impetus geschrieben, wirkt 1988 in Ostberlin so frisch, so nah an den Gefühlen der Menschen, dass er genau für diesen Moment gemacht scheint. Wer dabei war, vergisst den Moment nicht wieder. Wer ihn heute hört, spürt noch immer die Wucht des Augenblicks, in dem sich alles ballt: Wut, Frust, Ohnmacht und die Hoffnung, dass es doch einmal anders sein wird.

"Ein heißer Sommer wartet vor der Tür"...

Das Konzert wiederholt sich am zweiten Abend fast identisch. Lutz Kerschowski macht die gleichen launigen Sprüche, die die FDJ-Funktionäre schon nach dem ersten Abend beklagt hatten – der FDJ-Kultursekretär Rainer Börner hat die Klagen aber einfach nicht an Lutz Kerschowski weitergeleitet. Dafür musste er später eine Stellungnahme schreiben. Rio Reiser singt die gleichen Songs, bei "Der Traum ist aus" bricht das Publikum ebenso wie am Abend zuvor in Jubel, Schreien und Begeisterung aus. Nur das Konzertende variiert: Rio Reiser hatte am ersten Abend Gefallen an Kerschowski gefunden und mit ihnen zusammen eine gemeinsame Zugabe geprobt, Eddie Cochrans "Summertime Blues". Rio singt herrlich schnodderig das englische Original, Lutz Kerschowski seine wunderbare Übersetzung. Vier Gitarren schneiden sich in den Saal, ein Saxophon tupft Akzente. Lutz und Rio improvisieren, haben sichtbar Spaß miteinander. "Ein heißer Sommer wartet vor der Tür" schließt der Refrain und damit das Lied. Das war im Oktober 1988. Im nächsten Sommer sollte sich die Welt verändern, als im Ostblock der Stacheldraht und die Angst wichen.

Hintergrund Rio Reiser, eigentlich Ralph Christian Möbius, wurde 1950 in Berlin geboren. Von 1970 bis 1985 war er Texter und Sänger der Politrockband "Ton Steine Scherben": Reisers Songs wie etwa "Keine Macht für niemand" oder "Macht kaputt, was euch kaputt macht" (der im Auftrag der RAF entstanden sein soll) avancierten zu Kultsongs der Linken in der Bundesrepublik. 1985 startete er eine erfolgreiche Solokarriere. Rio Reiser starb 1996.

Zuletzt aktualisiert: 11. Oktober 2019, 12:03 Uhr