Rio Reiser in Ostberlin

Vom Politiker zum Popstar

Rio Reiser feierte in den späten 1980ern seine größten kommerziellen Erfolge. Sein Hit "König von Deutschland" lief landauf, landab, im Radio und in Diskotheken, in Ost wie West. Aus dem Sänger der anarchistischen Polit-Rock-Band "Ton, Steine, Scherben" war ein Popstar geworden, der erstmals in seinem Leben richtig Geld verdiente.

Die beiden Konzerte in Ost-Berlin sollten den Abschluss der Tournee bilden. Rio Reiser war froh, endlich einmal in der DDR zu spielen. Sein langjähriger Freund, Bandkollege und Gitarrist R.P.S. Lanrue erinnert sich, dass sie zwar von den Grenzschikanen der Stasi genervt waren, wenn sie im Transit von West-Berlin in die BRD fuhren, dass sie aber den verstaubten Charme der DDR irgendwie mochten: "Wir mussten ja manchmal über die Dörfer fahren und haben uns gefreut: Keine Coca-Cola-Werbung! Wir fanden das ziemlich gut." Reisers Band reiste schon einen Tag vor dem Konzert an, zum Sightseeing in Ost-Berlin. Das Hotel war – für Westmaßstäbe – lausig, das Bad über den Flur, aber die Veranstalter, das Jugendradio DT 64, bemühten sich, den Aufenthalt trotzdem angenehm zu machen.

"Alles Lüge!"

Am 1. Oktober dann ging es los, DDR-typisch recht früh, Einlass war 18 Uhr, Konzertbeginn 19 Uhr. Filmaufnahmen zeigen junge Leute in Stonewashed-Jeans, Männer mit Schnauzbärten, junge Frauen mit Dauerwelle in die Halle stürmen. Kerschowski begann pünktlich, aber ohne Gitarristen zu spielen: Der war, den strengen Sicherheitsregeln geschuldet, aus Versehen in der Toilette eingeschlossen worden. Seinen Auftritt garnierte Lutz Kerschowski mit aufmüpfigen Sprüchen von den alten Männern, die zu lange und zu steif "da oben" sitzen und bestimmen, von zu wenig Jungs und Mädchen, die dagegen aufbegehren. Kerschowski spielte 50 Minuten, ab dem zweiten Titel auch mit Gitarristen, erntete Beifall und musste sogar eine Zugabe geben.

Rio Reiser gibt in der DDR ein Konzert
Auf ihn haben die Fans gewartet: Am 1. Oktober 1988 trat Rio Reiser in Ostberlin auf. Bildrechte: DRA

Und dann, nach der Umbaupause, endlich: Grüner Nebel, blaue Scheinwerfer, und heraus tritt lächelnd ein schmaler Mann in Röhrenjeans und Sakko, eine Schiebermütze auf dem Kopf: Rio Reiser! Links neben ihm im weißen Hemd, Strohhut und Gitarre: Lanrue. Die beiden, die das Herz von "Ton, Steine, Scherben" gewesen waren, die "Keine Macht für niemand" und "Macht kaputt, was euch kaputt macht" gesungen hatten, hier in der piefigen Republik der alten Männer! Die Fans singen jede Zeile mit, tanzen, manche mit Tränen in den Augen, schwenken schwarz-rote Anarcho-Fahnen. Rio beginnt mit "Alles Lüge". Ein Spaßsong, gewiss, aber in der DDR ist nichts nur Spaß, hier kann man nicht "Alles Lüge" singen, ohne dass sich das Publikum seinen Teil dazu denkt. "Blinder Passagier", "Bis ans Ende der Welt", und dann endlich der erste "Scherben"-Titel: "Jenseits von Eden". Das ist die schwarze, die abgründige Seite Rio Reisers, die ihn Meilen von plattem Spaß und Neuer Deutscher Welle enthebt.