Westreisen: DDR-Bürger in der Bundesrepublik

Seit Errichtung der Berliner Mauer 1961 und der immer weiter perfektionierten Sicherung des "antifaschistischen Schutzwalles" auch an der Demarkationslinie zwischen Bundesrepublik Deutschland und DDR wurde der legale Grenzübertritt in westlicher Richtung, wurde die "Westreise" zu einer Reise besonderer Art.

Von der Gründung der DDR bis zum Mauerbau verließen über 2,6 Millionen Menschen das "Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik" - für immer. Die Mauer war die einzige Antwort, die die DDR darauf fand. "Reisefreiheit", selbst wenn es sich nur um Besuche oder Bildungsreisen handelte, war für die Staatsführung der DDR daher in der Folge mit der Gefahr verbunden, dass nicht alle Reisenden auch wieder zurückkommen würden. Arbeitskräftemangel war zu allen Zeiten ein Problem, und knapp zwei Drittel der DDR-Flüchtlinge waren Berufstätige.

Anders war es mit den Rentnern. Zunächst nur einmal, später auch mehrmals im Jahr konnte, wer eine Einladung vorweisen konnte und das Rentenalter erreicht hatte, zu besonderen Anlässen in den Westen reisen. Die Möglichkeit der "Republikflucht" war hier gering. Was sollte man alleine "drüben", wenn doch Kinder und Enkel zurückgeblieben waren?

DDR-Bürger in der BRD keine Ausländer

Mit dem "Grundlagenvertrag" zwischen der Bundesrepublik und der DDR von 1972 erfolgte die Anerkennung der gemeinsamen Grenzen und die Respektierung der Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Staaten. Trotzdem behandelte die Bundesrepublik DDR-Bürger nach wie vor nicht wie Ausländer. Wer in den Westen kam, konnte einen deutschen Pass beantragen und damit auch in Länder reisen, für die er auf dem DDR-Pass keine Visa hatte. Das Begrüßungsgeld, das die westdeutschen Gemeinden in unterschiedlicher Höhe auszahlten, war ebenfalls willkommen, da die erlaubte Ausfuhrmenge an Devisen aus der DDR lächerlich gering war.

Der Verkehrsvertrag (ebenfalls 1972) und der Grundlagenvertrag sahen auch Erleichterungen in der Familienzusammenführung, auf dem Gebiet der Reisefreiheit und dem privaten Warenaustausch und Briefverkehr vor. Von nun an konnten auch Nicht-Rentner zu gleichen Bedingungen in den Westen reisen. Hier aber achteten die Behörden streng darauf, dass Teile der Familie in der DDR blieben. Es liegt nicht fern, in dieser Praktik eine indirekte Geiselnahme zu sehen.

Antragsstellung durch Bürokratie erschwert

Die Antrag-Prozedur selbst machte einen Besuch im Westen zu einem kleinen Abenteuer: Mit der Einladung von den West-Verwandten zu einem besonderen Familientag (runder Geburtstag eines alten Familienmitglieds, Beerdigung etc.) ging man zur Meldestelle der Volkspolizei und stellte den Antrag. Der Betrieb erhielt ebenfalls einen Antrag und gab eine Beurteilung ab, mit der dann wieder bei der Polizei vorgesprochen werden musste. Ebenfalls nötig war die Kopie der Geburtsurkunde der zu besuchenden Person sowie eine Beglaubigung, dass diese Person noch lebt. Erst dann bekam man - in der Regel - den Pass ausgehändigt, nur wer ihn schon einmal benutzt hatte, konnte ihn behalten.

Trotz Helsinki keine spürbare Reiseerleichterung

Mit der Unterschrift unter die Schlussakte von Helsinki (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) 1975 verpflichtete sich auch die DDR zu weiteren Schritten für eine Verbesserung der Meinungsfreiheit, der menschlichen Kontakte über Staatsgrenzen hinweg und der Familienzusammenführung. Aber in der Praxis war der freie Verkehr zwischen den beiden deutschen Staaten nach wie vor schwer, auch der Tagesumtausch für Bundesbürger, die in die DDR reisen wollten, trug dazu bei, dass sich der Reiseverkehr in beide Richtungen auf möglichst niedrigem Niveau bewegte. 1980 wurde der Mindestumtausch von 13 auf 25 DM erhöht, Fahrten mit der ganzen Familie wurden teuer.

"Reisekader" waren privilegiert

Für manche DDR-Bürger war es aber trotz aller Hindernisse möglich, öfter in den Westen zu reisen. Wer zum "Reisekader" gehörte, war privilegiert. Vertreter des Spitzensports, der Wirtschaft und hochrangige Vertreter von Politik und Staat ebenso wie mancher Wissenschaftler und Künstler waren, wenn sie von den eigenen Arbeitgebern oder Dienststellen für würdig befunden wurden, in der Lage, sich sogar regelmäßig mit einem Visum auf die Reise in den Westen zu machen. Vertrauen in die politische Treue der Reisenden war Voraussetzung. Und dann blieben auch hier meist Angehörige zurück, die nach einer vollzogenen "Republikflucht" wieder zu sehen unsicher, ja eigentlich unmöglich war. Wer einmal aus der DDR geflohen war, musste damit rechnen, nie mehr zurückkehren zu können.

Mittel zur Disziplinierung - Status konnte auch wieder entzogen werden

Zum "Reisekader" zu gehören, bedeutete ein erhebliches Privileg. Nicht nur bot der Austausch mit westlichen Kollegen die Möglichkeit, auch über die Grenzen der DDR hinaus bekannt zu werden und an den internationalen Entwicklungen teilzuhaben. Die Aufnahme in den West-Reisekader konnte natürlich auch jederzeit ohne Begründung wieder entzogen werden und war somit ein weiteres Mittel zur Disziplinierung. Denn wer schon einmal dazugehört hatte, wollte diesen Status nicht mehr verlieren. Viele offizielle Westreisende waren dem Ministerium für Staatssicherheit auch ein Reservoir an Informationen. Dazu mussten die gereisten DDR-Bürger nicht selber Mitarbeiter der Staatssicherheit sein, auch auf anderem Wege war es möglich, Informationen zu erhalten, zum Beispiel über Mitreisende.

Mit der FDJ in die USA

Eine besondere Form der Westreise war für Gruppen der FDJ möglich. Ausgesuchte Mitglieder wurden zu Jugendtreffen in der Bundesrepublik gebracht (oft zu "befreundeten" Parteien), manche kamen auf organisierten Reisen sogar in die westeuropäischen Staaten oder die USA. Repräsentation der DDR gehörte zu ihren vornehmsten Aufgaben. Und sie sollten Beweis sein für die von Feinden im In- und Ausland so häufig angezweifelte Reisefreiheit.

Ab 1988 ging die Regierung der DDR mit Reiseanträgen in das kapitalistische Ausland immer großzügiger um, die Reisekader wurden erweitert. Die Absicht, dadurch der anschwellenden Flut von Ausreise- und Besuchsanträgen die Spitze zu nehmen, schlug jedoch fehl.