Geschichten aus der Lausitz Wiednitz – ein ungewöhnlich gewöhnliches Dorf

Im sächsischen Wiednitz existieren Dorfidyll und Industrie seit vielen Jahren nebeneinander. Das Dorf hat einige Umstrukturierungen der Geschichte miterlebt: Vom Rittergut über die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) bis zum Wiedereinrichter, von sandiger Heide bis zum Tagebau mit Brikettfabrik und von der Brikettfabrik zur Industriebrache. Ansonsten aber ist es ein ungewöhnlich gewöhnliches Dorf.

Acker, Hühner, Gänse, Pflug, Mann, Kind
Bildrechte: Thomas Kläber
Wo liegt Wiednitz?
Wiednitz in Sachsen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gabriele Witschaß ist die Bürgermeisterin von Wiednitz. Seit 1990 übt sie ihr Amt aus: "Nach der Wende die Leute wollten einen neuen Bürgermeister, obwohl der alte fleißig gearbeitet hatte. Zum Beispiel wenn ein Rohr verstopft war, hat er es selber frei gemacht", erzählt sie.

"Und weil kein anderer da war, bin ich das eben geworden. Das war am Anfang sehr peinlich, du bist gekommen und keiner kannte dich. Dann der erste Tag auf Arbeit, alles guckte. Drei Mitarbeiter waren im Gemeindebüro. Freilich, am Anfang gab es beim Gemeinderat auch die gegenseitigen Verdächtigungen: Na, der oder die war doch bei der Stasi ... Wir haben alle überprüfen lassen. Und das Ergebnis: Keiner im Gemeinderat war dabei. Das hat das Klima verbessert und war somit Basis für eine erfolgreiche Arbeit. Wer in welcher Partei ist, hat dann niemand mehr interessiert. Es ging nur noch um den Ort. Viel Arbeit kann das ja nicht sein in so einem kleinen Ort, das dachte ich zuerst."

Frau, bemalte Wand
Bürgermeisterin Gabriele Witschaß Bildrechte: Thomas Kläber

Doch da irrte sich die neue Bürgermeisterin. Eine Kommune ist ein bisschen wie ein kleiner Staat geworden. Von der Feuerwehrsirene bis zum Standesamt reicht die Verantwortung. Das bedeutet mehr Aufgaben und weniger Geld. Hilf dir selbst! heißt die Parole. Für die eingestellte Bahnlinie ist zum Beispiel eine Busverbindung auszuhandeln, das Lehrlingswohnheim wird ein Aussiedlerheim und dann beginnt auch noch der Kampf um die Erhaltung der Schule im Ort: "1996 spitzte sich das mit der Schule zu. Die Forderung für eine neue erste Klasse waren fünfzehn Schüler. Aber so viele Kinder gab es in Wiednitz nicht. Woher also Erstklässler nehmen? Da sind wir auf die Idee mit den Aussiedlern gekommen. Wir hatten von der Aussiedlersammelstelle meist Familien ohne Kinder zugewiesen bekommen. Da sind wir hingefahren und haben um Familien mit vielen Kindern gebeten. Das hat auch geklappt. Aber es stand in irgendeiner Ausführungsbestimmung, die keiner kannte, dass nur deutsche Kinder zählen und keine Aussiedler und das waren neun, wir hatten nur sechs deutsche Kinder."

Die Sache mit dem Zebrastreifen

Kinder, Frau spielt Puppentheater
Klassisches Kindervergnügen: Puppentheater Bildrechte: Thomas Kläber

Eine Amtshandlung hätte der Bürgermeisterin beinahe einen Gerichtstermin eingebracht. Diese Geschichte gehört eigentlich in jeden Reiseführer, damit Besucher eine Ahnung vom Funktionieren dieses Landes bekommen. "Durch Wiednitz führt eine Staatsstraße. Auf der gelangt man zur Autobahn. Die Straße ist also reichlich befahren. Über diese Straße mussten die Kinder zur Schule. Ein Fußgängerüberweg sollte die Kinder schützen. Da haben wir einen Zebrastreifen angelegt. Nach zwei Jahren kam ein amtlicher Brief. Die Entscheidung hätte nicht getroffen werden dürfen. Und es war eine Frist bis zum Wegmachen des Zebrastreifens angegeben. Ansonsten drohte man mir mit Gericht. Die Kinder waren zwar sicher, aber der Übergang war nicht vorschriftsmäßig beantragt. Eine Genehmigung für einen solchen Fußgängerübergang gab es aber nicht. Wenigstens eine Verkehrsinsel ist gestattet worden. Dadurch ist das Risiko halbiert. Wird dennoch mal jemand überfahren, trifft den zuständigen deutschen Beamten keine Schuld, er hat nach den Dienstvorschriften gehandelt."

Hochzeitsgesellschaft, Dorfstraße, Kühe
Dorfhochzeit in Schöna Kolpien, 1981: Hochzeiten waren schon immer zentrale Feste in der kleinen Gemeinde und wurden meist groß gefeiert. Immer dabei Blumenmädchen, die dreckige Dorfstraßen mit Blumen bestreuten. Wollte man mit sauberen Kleidern ankommen, musste man trotzdem vorsichtig sein. Bildrechte: Thomas Kläber

Die Mühen des Anfangs

Manchmal hätten sie sich mächtig über bestimmte Gesetze geärgert und anfänglich gar noch geglaubt, was dagegen machen zu können, sagt die Bürgermeisterin. "Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, wofür eine solche Gemeinde alles zuständig ist. Ich hatte ja auch den Ehrgeiz alles gut und richtig zu machen. Leute kamen und wollten den Bürgermeister sehen, da konnte man nicht sagen, heute ist kein Sprechtag."

Alles, was man heute unter typisch Verwaltung versteht, fehlte damals: Kaffeemaschine, Gläser, warme Amtsstube, 8-Stunden-Tag, Dienstvorschriften. Schmerzlich waren die nicht vorhandenen Nachrichtenmittel wie Kopiermaschine, Drucker, Computer ... "Unser Partnerkreis in Westdeutschland hatte hier alles bereist und gesehen, was so fehlt. Da haben sie uns sogar einen Kopierer geschenkt."

Wettbewerb um das schönste Dorf im Land

Beim Ausräumen des alten Amtes kam auch ein DDR-Relikt zum Vorschein: Es ähnelt einer Grabplatte, an der für den Namen ein Blech befestigt ist und darüber das DDR-Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz. So was gab es damals für Sieger des Wettbewerbs "Schöner unsere Städte und Gemeinden". Auf der Platte ist allerdings kein Name eingeritzt. Vielleicht hat sich Wiednitz deshalb nach der DDR an so einem Schön-Mach-Wettbewerb beteiligt. Auf alle Fälle war das Dorf dabei sehr erfolgreich. "Wir haben uns eigentlich keine Chancen ausgerechnet, haben aber einen zweiten Platz gemacht. Nur deshalb, weil wir in Wiednitz darauf geachtet haben, dass die alten Sachen erhalten werden. In der Kommission waren auch etliche Westdeutsche, die waren begeistert, dass Wiednitz noch wie ein Dorf aussieht."