Buchtipp zum Thema Haft-Zwangsarbeit Zwangsarbeit im Chemiedreick. Strafgefangene und Bausoldaten in der Industrie der DDR

Strafgefangenen und Bausoldaten mussten während der DDR in der Chemieproduktion in Bitterfeld, Schkopau und Leuna arbeiten. Über die harten und zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen, die diese "Zwangsarbeiter" dabei zu ertragen hatten, hat der Hallesche Historiker und Theologe Justus Vesting ein Buch veröffentlicht.

Welches Ausmaß die Haft-Zwangsarbeit hatte und welche gesundheitlichen Schäden die Gefangenen und Bausoldaten bis heute davon tragen, schildert Vesting im Gespräch mit MDR FIGARO-Geschichtsredakteur Stefan Nölke. Hören Sie das Gespräch hier!

Zitat von einem Opfer

Ein ehemaliger Strafgefangener beschreibt die Arbeitsbedingungen im Chemiekombinat Bitterfeld so: "Als ich das erste Mal in die Halle kam, wo die Natronlauge produziert wurde, dachte ich, das sind lauter wandelnde Leichen. Man sieht die Leute dort drin. Man denkt, die sind gerade aus dem Grab aufgestanden und laufen jetzt da durch die Gegend. Niemand wurde richtig in die Gefährlichkeit der Arbeit und die Schäden, die entstehen können, eingewiesen. Die Leute, die oben gearbeitet haben, haben immer mit Chlorgas zu tun gehabt. Ein Gebläse gab es nicht, nicht mal Luken. Alles war zugemauert worden, wegen der Fluchtgefahr"

Fazit der Studie

Dass die SED Gefangene und Bausoldaten in diesem außerordentlich schwierigen und hochgefährlichem Bereich der Produktion einsetzte, sieht Vesting als Reaktion auf die wirtschaftlichen Probleme der DDR. Ab Ende der 70er-Jahre seien die Betriebe aus dem Korsett der Planvorgaben einerseits und der fehlenden Investitionsmittel andererseits nicht mehr herausgekommen. Und so habe die Krise die Generaldirektoren dazu gebracht "Zwangsarbeiter" anzufordern, schreibt Vesting: "Unter der Maxime, dass alles zum Wohle der Volkswirtschaft diene, wurde dieser Einsatz gerechtfertigt. Ohnehin waren tausende Arbeiter täglich ähnlichen Gesundheitsrisiken ausgesetzt. Der Einsatz von 'Staatsfeinden' war also in dieser Logik evident".

Das vorgestellte Buch Justus Vesting - "Zwangsarbeit im Chemiedreick. Strafgefangene und Bausoldaten in der Industrie der DDR"
224 Seiten, broschiert
Ch. Links Verlag 2012
ISBN: 978-3861536758