Haus und davor stehen Kühe.
Degania – eine der ersten Siedlungen, die Arthur Ruppin in Palästina gründete und bewirtschaften ließ. Es ist der erste Kibbuz Israels. Bildrechte: IMAGO

Ein Magdeburger gründete Tel Aviv

Arthur Ruppin gilt als Gründer Tel Avivs und als einer der Väter des israelischen Staates, der am 14. Mai 1948 begründet wurde. Seine Jugend verbrachte Ruppin in Magdeburg. Doch das wissen heute nur noch wenige.

von Elisabeth Lehmann

Haus und davor stehen Kühe.
Degania – eine der ersten Siedlungen, die Arthur Ruppin in Palästina gründete und bewirtschaften ließ. Es ist der erste Kibbuz Israels. Bildrechte: IMAGO

Es ist eine kleine Straße, nicht weit vom Dom, die Arthur Ruppins Namen trägt. Die deutsch-israelische Gesellschaft in Magdeburg hat sich lange dafür eingesetzt, dass Ruppin eine Würdigung in der Elbe-Stadt erhält. Und für so manchen Magdeburger hätte sie gern ein bisschen größer ausfallen dürfen - gemessen an Ruppins Rolle in der Geschichte. Ruppin hat quasi die israelische Stadt Tel Aviv gegründet, gilt als einer der Väter des heutigen Staates Israel. "Aber ich glaube, die wenigsten Magdeburger wissen überhaupt etwas von ihm, was ja auch kein Wunder ist, da er nur so kurz hier lebte und später nur noch besuchsweise nach Magdeburg kam", sagt Waltraut Zachhuber vom Förderverein "Neue Synagoge Magdeburg".

Schulzeit in Magdeburg

Arthur Ruppin (1876 - 1943).
Arthur Ruppin Bildrechte: IMAGO

Doch der Reihe nach. Arthur Ruppin wird am 1. März 1876 in Rawitsch im Südosten der preußischen Provinz Posen in eine jüdische Familie geboren. Als sein Vater, ein Verkäufer für Herren- und Damenbekleidung, seine Arbeit verliert, zieht die Familie 1886 nach Magdeburg. Ruppin verbringt seine Schulzeit dort, studiert später Volkswirtschaftslehre und Jura in Halle und Berlin. Ruppins Familie begrüßt seinen Werdegang, hofft, dass der promovierte Jurist an einem Gericht oder der Universität arbeiten und gutes Geld verdienen wird. Doch Ruppin hat andere Pläne.

Heimstätte für das jüdische Volk

Die Idee des Zionismus hat es ihm angetan. 1897 findet in Basel der erste Zionistenkongress statt. Eines seiner wichtigsten Ergebnisse ist die Erklärung, dass "der Zionismus die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebt". Eine schon damals umstrittene Idee, die Ruppin aber fasziniert und der er sich seither verschreibt. Er heuert in Berlin bei der Zionistischen Organisation an, die ihn 1907 nach Jaffa im damals osmanischen Palästina schickt. Ruppin soll erkunden, ob sich dort ein jüdischer Staat errichten lässt.

Erste Reise nach Palästina desillusioniert Ruppin

Sechs Monate reist er durch das Land und bleibt danach einigermaßen ratlos zurück. Außer dreckigen Straßen, streunenden Katzen und von Malaria geplagten Bauern findet er wenig, woraus sich ein moderner Staat machen ließe. Zudem gehört das Land den Arabern. Am Ende seiner Reise schreibt er: "Die Juden bilden mit ihren 80.000 Seelen unter der auf 700.000 Personen zu beziffernden Gesamtbevölkerung von Palästina nur eine kleine Minderheit. Sie besitzen von der Gesamtfläche Palästinas (29.000 Quadratkilometer) nur etwa 400 Quadratkilometer, das heißt etwa eineinhalb Prozent, und ragen weder durch Kapital noch durch politische Organisation besonders hervor."

Übersiedlung nach Palästina

Herbert Samuel Square, Tel Aviv, 1945
Tel Aviv, Herbert-Samuel-Platz, 1945 Bildrechte: Foto: Rudi Weissenstein, Copyright: Photo House Pri-Or, Tel Aviv

Doch Ruppin hält an seinem Traum fest und siedelt ein Jahr später mit seiner Familie nach Palästina über. Nach und nach gründet er rund um Jaffa kleine Ortschaften, befestigt Straßen, baut Häuser mit Toiletten nach europäischem Vorbild. Eine dieser Ortschaften liegt auf sandigen Dünen, nicht weit vom Strand entfernt. Die neue Siedlung erhält den Namen "Hügel des Frühlings" – daraus entwickelt sich die heutige Metropole Tel Aviv. Ruppins Traum von einem Staat nimmt Gestalt an. Doch noch immer fehlen dem Staat die Einwohner. Ruppin spekuliert darauf, dass Juden aus aller Welt nach Palästina übersiedeln, wenn es sich wirtschaftlich lohnt. Er schreibt: "Die Größe der Einwanderung nach Palästina hängt davon ab, wie vielen Einwanderern das Land eine Existenz gewähren kann. In Osteuropa stehen Massen von Juden zur Auswanderung bereit, und eine Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Palästina wird sie nach Palästina führen, ohne dass es dazu einer besonderen Agitation bedarf."

"Meister des Faktenschaffens"

Einige Historiker machen Ruppin heute den Vorwurf, dass er das Vorbild der heutigen israelischen Siedlungspolitik ist, die keine Rücksicht auf die palästinensische Bevölkerung nimmt. Die Wochenzeitung "Die Zeit" bezeichnete ihn kürzlich als "Meister des Faktenschaffens". Als Ruppin nach Palästina kommt, stellte er einfach Häuser auf Land, das er glaubt, nutzen zu können, lässt Oliven und Getreide anbauen und vereinnahmt damit Stück für Stück die Heimat der dort lebenden Araber. Ruppin glaubt lange daran, dass beide Völker friedlich nebeneinander leben können, jedes in seinem Staat. Doch seine Hoffnung wird 1929 endgültig enttäuscht, als Unruhen zwischen Juden und Arabern ausbrechen und in blutigen Auseinandersetzungen in Hebron 67 Juden sterben. Danach tritt Ruppin dafür ein, dass es ausschließlich einen jüdischen Staat auf dem Gebiet Palästinas geben könne.

Ruppins Name lebt weiter

Sein höchstes Ziel, die Gründung eines jüdischen Staates, erlebt Arthur Ruppin nicht mehr. Als Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Geburt Israels ausruft, ist Arthur Ruppin bereits fünf Jahre tot. Doch in Israel lebt sein Name bis heute weiter, etwa in Siedlungen und Universitäten. Und auch viele Magdeburger haben ihn nicht vergessen. "Die Benennung der Straße in Domnähe nach ihm ist doch ein Zeichen, dass Magdeburg auf diesen einmal hier beheimateten Mann, der für die Geschichte Israels so wichtig wurde, stolz ist und das auch festgehalten haben wollte", sagt Waltraut Zachhuber. Sie freue sich immer wieder darüber, dass es diesen Straßennamen gebe, und habe schon so manchen Besucher aus Israel dorthin geführt.

Über dieses Thema berichtete der MDR in "Aktuell" 07.04.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2019, 13:08 Uhr