Eine Tupolew Tu-144
Am 31. Dezember 1968 ging die Tupolew Tu-144 als erstes ziviles Überschallflugzeug an den Start. Der Jungfernflug glückte, die Sowjets gewannen das Wettrennen gegen Franzosen und Briten. Bildrechte: dpa

Das Duell der zivilen Überschallflugzeuge Wie viel Concorde steckte in der Tupolew Tu-144?

Sie flog schneller als der Schall: Die Tupolew Tu-144. Am 31. Dezember 1968 gewannen die Sowjets das Überschallduell vor Franzosen und Briten mit der Concorde. Die DDR war am Erfolg der Sowjets beteiligt – mit Spionage.

von Sabine Cygan

Eine Tupolew Tu-144
Am 31. Dezember 1968 ging die Tupolew Tu-144 als erstes ziviles Überschallflugzeug an den Start. Der Jungfernflug glückte, die Sowjets gewannen das Wettrennen gegen Franzosen und Briten. Bildrechte: dpa

Mit der Tupolew Tu-144 gewannen die Sowjets gleich zwei Rennen: Zum einen flog das Passagierflugzeug schneller als der Schall. Zum anderen hatte die Tupolew ihren Jungfernflug vor dem britisch-französischen zivilen Überschallflugzeug Concorde. Dieser zweite Sieg, der am 31. Dezember 1968 glückte, war noch viel wichtiger.

"Auf der einen Seite stand die technologische Herausforderung, 'es zu schaffen'", sagt Martin Schuermann von der Deutschen Gesellschaft für Luft und Raumfahrt e.V., Bezirksgruppe Braunschweig. Er hat sich in seiner Dissertation mit zivilem Überschallflug beschäftigt. Auf der anderen Seite war das Projekt ziviler Überschallflug auch politisch getrieben. Und damit scheinbar alles erlaubt – auch der Einsatz von Spionen. Mit der "Operation Brünnhilde" soll die DDR maßgeblich daran beteiligt gewesen sein, entscheidende Informationen für den Bau der Tupolew Tu-144 zu beschaffen.

Startschuss: Das Duell der zivilen Überschallflugzeuge beginnt

In den 60-er Jahren schien es keine technologischen Hindernisse zu geben, die nicht überwunden werden konnten. Dass es möglich war, schneller als der Schall zu fliegen, bewies bereits 1946 Chuck Yeager in einem Raketenflugzeug. Wieso also nicht auch ein Verkehrsflugzeug entwickeln, das diese Geschwindigkeit erreichte? Die Motivation bei den Sowjets war besonders hoch.

Der Wettlauf zum Mond war nicht mehr zu gewinnen. Den Wettlauf um das erste zivile Überschallverkehrsflugzeug konnte man gewinnen.

Martin Schuermann, Deutsche Gesellschaft für Luft und Raumfahrt e.V.
Nikita Chruschtschow
Regierungschef Nikita Chruschtschow unterstützte das Projekt ziviler Überschallflug. Bildrechte: dpa

Regierungschef Nikita Chruschtschow war Befürworter des Überschall-Projekts. Im Juli 1963 übertrug der Minister für Luftfahrtindustrie der Sowjetunion dem Flugzeugbauer Alexej Andrjewitsch Tupolew die Aufgabe, ein Passagierflugzeug zu entwickeln, das schneller flog als der Schall. In nur viereinhalb Jahren sollte das Unternehmen fünf flugtüchtige Überschallflugzeuge bauen. Großbritannien und Frankreich steckten zu dieser Zeit bereits mitten in der Entwicklung ihres Passagierflugzeugs mit Schallgeschwindigket: Sie bastelten seit 1959 an der "Concorde". In einem Regierungsabkommen im November 1962 besiegelten Briten und Franzosen ihre Zusammenarbeit.

Tupolew Tu-144 – eine billige Blaupause der Concorde?

Dennoch sind am Ende die Sowjets schneller: Im Dezember 1968 wird die Tupolew Tu-144 zum Flugplatz Ramenskoje in der Nähe von Moskau gebracht. Fast 14 Tage lang das gleiche Spiel: Die Tupolew wird aus den Hanger gefahren und wieder hinein – das schlechte Wetter verhindert den Start. Man wartet und wartet, der Druck steigt bei den Konstrukteuren. Am 31. Dezemeber schließlich, auch wenn die Wetterlage immer noch nicht ideal ist, wagen die Russen den Jungfernflug. Die Tupolew hebt ab und verschwindet sofort im dichten Nebel. Nach 38 Minuten durchbricht die Tupolew wieder die Nebelwand und landet sicher. Der Eintrag in die Geschichtsbücher ist damit geschafft: Die Tupolew Tu-144 ist das erste zivile Überschallflugzeug der Welt!

Doch hatten sich die Sowjets diesen Sieg verdient? War die Tupolew wirklich alleiniges Werk sowjetischer Konstrukteurskunst? Mit seiner spitz zulaufenden abgeknickten Nase und den breiten Deltaflügeln mutet die Tupolew wie ein Raubvogel an. Von der gleichen Spezies schien auch die Concorde zu sein. Sie startete nur 61 Tage später, am 2. März 1969. Die Tupolew Tu-144 – eine billige Blaupause der Concorde? Die Vorwürfe wurden nicht erst nach dem geglückten Jungfernflug laut. Als das Unternehmen Tupolew mit seinen ersten Modellen an die Öffentlichkeit trat, fiel die Ähnlichkeit zur Concorde auf. Die Tupolew Tu-144 wurde daher auch abschätzig "Concordsky" genannt.  Was ist dran an den Vorwürfen aus dem Westen?

DDR koordinierte "Operation Brünnhilde"

So einiges. Der Vorwurf der Industriespionage gilt heute als bewiesen. Die britische Zeitung "The Observer" enthüllte bereits 1969 "Operation Brünnhilde": Einen Spionagering, der von der DDR aus gelenkt wurde. Mehr als 20 Agenten von mehreren östlichen Geheimdiensten waren an der Operation beteiligt.

Eine Schlüsselfigur spielte dabei ein Schweizer Chemiker im Ruhestand: Jean-Paul Soupert bewirbt sich 1957 in der DDR, an der Technischen Hochschule für Chemie in Leuna-Merseburg. Doch anstatt der gewünschten Stelle als Chemiker wird dem Schweizer ein Spionage-Job in Brüssel angeboten. Er nimmt an und befördert fortan Informationen über die Concorde nach Ost-Berlin. Doch Soupert fliegt auf: Weil er in Brüssel in einem noblen Viertel wohnt und auf seinen Reisen nur in den erstklassigsten Hotels absteigt, kommt ihm der belgische Geheimdienst auf die Schliche. 1964 wird Soupert verhaftet. Ihm wird eine hohe Gefängnisstrafe angedroht, worauf er die Concorde-Spionage gesteht und andere Agenten der "Operation Brünnhilde" verrät.

Darunter der DDR-Agent Heribert Steinbrecher. Ende 1964 wird er in Paris verhaftet. Steinbrecher hat fast fünf Jahre lang Concorde-Mitarbeiter bezahlt, um an Informationen zu gelangen. Er wird zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Wenig später, Anfang 1965, muss der Leiter der sowjetischen Fluglinie Aeroflot sein Pariser Büro räumen, weil auch bei ihm Informationen über die Concorde gefunden wurden. Die Verhaftung an Concorde-Spionen reisst nicht ab: Im Jahr 1966 werden zwei als Priester getarnte Staatsbürger der CSSR verhaftet und verurteilt.

Auch die sowjetische Botschaft war in der Industriespionage verwickelt. Peter Wright, Agent des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 legt 1987 in seiner Autobiographie wichtige Information offen. Die sowjetische Botschaft habe in den 1960-er Jahren regelmäßig britische Ingenieure eingeladen, die an der Concorde mitgebaut hatten. Bei den Treffen flossen reichlich Alkohol – und Informationen über die Concorde.

Ähnliche Konstruktion – gleiches Schicksal am Ende

Die Frage, die offen bleibt: In welchem Maß konnten die Informationen über die Concorde den Bau der Tupolew vorantreiben? Denn die ähnliche Bauweise beider Überschallflugzeug lässt sich auch technisch begründen:

Die Physik ist ja nicht veränderbar. Man kann ihre Gesetze und Phänomene nur mit technischen Lösungen nutzbar machen. Im Fall des Überschallflugs sind diese Lösungen sehr ähnlich.

Martin Schuermann, Deutsche Gesellschaft für Luft und Raumfahrt e.V.

Doch es gibt auch bauliche Unterschiede: Die Tupolew Tu-144 ist sieben Tonnen schwerer, fünf Meter länger und hat 40 Sitzplätze mehr als die Concorde. Ein großer Unterschied besteht auch bei den Triebwerken: Während die der Tupolew sich nahe dem Flugzeugrumpf befinden, liegen die Triebwerke der Concorde weiter außen, unter den Tragflächen. Die Concorde besitzt außerdem eine Heckflosse, die Tupolew Tu-144 dagegen ausfahrbare "Entenflügel".

Am Ende ereilte beide Überschallflugzeuge ein ähnliches Schicksal: Beide durchbrechen längst nicht mehr die Schallmauer. Der Lärm ist nur ein entscheidender Nachteil. "Der Überschallknall ist ein Phänomen, welches nicht nur beim Überschreiten der Schallgeschwindigkeit auftritt. Während des gesamten Fluges im Überschallbereich 'knallt' es", erklärt Martin Schuermann. Daher ist das Überfliegen von Land verboten, weshalb nur noch wenige Flugrouten übrig bleiben und damit auch die Einsatzmöglichkeiten von Überschallflugzeugen gering ist.

Schuermann sieht vor allem den hohen Kraftstoffverbrauch als Problem. Der verursache nicht nur hohe Betriebskosten, sondern schade letztlich auch der Umwelt. Die Umwelt wird zusätzlichen Belastungen ausgesetzt, denn die Überschallflugzeuge sind in viel höheren Gefilden unterwegs. Das Ende des zivilen Überschallflugverkehrs kommt für Schuermann nicht überraschend: "Fluggesellschaften sind stark kostenorientiert, durch die genannten Punkte sind die Kosten je Sitzplatzkilometer aber im Vergleich zu herkömmlichen Flugzeugen höher. Daher sind sie meist betriebswirtschaftlich unattraktiv." Die Entwicklung der Concorde kostete am Ende allein 17 Milliarden Dollar. Die Tupolew Tu-144 verursachte etwas geringere Kosten, genaue Zahlen sind allerdings nicht bekannt.

Comeback des Überschallflugverkehrs nicht in Sicht

Letztlich beförderte die Tupolew Tu-144 nur sechs Monate lang zwischen Moskau und dem kasachischen Almaty (bis 1993 Alma-Ata) Passagiere. In nur zwei Stunden legte die Tupolew Tu-144 3.200 Kilometer zurück. Doch bei einer Flugschau in Paris im Jahr 1973 stürzte bereits eine Maschine ab, im Mai 1978 musste eine weitere mit Passagieren an Bord notlanden. Zu viele technologische Probleme hätten behoben werden müssen und weitere Gelder verschlungen, der Flugbetrieb rechnete sich nicht. So beendete der neue Parteiführer der KpdSU Leonid Breschnew das einstige Prestige-Projekt der Sowjetunion 1978. Der Eintrag in die Geschichtsbücher war ja immerhin geschafft.  

Die Concorde war zwar viel länger im Einsatz – sie flog regelmäßig die Strecke Paris-New York und London-New York von 1976 bis 2003. Als jedoch eine Maschine im Jahr 2000 in der Nähe von Paris abstürzte - tatsächlich nur wenige Kilometer vom Absturzort der Tupolew Tu-144 im Jahr 1973 entfernt - wird der Flugbetrieb kurzzeitig eingestellt. In den nächsten drei Jahren bleiben die Passagiere aus, außerdem kommen Sicherheitsmängel hinzu. Somit hatte auch die Geschichte der Concorde ihr Ende gefunden. Martin Schuermann sieht die Zukunft der Überschallflugzeuge kritisch: "Für den regulären Linienflugbetrieb mit großen Flugzeugen à la Concorde oder größer sehe ich keine Zukunft. Dazu sind die Betriebskosten zu hoch und die potentiellen Absatzzahlen zu gering." Kleinere Geschäftsflugzeuge für acht bis 14 Passagiere könnten sich indes lohnen, meint der Experte. Doch das ist noch reine Zukunftsmusik.

Fliegen mit dimensionsloser Geschwindigkeit Schneller als der Schall zu fliegen – das heißt in der Flugphysik, fliegen mit Mach-Geschwindigkeit – benannt nach dem Physiker Ernst Mach. Die Schallgeschwindigkeit beträgt demnach Mach 1. Am 14. Oktober 1947 durchbrach der amerikanische Pilot Chuck Yeager mit einem Raketenflugzeug als erster Mensch die Schallmauer. Yeager startete jedoch nicht vom Boden aus. Ein Langstreckenbomber beförderte ihn in seinem Raketenflugzeug Bell X-1 in mehrere Kilometer Höhe und klinkte ihn dort aus. Ab den 50-er Jahren werden Militärjets konstruiert, die mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können.
Die Tupolew Tu-144 hatte zwar ihren erfolgreichen Jungfernflug bereits am 31. Dezember 1968 überstanden. Schallgeschwindigkeit erreichte sie allerdings erst am 5. Juni 1969. Als erstes ziviles Flugzeug flog sie mit doppelter Schallgeschwindigkeit oder mit Mach > 2.  

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "Dabei ab 2" 07.09.2011 | 14.00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. November 2017, 16:03 Uhr