Akten, Karteikarten und Papiere liegen in Regalen im Archiv der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR
Stasi-Unterlagen Bildrechte: dpa

Vor 30 Jahren: Besetzung Stasi-Zentralen Überwachungsstaat DDR

Anfang Dezember 1989 besetzten Demonstranten die Stasi-Gebäude in Leipzig, Erfurt, Suhl und Rostock, um die massenhafte Vernichtung der Stasi-Akten aufzuhalten. Damit machten sie eine beispiellose Aufarbeitung der Geheimdienstaktivitäten erst möglich. Die Staatssicherheit durchsetzte nahezu alle Lebensbereiche. Kein Volk der Erde wurde mit einem solchen Personalaufgebot überwacht wie einst die DDR-Bürger. Auf 180 von ihnen kam ein hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter.

Akten, Karteikarten und Papiere liegen in Regalen im Archiv der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR
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Die Gründung der Stasi

Schon die Besatzer hatten in der Sowjetischen Besatzungszone umfangreiche nachrichtendienstliche Apparate mit polizeilichen Befugnissen eingerichtet. 1946 gründete die Sozialistische Einheitspartei SED schließlich die Verwaltung des Inneren und innerhalb derer den Nachrichtendienst "Hauptverwaltung zum Schutze der Volkswirtschaft". Ab 1948 agierte diese Geheimpolizei mit rund 700 Mitarbeitern eigenständig und wurde 1950 auf Beschluss des Politbüros und mit Zustimmung der Volkskammer in "Ministerium für Staatssicherheit" (MfS) umbenannt. Die inzwischen fast 3.000 Mitarbeiter unter Minister Wilhelm Zaisser beschäftigten sich in der Anfangszeit vor allem mit der Bekämpfung von Sabotageakten und Republikflucht.

"Schild und Schwert der Partei"

Porträtfoto von Erich Mielke von 1987
Erich Mielke wurde 1955 Minister für Staatssicherheit und blieb es bis November 1989. Bildrechte: dpa

Dass es am 17. Juni 1953 zu einer Erhebung des Volkes kommen konnte, lastete die SED vor allem dem Versagen des MfS an. Zur "Strafe" wurde es zu einer Unterorganisation des Innenministeriums zurückgestuft und Wilhelm Zaisser als Minister abgesetzt. Erst 1955 erhielt das MfS wieder den Rang eines eigenständigen Ministeriums. 1957 trat Erich Mielke, bislang nur in zweiter Reihe tätig, den Ministerposten an und baute das MfS zu dem flächendeckenden und umfassenden Überwachungssystem aus, das es am Ende der DDR war. Als "Schild und Schwert der Partei" war das MfS nur dem Politbüro, im Zweifel Ulbricht beziehungsweise Honecker direkt unterstellt.

Überwachung in allen Lebensbereichen

Die Kontrolle und Repressalien der Staatssicherheit drangen in nahezu alle Lebensbereiche der DDR-Bürger. Die Stasi kontrollierte die Post, war bei der Musterung der Wehrpflichtigen anwesend, hatte Mitspracherecht bei der Besetzung von Staatsanwälten, überwachte mit Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) die eigene Polizei, die Grenztruppen und alle anderen gesellschaftlich relevanten Gruppen. In den 1970er-Jahren weitete sie ihre Tätigkeiten auf die zunehmenden Ost-West-Kontakte aus, in den 1980er-Jahren bemühte sie sich um eine Unterdrückung der aufkeimenden Opposition. Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatsicherheit waren, anders als etwa der bundesdeutsche Verfassungsschutz, mit allen polizeilichen Befugnissen ausgestattet. Sie durften verhaften, verhören, durchsuchen und konfiszieren.

Auflösung und Stürmung

1989 arbeiteten im MfS rund 90.000 hauptamtliche Mitarbeiter, etwa 170.000 Inoffizielle Mitarbeiter waren registriert. Der Überwachungsapparat verschlang 4,2 Milliarden Ostmark und konnte doch den Willen des eigenen Volkes nicht länger unterdrücken. Im November reagierten die Volkskammer und der neu eingesetzte Ministerrat auf den Druck der Öffentlichkeit mit der Umbenennung des MfS in Amt für Nationale Sicherheit (AfNS). Leiter wurde der bisherige Stellvertreter Erich Mielkes, Wolfgang Schwanitz. Ein Großteil der hauptamtlichen Mitarbeiter sollte entlassen werden.

Doch das neue Amt sollte nur einen Monat bestehen und wurde Mitte Dezember auf erneuten Druck der Bevölkerung aufgelöst. Mit einer Besetzung von Stasi-Bezirksdienststellen im Dezember 1989 und der Stürmung der Stasizentrale im Januar 1990 verhinderten DDR-Bürger die geplante Vernichtung der Stasiakten. Und machten so eine beispiellose Aufarbeitung der Geheimdienstaktivitäten möglich.

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Öffnung und Aufarbeitung

Mit dem Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes (StUG) im Dezember 1991 war erstmals in der Geschichte eines Nachrichtendienstes eine vollständige Öffnung der Akten und eine umfassende Einsicht der Betroffenen möglich. Zum Zwecke der Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit wurde das Amt der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) eingerichtet. Verwaltet wird ein Aktenbestand von 160 Kilometern Länge.

Die Filme der Stasi

Das MfS hat seine Tätigkeiten nicht nur in kilometerlangen Akten minutiös dokumentiert. So einiges, was im Alltag des Ministeriums für Staatssicherheit passierte, hielten filmfreudige Mitarbeiter auch mit der Kamera fest. Auf über 2.000 Filmen finden sich Erich Mielke in Feierlaune, der hauseigene Volvo-Fuhrpark beim Synchronwendemanöver und stundenlange Dokumentationen von Verhören und Observationen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 29.09.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Dezember 2019, 08:55 Uhr