Das Kämpferleben des Genossen Walter Ulbricht hat sich vollendet: FDJ-Mitglieder lesen im -Neuen Deutschland- amüsiert vom Tode Ulbrichts in Ost-Berlin.
Teilnehmer der Weltfestspiele lesen im "Neuen Deutschland" den Nachruf der SED auf Walter Ulbricht Bildrechte: IMAGO

Walter Ulbricht - Einsamer Tod während der Weltfestspiele

Als der SED-Chef Walter Ulbricht am 1. August 1973 starb, wurden in Berlin gerade die Weltfestspiele gefeiert. Im bunten Treiben der Jugend geriet der alte Mann des ostdeutschen Sozialismus schnell in Vergessenheit.

von Johannes Christof

Das Kämpferleben des Genossen Walter Ulbricht hat sich vollendet: FDJ-Mitglieder lesen im -Neuen Deutschland- amüsiert vom Tode Ulbrichts in Ost-Berlin.
Teilnehmer der Weltfestspiele lesen im "Neuen Deutschland" den Nachruf der SED auf Walter Ulbricht Bildrechte: IMAGO

Millionen Besucher und Gäste aus aller Welt – dazu unzählige Bands und Veranstaltungen auf Dutzenden von Bühnen in Ost-Berlin: im Sommer 1973 wurden in der sonst so grauen DDR die X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten als farbenfrohes Get-together der Liebe und Völkerfreundschaft gefeiert. In das "Woodstock des Ostens" mischte sich schließlich die Nachricht vom Tod des langjährigen obersten Genossen Walter Ulbricht. Doch das Ableben des unverwechselbaren vermeintlichen Landesvaters brachte das Festival keinesfalls zum Erliegen – und die Erinnerung an ihn fällt bis heute kaum positiv aus.

Happening in Ost-Berlin

Jugendliche bilden eine Freundschaftskette auf der Karl-Marx-Allee anlässlich der 10. Weltfestspiele in Berlin 1973
Von der FDJ organisiertes Happening - Jugendliche auf der Berliner Karl-Marx-Allee während der Weltfestspiele Bildrechte: IMAGO

Es war ein Happening, wie es vor allem die Jugend der DDR nie wieder erlebte – ein einziger hormongeschwängerter Reigen rund um den Berliner Alexanderplatz. Ganz im Zeitgeist der 1970er-Jahre feierten über acht Millionen Besucher und Gäste aus aller Welt im Juli und August 1973 die Weltfestspiele als friedliches Stelldichein der Jugend für eine bessere Welt. Mitten in das "rote Woodstock" platzte am Mittag des 1. August die Nachricht vom Tode Ulbrichts. Der langjährige erste Mann und maßgebliche Mitbegründer der DDR starb nur einen Monat nach seinem 80. Geburtstag im Gästehaus der DDR-Regierung am Brandenburger Döllnsee an den Folgen eines Schlaganfalls – als umstrittene Figur einer bereits vergangenen Zeit.

Starker Mann im Osten Deutschlands

Seit er in der Nachkriegszeit als Kopf der "Gruppe Ulbricht" die Zukunft des deutschen Ostens rigoros mit in die Hand nahm, galt der ohrenfällige Sachse mit der Fistelstimme vielen seiner Zeitgenossen als ebenso fürchtens- wie verspottenswert – eine seltsame Gestalt, von der dennoch eine bedrohliche Aura der Macht abstrahlte. Prägend für seine Zeit als Regierungs- und schließlich auch Staatschef der DDR waren vor allem die Niederschlagung des Volksaufstands am 17. Juni 1953 sowie der Mauerbau im August 1961 später. Als fürsorglichen Landesvater hat ihn die Mehrheit seiner Landsleute wohl kaum betrachtet.

Opfer der eigenen Politik

Walter Ulbricht in Berlin am 6.10.1969 zum 20. Jahrestag der DDR
Walter Ulbricht am 6. Oktober 1969 bei seiner Festrede anlässlich des 20. Jahrestags der DDR Bildrechte: IMAGO

Nach seiner Entmachtung durch den Kronprinzen Erich Honecker 1971 verbrachte Ulbricht seinen Lebensabend im politischen Abseits und wurde allenfalls noch mit repräsentativen Aufgaben bedacht. Die Verbannung in die Bedeutungslosigkeit ereilte ihn ebenso, wie er sie selbst zahlreichen Konkurrenten auferlegt hatte. Die Demontage des öffentlichen Kults um seine Person wurde rasch vollzogen. So wurde das einst nach ihm benannte Berliner Stadion zu den Weltfestspielen als Stadion der Weltjugend wiedereröffnet. Als schließlich im bunten Treiben des Festivals sein Tod vermeldet wurde, war Ulbricht für viele längst eine Randfigur geworden, über die man gehässige Witze riss.

"Als er dann starb – die Nachricht verbreitete sich ja ganz schnell, auch wieder mit bösartigen Witzen – dauerte es nicht länger als eine Stunde, bis die Mitteilung kam: Die Weltfestspiele werden planmäßig durchgeführt. Das soll der letzte Wunsch des Genossen Ulbricht gewesen sein." So erinnert sich Wolfgang Berghofer, Mitorganisator des Festivals und spätere Oberbürgermeister von Dresden.

Gemischte Reaktionen

Besonders in SED-Parteikreisen wurde die Meldung von vielen mit Gleichgültigkeit oder gar Häme aufgenommen – während sich in der breiten Öffentlichkeit Betroffenheit mit Genugtuung durchmischte. Schließlich hatte Ulbrichts Lebenswerk ebenso Bewunderer unter den glühenden Sozialisten gefunden, wie es Gegner des DDR-Systems zu dessen Opfern gemacht hatte. An den Moment, in dem sie von seinem Ableben erfuhren, erinnern sich viele Zeitgenossen jedenfalls später noch eindrücklich. In der ostdeutschen Berichterstattung wurden naturgemäß vor allem respektvolle Reaktionen herausgestellt.

"Ich fahre mit der Straßenbahn nach Weißensee und spüre sofort: die Stimmung ist gedämpft. Die Leute erzählen einander: Walter Ulbricht ist tot. Alle sprechen mit Ehrfurcht von dem Toten – aber nicht wie von einem Staatsoberhaupt, eher wie von einem guten, gefälligen Nachbarn.“ So erinnert sich Peter Schütt, ein bundesdeutscher Teilnehmer der Weltfestspiele.

Kühl zu Grabe getragen

Medial wurde Ulbrichts Lebensende zunächst vor allem im westlichen Ausland näher thematisiert. Für den Sender Freies Berlin kommentierte Peter Schultze, Ulbrichts Tod sei von seiner Partei "kalt und korrekt" vermeldet worden – und das, obwohl diese ihn "in einem Anflug von geschichtlichem Größenwahn einmal den bedeutendsten deutschen Politiker des 20. Jahrhunderts genannt hatte". Das offizielle Gedenken an den Verstorbenen in der DDR fand erst nach dem Abschluss der Weltfestspiele statt. Am 7. August hielt die SED im Festsaal des Staatsratsgebäudes in Berlin einen Staatsakt für ihren langjährigen Vorsitzenden ab, der live im Fernsehen übertragen wurde. Sein Nachfolger Honecker hielt eine ebenso angemessene wie unpersönliche Trauerrede, bevor Ulbrichts Sarg auf einer Lafette durch ein Ehrenspalier der Nationalen Volksarmee in das Krematorium Berlin-Baumschulenweg überführt wurde. Am 17. September 1973 wurde seine Urne schließlich auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt.

Von der Nachwelt abgeurteilt

Walter Ulbricht im Hausmantel in einem Sessel sitzend, während ihm Erich Honecker zum 78. Geburtstag gratuliert
Erich Honecker gratuliert seinem Vorgänger Walter Ulbricht am 30. Juni 1971 zum 78. Geburtstag. Bildrechte: dpa

Während Honecker als sein Erbe den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft wies, wurde das Vermächtnis Ulbrichts in Partei und Öffentlichkeit schnell als Teil der Vergangenheit betrachtet und abgetan. "Eine echte Würdigung dieses Menschen innerhalb der Gesellschaft hat aus meiner Sicht nicht stattgefunden. Es gab ein paar Nachrufe und dann geriet er in Vergessenheit", erinnert sich Wolfgang Berghofer.

Erst nach dem Ende der DDR wurde Ulbrichts Lebenswerk in neuem Licht betrachtet – insbesondere mit Blick auf die wirtschaftlichen Reformimpulse, die er in seinen späten Regierungsjahren zu Lasten der Parteikontrolle über die Produktion setzen wollte. Doch auch diese späten Reformbemühungen gelten heute angesichts der generellen Nachteile der Planwirtschaft als wenig zielführend. So bleibt Ulbricht der Nachwelt vor allem als ein wenig charismatischer Politiker des Mittelmaßes, dessen strenge Überzeugungen nichtsdestotrotz das Leben von Millionen Deutschen nachhaltig mitgeprägt haben.

(zuerst veröffentlicht am 01.08.2017)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Der Osten - Entdecke, wo du lebst | 31.01.2017 | 20:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Juni 2018, 10:38 Uhr