UNESCO Der jährliche Blick aufs Welterbe

Jedes Jahr Ende Juni, Anfang Juli blicken die Denkmal- und Naturschützer der Welt gespannt auf die Sitzung des Welterbekomitees der UNESCO. Denn dort wird entschieden, welches Kultur- oder Naturgut neu auf die Welterbeliste kommt. Der begehrte Titel wird seit 1978 vergeben und ziert inzwischen mehr als 1.090 Stätten in aller Welt. In diesem Jahr wurde auch der Naumburger Dom aufgenommen.

Naumburger Dom
Nach drei Bewerbungen seit 2018 auf der Welterbeliste: der Naumburger Dom Bildrechte: imago/epd

Seit nunmehr 40 Jahren gibt es die berühmte Welterbeliste der UNESCO. Die Kulturorganisation der Vereinten Nationen hat bisher mehr als 1.090 einzigartige Kulturgüter und Naturlandschaften unter Schutz gestellt, 44 von ihnen liegen in Deutschland. Den letzten Anstoß für ein Übereinkommen zum Schutz des Erbes der Menschheit gab in den 1960er-Jahren die drohende Zerstörung des Felsentempels von Abu Simbel durch den Bau des Assuan-Staudamms am Nil in Ägypten. Nach einem Aufruf der UNESCO im März 1960 gelang es mit internationaler Hilfe, die Tempel von Pharao Ramses II. um 180 Meter auf einen sicheren Standort zu versetzen. Die Hälfte der dafür nötigen 80 Millionen US-Dollar kam durch Spenden aus 50 Staaten zusammen.

Abu Simbel wird versetzt.
Dass die Felsentempel von Abu Simbel heute noch besichtigt werden können und nicht im Assuan-Stausee versanken, ist einem Rettungsaufruf der UNESCO 1960 zu verdanken. Bildrechte: IMAGO

Aachener Dom und Galapagos-Inseln in der ersten Runde dabei

Weltkulturerbe Aachener Dom
Der Aachener Dom war sechs Jahrhunderte Krönungskirche der deutschen Kaiser. Bildrechte: IMAGO

Die Welterbekonvention wurde am 16. November 1972 in Paris verabschiedet. Mehr als 190 Staaten haben das Übereinkommen inzwischen angenommen. Die ersten Welterbestätten wurden 1978 anerkannt. Auf die Welterbeliste kamen in der ersten Runde zum Beispiel der Aachener Dom, aber auch Ecuadors Galapagos-Inseln und der Yellowstone-Nationalpark in den USA. Das Welterbekomitee, bestehend aus Vertretern von 21 Staaten von allen Kontinenten und aus allen Kulturkreisen, entscheidet jährlich, wer auf die begehrte Welterbeliste kommt. Internationale Organisationen beraten das zwischenstaatliche Gremium.

Das Schönste und Beste von Mensch und Natur

Buchenwald im Nationalpark Hainich
Auch dieses Stück alter Buchenwald im Nationalpark Hainich in Thüringen gehört zum Welterbe - damit noch Generationen sich dort erholen können. Bildrechte: IMAGO

Die Kriterien, wann ein Kultur- oder Naturgut ein Welterbe ist, sind vielfältig und lassen Raum für Interpretationen. Laut Welterbekonvention sollte ein Welterbe einen universellen Wert für die gesamte Menschheit haben, einzigartig, echt und möglichst unversehrt sein. Außerdem muss es einen Erhaltungsplan für die Stätte geben. Der Verein der Deutschen UNESCO-Welterbestätten bringt es so auf den Punkt: Das Schönste, was Mensch und Natur hervorgebracht haben. Die Welterbeliste wäre somit ein "Best of" oder eine Hitparade der Erde.

Auf der Welterbeliste immer unter Beobachtung

Hinweis auf Welterbe
Wer dieses Welterbe-Logo anbringen möchte, muss viel dafür tun. Bildrechte: IMAGO

Potenzielle Welterbestätten müssen von den jeweiligen Staaten vorgeschlagen werden. Dazu müssen die Länder inzwischen eine nationale Vorschlagsliste pflegen, die bei der UNESCO hinterlegt ist. Ein Aufnahmeantrag kann erst gestellt werden, wenn der Kandidat schon zwei Jahre auf dieser Vorschlagsliste steht. Pro Jahr und Sitzung kann ein Land zwei Stätten zur Aufnahme ins Welterbe vorschlagen. Bei Aufnahme in die Welterbeliste verpflichtet sich das jeweilige Land, für den Schutz der Stätte zu sorgen. Ob dies auch geschieht, wird für jedes aufgenommene Kultur- und Naturgut in regelmäßigen Abständen geprüft.

Welterbe-Prestige muss man sich leisten können

Welterbe zu sein, gilt als prestigeträchtig, garantiert aber nicht automatisch einen touristischen Boom. Der Welterbetitel bedeutet auch keinen automatischen Schutz durch die UNESCO. Die Organisation hat nur einen begrenzten Fonds für Hilfs- und Sofortmaßnahmen und kann vor allem fachliche Unterstützung leisten. Den Schutz und Erhalt müssen die Staaten eigenständig finanzieren und mit ihrer nationalen Gesetzgebung regeln.

Das Welterbekomitee kann nur eingreifen, indem es Stätten auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes setzt und mit den Ländern nach Lösungen sucht. Bevor ein Welterbe als gefährdet eingestuft wird, bemühen sich die Gremien schon um Schadensbegrenzung. Das jeweilige Land bekommt Empfehlungen und Auflagen und muss dem Welterbekomitee Bericht erstatten. Derzeit wird zum Beispiel auch in Prag ums Welterbe Altstadt gerungen. Grund ist der mehr als 100 Meter hohe neue V-Tower im benachbarten Viertel.

Zum äußersten Mittel, der Aberkennung des Welterbestatus, griff das Welterbekomitee bisher erst zweimal. Besonders aufsehenerregend geschah dies beim Dresdner Elbtal. Wegen des Baus der neuen Waldschlößchenbrücke verlor diese Fluss- und Kulturlandschaft in Sachsen 2009 ihren Welterbetitel.

(pkl)

Welterbe - es begann mit der Rettung von Abu Simbel

Großer Buddha in Bamiyan-Tal vor seiner Zerstörung.
Krieg und Umweltzerstörung gefährden Zeugnisse der menschlichen Kultur unablässig. Die Dutzende Meter hohen Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal in Afghanistan stehen dafür exemplarisch. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Sandstein-Figuren immer wieder angegriffen, 2001 von den islamistischen Taliban endgültig gesprengt. Bildrechte: IMAGO
Abu Simbel wird versetzt.
Die Idee, einzigartige Kulturgüter und Natur unter einen besonderen Schutz für die gesamte Menschheit zu stellen, geht zurück bis in die Nachkriegszeit. In den 1960er-Jahren wäre der Felsentempel von Abu Simbel aus dem 13. Jahrhundert vor Christus in den Fluten des Assuan-Staudammes versunken. Nach einem Aufruf der UNESCO kam so viel internationale Unterstützung zusammen, dass die Tempel von Pharao Ramses II. um 180 Meter versetzt werden konnten. Bildrechte: IMAGO
Die Gedenkstätte in Auschwitz mit Toraufschrift ARBEIT MACHT FREI
Ein Jahr später wurden Teile des ehemaligen deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ins Welterbe aufgenommen - als ein wichtiger authentischer Ort der kollektiven Erinnerung der gesamten Menschheit an den Holocaust. Bildrechte: MDR/Alicja Malinowski
Schloss Sanssouci in Potsdam
Bis 1989 wurden nur wenige Stätten in den sozialistischen Ländern ins Welterbe aufgenommen. Auch der DDR gelang es erst an ihrem Ende, mit Schloss und Park Sanssouci bei Potsdam den prestigeträchtigen Titel zu erringen. Der Antrag wurde bereits zusammen mit dem West-Berliner Senat gestellt. Bildrechte: IMAGO
Wolkenkratzer V Tower in Prag
Wer es auf die Welterbeliste geschafft hat, ist aber keineswegs aus dem Schneider. Alle paar Jahre überprüfen die Welterbe-Hüter, wie es der Kultur- oder Naturstätte geht. Hochhäuser zum Beispiel können für den Status historischer Altstädte schnell gefährlich werden. Wiens Altstadt etwa wurde deswegen 2017 auf die Rote Liste gesetzt. In Prag wird wegen des V-Towers (im Bild) neben der Altstadt noch gerungen. Bildrechte: IMAGO
Straße durch Bilder von Nazca
Konflikte und Kompromisse sind wohl bei den meisten Welterbestätten programmiert, wie an der Nazca-Ebene in Peru zu sehen ist. Fernstraßen unterbrechen die Linien der riesengroßen Scharrbilder. Wer abseits der offiziellen Wege unterwegs ist oder diese sogar beschädigt, bekommt es schnell mit dem Gesetz zu tun. Bildrechte: IMAGO
Meridiansäule (Struve-Bogen) am Ende der Hafenmole in Fuglenes, einem Vorort von Hammerfest in Nord-Norwegen
Bei den Anträgen zur Aufnahme ins Welterbe geht die Tendenz zu grenzübergreifenden Stätten. Der sogenannte Struve-Bogen zum Beispiel - ein Netz aus Punkten zur Erdvermessung - ist rund 3.000 Kilometer lang und reicht von der norwegischen Küste bis ans Schwarze Meer: Im Bild: Meridiansäule in Hammerfest im Norden Norwegens. Bildrechte: dpa
Großer Buddha in Bamiyan-Tal vor seiner Zerstörung.
Krieg und Umweltzerstörung gefährden Zeugnisse der menschlichen Kultur unablässig. Die Dutzende Meter hohen Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal in Afghanistan stehen dafür exemplarisch. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Sandstein-Figuren immer wieder angegriffen, 2001 von den islamistischen Taliban endgültig gesprengt. Bildrechte: IMAGO
Hinweis auf Welterbe
Es dauerte noch bis November 1972, bis von der UNESCO die Welterbekonvention verabschiedet wurde. Heute haben mehr als 190 Staaten das Übereinkommen angenommen. Weltweit gibt es derzeit mehr als 1.090 Welterbestätten in 167 Ländern. Bildrechte: IMAGO
Weltkulturerbe Aachener Dom
1978 war es dann soweit, dass die ersten Kultur- und Naturstätten zum Welterbe erklärt wurden. Die berühmte Welterbeliste wird eröffnet - u.a. mit dem Aachener Dom (im Bild), in dem über sechs Jahrhunderte die deutschen Kaiser gekrönt wurden. Bildrechte: IMAGO
Eckehard und Uta von Naumburg im Naumburger Dom
Heutzutage muss eine potenzielle Welterbestätte erst einmal zwei Jahre auf der nationalen Vorschlagsliste ihres Landes stehen, die bei der UNESCO hinterlegt ist. Auch der Naumburger Dom mit den bekannten Stifterfiguren von Eckehard und Uta von Naumburger stand länger auf der deutschen Liste und wurde 2018 im dritten Anlauf zum Welterbe erklärt. Bildrechte: IMAGO
Buchenwald im Nationalpark Hainich
Aber auch große Flächen finden Eingang ins Welterbe: Seit 2007 stehen viele alte und uralte Buchenwälder in den Karpaten und anderen Regionen Europas unter Schutz. Der Hainich in Thüringen gehört dazu.
(Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im TV: 30.06.2018 | 19:30 Uhr.)
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Abu Simbel wird versetzt.
Die Idee, einzigartige Kulturgüter und Natur unter einen besonderen Schutz für die gesamte Menschheit zu stellen, geht zurück bis in die Nachkriegszeit. In den 1960er-Jahren wäre der Felsentempel von Abu Simbel aus dem 13. Jahrhundert vor Christus in den Fluten des Assuan-Staudammes versunken. Nach einem Aufruf der UNESCO kam so viel internationale Unterstützung zusammen, dass die Tempel von Pharao Ramses II. um 180 Meter versetzt werden konnten. Bildrechte: IMAGO

Über dieses Thema berichtet MDR aktuell auch im TV: 30.06.2018 | 19:30 Uhr