Zelte auf dem kilometerlangen Zeltplatz im Ostseebad Prerow auf dem Darß.
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Markgrafenheide Zelten an der Ostsee

Markgrafenheide war schon zu DDR-Zeiten ein legendärer Zeltplatz. Hinter dem breiten Sandstrand konnte man sein Zelt im Schutz vieler Bäume aufbauen. Ein schattiges Plätzchen war garantiert. Es gab sogar ein gesondertes Areal für Camper aus dem "sozialistischen Ausland". - Eine Wiese direkt in Ostseenähe, aber weder fließend Wasser noch Toiletten.

Zelte auf dem kilometerlangen Zeltplatz im Ostseebad Prerow auf dem Darß.
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Die ersten Camper nach dem Krieg kamen 1955. Sie schlugen ihre Zelte im Küstenwald wild auf, ohne Erlaubnis. Sanitäre Anlagen gab es nicht. Die Camper kamen wieder, Jahr für Jahr und wurden geduldet. Zelturlaub galt damals in der DDR als kapitalistisch dekadent. Peter Camps, seit 40 Jahren auf dem Zeltplatz zu Hause und ab 1974 Chef der Anlage, erinnert sich:

In den Anfangsjahren gab es hier überhaupt kein Wasser, es war kein Strom vorhanden, die Trafostation wurde 1971 gebaut, Toilettenanlagen waren nicht vorhanden, so dass man davon ausgegangen ist: Die paar Urlauber versorgen sich selbst und betreuen sich ganz alleine im Wald

Platzchef Peter Camps

Es gab eine Holzschranke und eine Pförtnerbude, einen Platzwart, seine Ehefrau und einen Handwerker - das war alles. Trotzdem kamen jedes Jahr immer mehr Camper.

Ausbau - aber wie?

Campingplatzausbau stand nicht auf der Prioritätenliste im Bezirk Rostock. Lieber baute man neue Satellitenstädte. So kam es zu DDR-üblichen Lösungen. Im Süden der Republik fehlten Ostseeferienplätze, in Markgrafenheide Nägel und Bretter. Zeltschein gegen Baumaterial lautete die Devise. Der Ascherslebener Erhard Holzmann organisierte für seinen Betrieb ein solches Tauschgeschäft: "Wir sind im Jahr 1971 eine Woche lang die Ostsee abgefahren und dann sind wir hier in Markgrafenheide gelandet, haben entsprechende Aufgaben übernommen und sind hier reingekommen." So holte Holzmann jedes Jahr 200 Ascherslebener seines Betriebes an die Ostsee, in vier Durchgängen zu je zwei Wochen. Dafür baute der Betrieb eine elektrische Schrankenanlage und einen Parkplatz. Was als Tauschgeschäft zwischen Campingplatz und Betrieb entstand, wurde 1975 dann durch Kommunalverträge staatlich sanktioniert. Der FDGB hatte schon Anfang der Siebzigerjahre erkannt, dass er nicht in der Lage war, den jährlichen Bedarf an Urlaubsheimen abzudecken. So galt das Zelten als Ausweg und wurde schließlich sogar staatlich gefördert.

Der Zeltschein - wertvoll wie Goldstaub

Ob nun 3.000 oder 4.000 Urlauber im Sommer auf dem Platz zelteten - er war einfach immer zu klein. Der Zeltschein, Schlüssel zum Glück, musste bereits im November des Vorjahres beantragt werden und meistens gab es eine Absage. Aber wie so oft in der DDR fand sich im Tauschhandel ein Ausweg. Bodo, damals Chef der Rettungsschwimmer in Markgrafenheide, erinnert sich: "Na ja, Zeltschein, das war wie Goldstaub, man hatte immer einen guten Draht zur Zeltplatzleitung, zum stellvertretenden Zeltplatzchef, dem haben wir irgendwie was zukommen lassen. Nicht Geld, mal 'ne kleine Flasche oder so, und dafür kriegten wir dann einen Blanko-Zeltschein mit Unterschrift und den haben wir dann wieder Freunden gegeben".

Rettungsschwimmer - die Könige vom Strand

Die sportlichen Rettungsschwimmer im orangefarbenen Trainingsanzug waren nicht nur am Strand eine große Nummer. Rettungsschwimmer wurden im Konsum bevorzugt behandelt und mussten sich nicht am Ende der Warteschlange einreihen. Bodo genoss in dieser Zeit ein ganz eigenes Lebensgefühl: "Im Hintergrund war es DDR, und im Vordergrund war es Hawaii. Es war 'ne Freiheit da, die dann auch nicht mehr da war, wenn ich 150 Meter auf die Straße kam und dann war ich wieder in der DDR".

Alles unter Kontrolle

Weil der Strand zugleich Nordgrenze der DDR war, musste alles ordnungsgemäß vor sich gehen. So durfte niemand wild auf dem Campingplatz zelten. Nicht nur wegen Einnahmenausfalls, sondern auch um zu verhindern, dass jemand unbemerkt über die Ostsee die DDR verließ. Volkspolizei, Grenzpolizei, Kriminalpolizei, selbst die Staatssicherheit hatte Markgrafenheide im Blick. Ein Lagerrat sorgte nicht nur für Ordnung, sondern auch dafür, dass nichts auf dem Platz verborgen blieb. Platzchef Peter Camps erinnert sich an nächtliche Razzien:

Diese Zeltplatzkontrollen wurden meistens morgens um vier durchgeführt, wenn alle schliefen. Wir haben sie aus den Zelten geholt, wir mussten die Personalausweise kontrollieren, wir mussten die Campingscheine kontrollieren so und Schwarzzelter ruckzuck wurden die vom Platz geschmissen, da gab es überhaupt keine Diskussion.

Platzchef Peter Camps

(zuerst veröffentlicht am 01.07.2009)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Klappfix, Hering, Luftmatratze - Camping in der DDR | 17.04.2017 | 22:00 Uhr
Exakt auf Camping-Tour: Der Klappfix | 11.06.2014 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2010, 09:20 Uhr