Vor 80 Jahren: Warschauer Ghetto wird abgeriegelt Flucht aus dem Warschauer Ghetto

Vor 80 Jahren wurde das Warschauer Ghetto abgeriegelt. 380.000 Juden waren auf engstem Raum zusammmengepfercht. Nur wenigen gelang die Flucht. Am letzten Tag vor dem Ausbruch des Aufstands gegen die deutschen Besatzer wurde Joanna Sobolewska-Pyz im April 1943 aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt. Dies rettete ihr das Leben - und ihr Schicksal steht für das vieler jüdischer Kinder, die später in polnischen Familien aufwuchsen.

Menschen werden mit erhobenen Händen 1942 von bewaffneten Soldaten duch das Warschauer Ghetto getrieben
Warschauer Ghetto Bildrechte: imago images / ITAR-TASS

In Warschau lebten vor dem Zweiten Weltkrieg 380.000 Juden. In der polnischen Hauptstadt war die größte jüdische Gemeinde Europas angesiedelt, nach New York war es sogar die zweitgrößte der Welt. Als im Oktober 1939 deutsche Soldaten in Warschau einmarschierten, wurde vor allem die jüdische Bevölkerung mit Gewaltexzessen überzogen.

Die Juden sollten isoliert werden

Die Nationalsozialisten hatten von Anfang an geplant, die Juden Warschaus strikt zu isolieren. Ab April 1940 wurden jüdische Arbeiter gezwungen, eine Mauer um das spätere Ghetto zu errichten. Im Oktober 1940 wurde die Verordnung zur Errichtung eines "jüdischen Wohnbezirks" nordwestlich vom Zentrum Warschaus mit Festlegung der dazugehörigen Straßen beschlossen und bereits einen Monat später die Warschauer Juden in das Ghetto umgesiedelt.

Juden in Warschau werden von Nazis kontrolliert
Im Warschauer Ghetto Bildrechte: dpa

Abriegelung des Warschauer Ghettos

Am 15. November 1940 riegelten die deutschen Besatzer das Ghetto schließlich ab. 380.000 Menschen waren fortan auf engstem Raum zusammengepfercht und durften das Ghetto nur mit Genehmigung der deutschen Besatzer verlassen. Im Laufe der Zeit wurden auch Juden aus anderen Regionen Polens und dem Deutschen Reich ins Ghetto gezwungen. Insgesamt lebten fast eine halbe Million Juden im Warschauer Ghetto. Die Lebensbedingungen waren fürchterlich. Die Insassen des Ghettos litten unter Hunger und Krankheiten, täglich lagen auf den Straßen des Ghettos die Leichen verstorbener Menschen.

Kleines Mädchen, während des 2. Weltkrieges, im Warschauer Ghetto.
Ein jüdisches Mädchen im Warschauer Ghetto. Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Im Juli 1942 begannen die deutschen Besatzer, die Warschauer Juden in die Vernichtungslager zu deportieren. Insgesamt starben mehr als 300.000 Juden in den Jahren 1942 und 1943 in den Gaskammern von Treblinka. Tausende wurden während des Warschauer Ghetto-Aufstandes im April 1943 erschossen. Nur wenigen gelang die Flucht aus der Hölle des Ghettos.

Aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt

Joanna Sobolewska-Pyz nennt sich selbst "besessen". Seitdem sie weiß, dass sie als Kind aus dem Warschauer Ghetto geschmuggelt wurde, forscht sie ständig in Archiven, um mehr über solche Schicksale zu erfahren. Die eigene Geschichte hat sie erst als Erwachsene rekonstruiert und dabei entdeckt, dass es viel Mut brauchte, jüdische Kinder zu verstecken. "Denjenigen, die den Juden halfen, drohte im besetzten Polen die Todesstrafe. Da musste man schon mutig sein. Genau das waren wohl meine polnischen Eltern, bei denen ich aufgewachsen bin", sagt die 79-jährige.

Eine ältere Frau mit Brille schaut in die Kamera.
Joanna Sobolewska-Pyz Bildrechte: Monika Sieradzka

Das Leben im Ghetto

Joanna hat mit ihrer jüdischen Mutter Halina Grynszpan im Ghetto gelebt, wie die meisten Juden in Warschau. Der sogenannte "jüdische Wohnbezirk" war von 1940 bis 1943 von einer drei Meter hohen Mauer umschlossen und von der SS bewacht. Auf nur vier Quadratkilometern waren zeitweise bis zu 500.000 Menschen zusammengepfercht. Der Weg auf die "arische" Seite führte durch die Kanalisation.

So ging Halina Grynszpan mehrmals mit ihrer dreijährigen Tochter durch die Kanäle, um eine befreundete Lehrerin zu besuchen. Bis heute fragt sich Joanna, warum ihre Mutter ständig mit ihr hin und her gingen. "Vielleicht wollte mich meine Mutter bei der Lehrerin lassen, aber es fiel ihr zu schwer, deshalb hat sie mich immer zurück ins Ghetto mitgenommen." Wer im Ghetto lebte, musste mit dem Hungertod oder dem Tod in einem der Konzentrationslager rechnen.

Neue Identität

Doch am 18. April 1943 hat Halina Grynszpan eine Entscheidung getroffen. Sie befestigte ein Kärtchen mit der Adresse der Lehrerin an Joannas Kleid und übergab das Kind einem "blauen Polizisten", dem sie vertrauen konnte. Als "blaue Polizei“ nannte man polnische Polizeitruppen unter deutscher Aufsicht während der Besatzungszeit. Sie galten als Kollaborateure und Verräter, doch es gab offenbar Ausnahmen. Der blaue Polizist hat die kleine Joanna zur Lehrerin geschmuggelt. Warum die Mutter Joanna einem "blauen Polizisten" übergab, weiß Joanna nicht.

Zwei Wochen danach wurde sie vom polnischen Ehepaar Sobolewski aufgenommen. Erst mit 18 Jahren erfuhr Joanna von ihren jüdischen Wurzeln. "Ich war schockiert. Ich wusste mit dem Begriff Juden nichts anzufangen. Ich habe vielleicht nur irgendwo gehört, dass Juden Heringe essen und dass die Deutschen sie nicht besonders mochten. So dumm war ich." Doch was sie in der Schule nicht gelernt hatte, holte sie schnell als Soziologiestudentin an der Warschauer Uni nach. Über eine Anzeige in einer israelischen Zeitung hat sie Verwandte in Israel gefunden und auf diese Weise erfahren, dass sie als Joanna Grynszpan geboren wurde.

Während sie ihre Geschichte rekonstruierte, musste sie mehrmals feststellen, dass ihr Überleben einem Wunder gleichkam: "Wenn ich lese, wie das Leben im Ghetto aussah, denke ich, dass es ein Wunder ist, dass ich überlebt habe." 

Die Aufgabe der Zeitzeugen

Mit ihrem Schicksal war sie jahrelang allein. Im kommunistischen Polen waren der Holocaust und das jüdische Leben aus der Vorkriegszeit so gut wie kein Thema, sogar ein Tabu. Erst nach der Wende begannen sich Juden als Juden zu bekennen und zu organisieren. 1991 war Joanna bei der Gründung des Vereins der Holocaust-Kinder dabei. Seit 2012 ist sie dessen Vorsitzende. "Ich bin eine der letzten Zeitzeugen. Was passiert, wenn wir sterben? So etwas wie der Holocaust darf sich nicht wiederholen. Man muss erzählen, wie es wirklich war", sagt Joanna. Darum hat sie eine Ausstellung organisiert: "Meine jüdischen Eltern, meine polnischen Eltern".

Zwischen dem heutigen Fremdenhass und der Ideologie, die zur Judenvernichtung führte, sieht sie durchaus Ähnlichkeiten und hat "keine Illusionen". "Den Antisemitismus hat es gegeben und wird es immer geben." Doch Joanna gibt nicht auf und wird weiterhin von den Kriegsschicksalen der jüdischen Kinder erzählen. "Es ist ein Schrei. Vielleicht ist er zu leise und zu schwach, aber ich schreie. Das ist das Einzige, was ich machen kann."

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise Spezial: Zeugen des Holocaust | 27.01.2019 | 22:20 Uhr