Das blutige Wasserball-Spiel von Melbourne

Wasserball ist in Ungarn Nationalsport. Und wenn das ungarische Team bei der WM in Budapest gegen Russland antritt, wird daraus ein nationaler Überlebenskampf. Die Gründe dafür liegen über 60 Jahre zurück.

Aufgebrachte ungarische Zuschauer stürmen an den Beckenrand. Erst nach dem Einschreiten von Ordnungskräften gehen sie auf ihre Plätze zurück.
Aufgebrachte ungarische Zuschauer stürmen an den Beckenrand beim "Blutbad von Melbourne". Bildrechte: dpa

Sieg für die Wasserball-Mannschaft aus Ungarn: Bei der Schwimm-WM 2017 in Budapest konnte sich das Team im Viertelfinale gegen Russland mit 14:5 durchsetzen. Die Begegnung weckt Erinnerung an das wohl berühmteste Wasserballspiel der ungarischen Geschichte vor mehr als 60 Jahren.

Von den Barrikaden ins Schwimmbecken

Beim Olympia-Halbfinale am 6. Dezember 1956 spielte Sport jedoch kaum eine Rolle - es war vielmehr ein Kampf zwischen Feinden im Wasser, als das Team der UdSSR und Ungarn aufeinander trafen. Kurz bevor sich die ungarischen Spieler auf den Weg ins australische Melbourne gemacht hatten, begann in Budapest der Aufstand gegen das kommunistische Marionetten-Regime der Sowjetunion.

Unter den Spielern waren einige junge Männer, die von ihren älteren Teamkollegen wortwörtlich von den Barrikaden abgeholt worden waren. Wegen des Chaos in Ungarn dauerte die Flugreise nach Australien beinahe 14 Tage. Am Flughafen von Melbourne angekommen, wurde den Spielern klar, dass sowjetische Truppen den Aufstand inzwischen mit Panzern blutig niedergeschlagen hatten.

Faustschlag in aufgeheizter Atmosphäre

Das Wasserball-Spiel wurde dadurch symbolisch aufgeladen: es war der Kampf der Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Das australische Publikum war auf der Seite der Ungarn - schließlich war der Kalte Krieg gerade auf einem Höhepunkt. In der Schwimmhalle sollen nach damaligen Berichten statt der erlaubten 6.000 mehr als 8.000 Zuschauer gewesen sein. Auf dem Schwarzmarkt wurde ein Ticket zum zwanzigfachen Preis verkauft.

Der ungarische Spieler Ervin Zador wird im Wasser von einem UdSSR-Spieler angegriffen und so verletzt, dass Blut aus einer Wunde am rechten Auge fließt.
Das Bild, das um die Welt geht: der blutende Ungar Erwin Zádor. Bildrechte: dpa

Die Ungarn beherrschten sich dennoch und spielten zunächst kontrolliert. Fünf Minuten vor Schluss stand es 4:0 für sie. Doch dann schlug ein sowjetischer Spieler dem Ungarn Ervin Zádor mit der Faust ins Gesicht. Dessen Augenbraue platzte auf, das Blut floss seinen Körper herunter. Obwohl die Wunde wahrscheinlich kleiner war, als sie aussah, brach in der Halle die Hölle los.

Blutiger Spieler als Ikone des Widerstands

Viele Zuschauer liefen von den Tribünen nach unten und bedrohten die sowjetischen Spieler. Die Bilder des blutenden Wasserspielers Zádor gingen um die Welt. Dazu gab es Schlagzeilen wie "Blutbad von Melbourne" oder "Blut beim Wasser-Spiel". Das Spiel wurde daraufhin abgebrochen, die Ungarn zum Sieger erklärt. Im Finale gewannen sie gegen das Team von Jugoslawien mit 2:1 und holten ihre vierte Olympiamedaille.

Ein Teil der Spieler kehrte nicht zurück

Die Begrüßung der Sieger in der Heimat bekamen jedoch nicht alle Spieler mit. Insgesamt sechs Spieler kehrten nicht nach Ungarn zurück. Fünf davon überlegten es sich später jedoch anders. Einzig Ervin Zádor blieb als politischer Flüchtling im Ausland. Er ging in die USA und wurde Schwimmcoach. Dort trainierte er auch den jungen Mark Spitz, der später neun Mal Gold für sein Land holen sollte. Ungarn sah Zádor nie wieder.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im: TV | 07.10.2016 | 21:15 Uhr