Datenauswertung zum Wahlverhalten in Ost- und Westdeutschland

Bis heute werden die Wahlergebnisse der Bundestagswahlen nach Ost- und Westdeutschland unterschieden und entsprechend breit veröffentlicht. Doch warum ist es nach 28 Jahren immer noch notwendig, die Ergebnisse der beiden Gebiete zu vergleichen? Zum einen zeigen die Wahlergebnisse seit 1990 bis heute enorme Unterschiede zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Zum anderen ergeben sich je nach Blickwinkel wachsende Unterschiede im  Wahlverhalten, aber auch eine punktuelle Annäherung zwischen Ost und West.

Mehrheiten der Regierungskoalitionen in Ostdeutschland

So zeigt sich, dass die Ostdeutschen nach 1990 fast nie die Bundesregierung gewählt hätten, die nach der jeweiligen Wahl tatsächlich zustande gekommen ist. Addiert man den Zweitstimmenanteil der an der Regierung beteiligten Parteien und prognostiziert die entsprechende Sitzverteilung eines nur in Ostdeutschland gewählten "ostdeutschen" Bundestages, kommen diese Parteien extrem selten über die 50-Prozent-Marke. Zu den wenigen Fällen gehört die schwarz-gelbe Koalition unter Helmut Kohl, die in der Einheitseuphorie noch 57 Prozent der Sitze bekommen hätte. Doch die Zustimmung schwand und auch Rot-Grün unter Gerhard Schröder hatte nicht die Mehrheit der Ostdeutschen. 2005 und 2013 konnten die beiden Großen Koalitionen unter Angela Merkel immerhin über 50 Prozent erreichen. Doch 2017 kamen die beiden großen Volksparteien nicht einmal zusammengenommen auf eine Sitzmehrheit im Osten, sondern schafften lediglich 44 Prozent.

Anteil der Sitze der Regierungsparteien in einem jeweils regionalen Parlament nach Zweitstimmen

Ost-West-Unterschiede bei rechnerisch möglichen Regierungskoalitionen

Die Tatsache, dass nicht einmal die beiden größten Parteien im Osten eine stabile Regierungsmehrheit hätten, deutet eine grundsätzliche Tendenz im Osten an: Es gibt für die Parteien in Ostdeutschland stets weniger stabile Koalitionsmöglichkeiten als in Westdeutschland. Dieser Effekt verstärkte sich im Zeitverlauf seit 1990 sogar noch, sodass es heute – neben einer aus CDU und AfD – keine mehrheitsfähige Koalition in einem rein ostdeutschen Parlament gäbe.

Eine Große Koalition wäre im Osten und Westen immer möglich gewesen, bis 2017. Bei der letzten Bundestagswahl wurde die Mehrheit für eine große Koalition im Osten erstmalig verpasst - und das deutlich. Schwarz-Gelbe Koalitionen und auch eine Jamaika-Koalition sind typischerweise westdeutsche Modelle, die im Osten kaum mehrheitsfähig sind. Nur im Jahr 1990 hätte Schwarz-Gelb auch im Osten eine Mehrheit gehabt, Jamaika im Jahr 2009 zumindest rechnerisch noch eine knappe Chance. Im Westen wäre Jamaika nach jeder Wahl eine Option gewesen, Schwarz-Gelb immerhin auch ganze vier Mal. Das typische ostdeutsche Modell hingegen ist Rot-Rot. Während diese Kombination im Westen stets deutlich gescheitert wäre, bot sie den Ostdeutschen zwischen 1994 und 2005 eine klare Alternative zur Großen Koalition, zumindest bis zur Umsetzung der Hartz-Reformen. Durch die starken Verluste der SPD ab 2005 hätte eine linke Regierungskoalition nun zusätzlich die Teilnahme von Bündnis 90/Die Grünen gebraucht.

Die ostdeutschen Ergebnisse der Bundestagswahl 2017 trieben diese Entwicklung auf die Spitze: Im Osten wäre keine stabile oder bewährte Koalitionsoption auf eine rechnerische Mehrheit gekommen. Die einzig rechnerisch mögliche Zusammenarbeit wäre die politisch abgelehnte von CDU und AfD. Wie in der Vergangenheit auch, wurden bei der Regierungsbildung Koalitionen diskutiert (Jamaika, Große Koalition), die vor allem im Westen Mehrheiten finden würden. Der starke Rückgang an rechnerisch möglichen Regierungskoalitionen, der in Ostdeutschland zu beobachten ist, lässt sich bei der Bundestagswahl 2017 erstmals auch in Westdeutschland beobachten. Bei allen Unterschieden im Wahlverhalten nähern sich Ost- und Westdeutschland zumindest dahingehend an.

Methodik Die Ergebnisse zeigen, wie ein Parlament jeweils aussähe, wenn in den neuen Bundesländern (einschließlich Berlin-Ost) und in den alten Bundesländern separat gewählt werden würde. Die Daten stammen vom Bundeswahlleiter. Die Auswertung betrachtete nur die Zweitstimmenanteile der Parteien. Sie wurden dahingehend ausgewertet, dass Parteien in der jeweiligen Region an der 5-Prozent-Hürde scheitern können. Entsprechend führt nicht allein ein Zweitstimmenanteil von über 50 Prozent zu einer stabilen Regierung, sondern die Mehrheit der Sitze. Eventuelle Überhangmandate wurden nicht berücksichtigt.

Datenauswertung im Rahmen des MDR-Projekts "Wer braucht den Osten?", im Auftrag des Mitteldeutschen Rundfunks: Hoferichter & Jacobs Film- und Fernsehproduktion, Kantstraße 43, 04275 Leipzig, info@hoferichterjacobs.de.


Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der TV-Dokumentation "Wer braucht den Osten?": 29.05.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2019, 09:58 Uhr