Ein Besucher betrachtet die Fotos in der umstrittenen Wehrmachtausstellung in Dresden
Bildrechte: dpa

Die Debatte der 90er-Jahre Die Wehrmachtausstellung und das weit verzweigte Netz der Neonazis

Keine andere Ausstellung hat in den 1990er-Jahren Deutschland so polarisiert wie die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Bei einem Anschlag auf die Schau in Erfurt durch den Rechtsextremisten Manfred Roeder greift Linken-Politiker Bodo Ramelow ein - und wird dafür später selbst rechtlich belangt und von den Neonazis bedroht. Erst Jahre später realisiert Ramelow, dass er hier Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, Mitgliedern der Terrorzelle NSU, begegnet ist.

Ein Besucher betrachtet die Fotos in der umstrittenen Wehrmachtausstellung in Dresden
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Keine andere Ausstellung hat in den 1990er-Jahren Deutschland so polarisiert wie die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Organisiert und finanziert wurde die Schau vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Die ausgestellten Bilder und Schriftdokumente belegten, was bis dato keiner laut zu sagen wagte: Die Wehrmacht war in Osteuropa planmäßig und vorsätzlich gegen Militär und Zivilisten vorgegangen. Die Schau widerlegte den Mythos von der "sauberen" Armee, die nicht an den Gräueltaten der Nationalsozialisten beteiligt war.

Ein Riss in der Gesellschaft wird sichtbar

Ein Mann, der am Jackenärmel einen REP-Aufnäher mit der Aufschrift "Ich bin stolz Deutscher zu sein" trägt,  gehört am 20.01.1998 in Dresden zu den Besuchern der umstrittenen Wehrmachtausstellung.
1999: Ausstellung in Dresden Bildrechte: dpa

Das sorgte für ein Beben in der Gesellschaft: Bis zur Ausstellung konnten Angehörige und Nachkommen der Wehrmachtsoldaten die Gräueltaten der Nazis aus der Distanz betrachten. Ihre Männer, Väter, Großväter, Onkel waren bis dahin als Angehörige der Wehrmacht unschuldig an den Nazi-Verbrechen. Oder etwa doch nicht? Der unsichtbare, unausgesprochene Riss zwischen den Generationen wird plötzlich sichtbar: Die Generation, die über ihre Taten und ihr Wissen schweigt. Die Kriegskinder, eine Generation, die nicht fragt. Die Kinder der Kriegskinder, die bisher keine Antworten auf Fragen erhalten hatte.

Protest Wehrmachtausstellung
Erfurt 1995: Neonazis entrollen ein Plakat mit der Aufschrift: "Unsere Großväter waren keine Verbrecher" Bildrechte: apabiz Archiv

Die Ausstellung zeigte nun, wie brutal Wehrmachtsoldaten Hitlers Vernichtungskrieg im Osten führten. Und das, obwohl die ehemaligen Wehrmachtangehörigen daheim Familien jahrzehntelang andere Geschichten aus der Nazizeit erzählt hatten. Folgerichtig würden Familiengeschichten umgeschrieben, das Bild nahestehender Personen neu betrachtet werden müssen und sie selbst würden mit neuen Augen gesehen werden.

Die Proteste: Anschläge, Boykott, Krawalle

Als Echo auf diese Enthüllung formierte sich Protest. Neonazis und konservative Kreise diskreditieren die Ausstellung mit allen Mitteln. Am 9. Juni 1996, am letzten Tag der Ausstellung in Erfurt, gerät die Ausstellung in die Schlagzeilen: Hier tritt Manfred Roeder, ein bekannter Rechtsextremist, in Erscheinung. Er verübt mit anderen Rechtsextremisten einen Farbanschlag auf die Wehrmachtausstellung in Erfurt. Über 25 Meter Länge sprühen sie in gelber und schwarzer Farbe auf Ausstellungstafeln das Wort "Lüge".

Für die Sachbeschädigung an der Wehrmachtsausstellung wird Roeder am 26. September zu einer Geldstrafe von 4.500 DM  - ca. 2.250 Euro -  verurteilt. Zur Verhandlung erscheinen etliche Neonazis, die ein Transparent entrollen. Aufschrift: "Unsere Großväter waren keine Verbrecher".

Zeuge des Anschlags auf die Ausstellung: Bodo Ramelow

Auch für den Linken-Politiker Bodo Ramelow hat der Sprayer-Vorfall in Erfurt Folgen. Ramelow war Zeuge bei der Aktion der Rechtsextremisten und griff bei der Sprayer-Attacke ein. Für sein Eingreifen wird er später rechtlich von Manfred Roeder belangt, es kommt zur Gerichtsverhandlung. Ramelow erinnert sich im Oktober 2015 im Gespräch mit MDR-ZEITREISE-Autor Nils Werner: "Innerhalb dieses Prozesses bemerkte ich, dass ich permanent von zwei Menschen verfolgt wurde, die sehr nah an mir dran waren, wenn ich aus dem Gerichtssaal ging oder wenn ich wiederkam, egal, wo ich mich bewegte. (..) Später stellte sich heraus, dass das Böhnhardt und Mundlos, die NSU-Mörder, waren. Sie waren permanent an mir dran und das Signal für mich war eindeutig. Das Signal war: Wir sehen dich! Wir hören dich! Wir wissen, wer du bist! Wir wissen, wo du wohnst! Das Signal war unausgesprochen. (...)

Jahre später sieht Ramelow die beiden nach ihrem Tod in der Zeitung. "Ich hatte das jahrelang verdrängt, um meine Seele zu schützen. Dann habe ich den MDR gebeten, die Filmaufnahmen aus dem Prozess herauszusuchen. Da sieht man sie, wie sie im Prozess hinter mir gehen und stehen."

Es sind die Mitglieder der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Dem NSU werden Jahre später zehn Morde angelastet. Ihre Anschläge ähneln denen, die Roeders "Deutsche Aktionstruppen" in den 1980er-Jahren begangen hatten.

Neonazis um Uwe B., Andre K. und Uwe M., aufgenommen im Herbst 1996 in Erfurt im Umfeld eines Prozesses gegen den Holocaust-Leugner Manfred Roeder
Mitglieder des "Thüringer Heimatzschutz" - links Uwe Böhnhardt, dahinter Ralf Wohlleben – ebenfalls aktiv im "Thüringer Heimatschutz", daneben Andre Kapke, rechts Uwe Mundlos. Bildrechte: ddp

Eine Geschichte von Anschlägen, Krawallen und Boykott

Polizeibeamte bewachen am 19.01.1998 das Gebäude der Technischen Sammlungen in Dresden, in dem die umstrittene Wehrmachtausstellung eröffnet werden soll.
Polizeischutz zur Austellungseröffung 1998 in Dresden Bildrechte: dpa

Der Anschlag auf die Ausstellung in Erfurt bleibt kein Einzelfall. Gleich, wo die Bilder gezeigt werden, sorgt die Schau für Schlagzeilen: In München boykottiert die CSU die Ausstellungseröffnung, 15.000 Menschen demonstrieren in der Stadt für und gegen die Ausstellung. In Dresden braucht man zu Eröffnung Polizeischutz, in Kiel gibt es Krawalle während einer Demonstration der NPD-Jugend mit 100.000 Euro Folgeschaden, 1999 explodiert in der Saarbrücker Volkshochschule, die die Ausstellung beherbergt, ein Sprengsatz.

Schließung 1999 und Überarbeitung

Brennende Müllcontainer, Polizisten mit Schlagstöcken. Qualm vernebelt das Bild.
30.01.1999 - Krawalle in der Kieler Innenstadt. Bildrechte: dpa

Nach anhaltender Kritik durch Historiker wird die Ausstellung im November 1999 geschlossen und überarbeitet. Unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges" wird sie in den Berliner Kunst-Werken wiedereröffnet.

Was ist anders?

Jetzt zeigen nicht mehr die ursprünglich 1.400 Bilder das Ausmaß der Grausamkeiten, zum Beispiel lachende Soldaten vor Leichenbergen. Anstelle der ungeschönten, direkten Dokumentation zeigt die überarbeitete Ausstellung ein Zehntel der Bilder, verzichtet auf schockierende Aufnahmen. Stattdessen arbeitet sie mit Berichten, Feldpostbriefen, Meldungen sowie Film- und Hörbeispielen. Die Kernaussage ist auch in der überarbeiteten Ausstellung unverändert: Die Wehrmacht war im Zweiten Weltkrieg systematisch an Verbrechen gegen Zivilisten beteiligt und an der Ermordung der Juden in Ost- und Südosteuropa.

Was zeigte die Schau? Völkermord an sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen Ernährungskrieg, Deportationen von Zwangsarbeitern, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen.

Woher kommt das Ausstellungsmaterial? Das Fotomaterial für die Ausstellung stammte von beteiligten Soldaten, die ihre Taten und Trophäen selbst fotografiert hatten. Es zeigt ein ungeschminktes Bild der Verbrechen, begangen und dokumentiert von den Tätern selbst.

Wo wird die Ausstellung gezeigt und wer sieht sie? Zwischen März 1995 und November 1999 wanderte die Ausstellung durch 33 deutsche und österreichische Städte. Ausstellungsorte sind Rathäuser, Kirchen, Landtage

850.000 Besucher wurden gezählt.

Zuletzt aktualisiert: 25. November 2015, 10:24 Uhr