Die Debatte der 90er-Jahre Die Wehrmachtausstellung und das weit verzweigte Netz der Neonazis

Keine andere Ausstellung hat in den 1990er-Jahren Deutschland so polarisiert wie "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". 1996 randalierten Rechtsextremisten in der Ausstellung in Erfurt. Angeführt durch den Rechtsextremisten Manfred Roeder kommt es zwischen der rechten Gruppierung und dem Linken-Politiker Bodo Ramelow zu einer handfesten Auseinandersetzung. Dieser wird dafür später selbst rechtlich belangt und von den Neonazis bedroht. Erst Jahre später realisiert Ramelow, dass er Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, Mitgliedern der Terrorzelle NSU, begegnet war.

Ein Besucher betrachtet die Fotos in der umstrittenen Wehrmachtausstellung in Dresden
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Keine andere Ausstellung hat in den 1990er-Jahren Deutschland so polarisiert wie die Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Organisiert und finanziert wurde die Schau vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Die ausgestellten Bilder und Schriftdokumente belegten, was bis dato keiner laut zu sagen wagte: Die Wehrmacht war in Osteuropa planmäßig und vorsätzlich gegen Militär und Zivilisten vorgegangen. Die Schau widerlegte den Mythos von der "sauberen" Armee, die nicht an den Gräueltaten der Nationalsozialisten beteiligt war.

Generationenkonflikt wird sichtbar

Bis zur Ausstellung konnten Angehörige und Nachkommen der Wehrmachtsoldaten die Gräueltaten der Nazis aus der Distanz betrachten. Bis dahin galt: Ihre Männer, Väter, Großväter, Onkel waren als Angehörige der Wehrmacht unschuldig an den Nazi-Verbrechen. Oder etwa doch nicht? Der unsichtbare, unausgesprochene Riss zwischen den Generationen wird plötzlich sichtbar: Die Generation, die über ihre Taten und ihr Wissen schweigt. Die Kriegskinder, eine Generation, die nicht fragt. Die Kinder der Kriegskinder, die bisher keine Antworten auf Fragen erhalten hatte.

Die Ausstellung zeigte nun, wie brutal Wehrmachtsoldaten Hitlers Vernichtungskrieg im Osten führten. Und das, obwohl die ehemaligen Wehrmachtangehörigen daheim Familien jahrzehntelang andere Geschichten aus der Nazizeit erzählt hatten. Folgerichtig würden Familiengeschichten umgeschrieben, das Bild nahestehender Personen neu betrachtet werden müssen und sie selbst würden mit neuen Augen gesehen werden.

Protest Wehrmachtausstellung
Erfurt 1995: Neonazis entrollen ein Plakat mit der Aufschrift: "Unsere Großväter waren keine Verbrecher" Bildrechte: apabiz Archiv

Die Proteste: Anschläge, Boykott, Krawalle

Als Echo auf diese Enthüllung formierte sich Protest. Neonazis und konservative Kreise diskreditieren die Ausstellung mit allen Mitteln. Am 9. Juni 1996, am letzten Tag der Ausstellung in Erfurt, gerät diese in die Schlagzeilen: Hier tritt Manfred Roeder, ein bekannter Rechtsextremist, in Erscheinung. Er verübt mit anderen Rechtsextremisten einen Farbanschlag auf die Wehrmachtausstellung in Erfurt. Über 25 Meter Länge sprühen sie in gelber und schwarzer Farbe auf Ausstellungstafeln das Wort "Lüge".

Für die Sachbeschädigung an der Wehrmachtausstellung wird Roeder am 26. September 1996 zu einer Geldstrafe von 4.500 DM verurteilt. Zur Verhandlung erscheinen etliche Neonazis, die ein Transparent entrollen. Aufschrift: "Unsere Großväter waren keine Verbrecher".

Woher kommt das Ausstellungsmaterial? Das Fotomaterial für die Ausstellung stammte von beteiligten Soldaten, die ihre Taten und Trophäen selbst fotografiert hatten. Es zeigt ein ungeschminktes Bild der Verbrechen, begangen und dokumentiert von den Tätern selbst.

Zeuge des Anschlags auf die Ausstellung: Bodo Ramelow

Auch für den Linken-Politiker Bodo Ramelow hat der Sprayer-Vorfall in Erfurt Folgen. Ramelow war Zeuge bei der Aktion der Rechtsextremisten und griff bei der Sprayer-Attacke ein. Für sein Eingreifen wird er später rechtlich von Manfred Roeder belangt, es kommt zur Gerichtsverhandlung. Ramelow erinnert sich im Gespräch mit MDR-Zeitreise: "Innerhalb dieses Prozesses bemerkte ich, dass ich permanent von zwei Menschen verfolgt wurde, die sehr nah an mir dran waren, wenn ich aus dem Gerichtssaal ging oder wenn ich wiederkam, egal, wo ich mich bewegte. (...) Später stellte sich heraus, dass das Böhnhardt und Mundlos, die NSU-Mörder, waren. Sie waren permanent an mir dran und das Signal für mich war eindeutig. Das Signal war: Wir sehen dich! Wir hören dich! Wir wissen, wer du bist! Wir wissen, wo du wohnst! Das Signal war unausgesprochen. (...)

Jahre später sieht Ramelow die beiden nach ihrem Tod in der Zeitung. "Ich hatte das jahrelang verdrängt, um meine Seele zu schützen. Dann habe ich den MDR gebeten, die Filmaufnahmen aus dem Prozess herauszusuchen. Da sieht man sie, wie sie im Prozess hinter mir gehen und stehen."

Es sind die Mitglieder der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU), Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Dem NSU werden Jahre später zehn Morde angelastet. Ihre Anschläge ähneln denen, die Roeders "Deutsche Aktionstruppen" in den 1980er-Jahren begangen hatten.

Was zeigte die Schau? Völkermord an sowjetischen Juden, Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen Ernährungskrieg, Deportationen von Zwangsarbeitern, Partisanenkrieg, Repressalien und Geiselerschießungen.

Eine Geschichte von Anschlägen, Krawallen und Boykott

Der Anschlag auf die Ausstellung in Erfurt bleibt kein Einzelfall. Gleich, wo die Bilder gezeigt werden, sorgt die Schau für Schlagzeilen: In München boykottiert die CSU die Ausstellungseröffnung, 15.000 Menschen demonstrieren in der Stadt für und gegen die Ausstellung. In Dresden braucht man zu Eröffnung Polizeischutz, in Kiel gibt es Krawalle während einer Demonstration der NPD-Jugend mit 100.000 Euro Folgeschaden, 1999 explodiert in der Saarbrücker Volkshochschule, die die Ausstellung beherbergt, ein Sprengsatz.

Wo wird die Ausstellung gezeigt und wer sieht sie? Zwischen März 1995 und November 1999 wanderte die Ausstellung durch 33 deutsche und österreichische Städte. Ausstellungsorte sind Rathäuser, Kirchen, Landtage

850.000 Besucher wurden gezählt.

Schließung 1999 und Überarbeitung

Nach anhaltender Kritik durch Historiker wird die Ausstellung im November 1999 geschlossen und überarbeitet. Zuvor war eine achtköpfige Kommission aus Historikern damit beauftragt worden, die Inhalte auf Quellenauthetizität und ihren Aussagewert zu überprüfen. Die Kommission stellte fest, dass die Ausstellung sachliche Fehler, Ungenauigkeiten und Flüchtigkeiten bei der Verwendung des Materials und vor allem durch die Art der Präsentation allzu pauschale und suggestive Aussagen treffen würde, hieß es in der 2000 veröffentlichten Pressemitteilung dazu. Es wurde u.a. kritisiert, dass die Bilder so erschüttern, dass die erklärenden Texte von den Besuchern kaum noch wahrgenommen werden würden.

Abschließend urteilte das Historiker-Gremium, dass die Ausstellung "sinnvoll und nötig" gewesen sei. "Sie kann auch in den kommenden Jahren – in einer Fassung, die der Kritik, neueren Forschungsergebnissen und den die Ausstellung begleitenden Diskussionen Rechnung trägt – einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der historisch– politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland leisten." 2001 wurde sie unter dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges" in den Berliner Kunst-Werken wiedereröffnet.

Zu sehen sind nun nicht mehr die ursprünglich 1.400 Bilder, die das Ausmaß der Grausamkeiten zeigen - zum Beispiel lachende Soldaten vor Leichenbergen. Anstelle der ungeschönten, direkten Dokumentation zeigt die überarbeitete Ausstellung ein Zehntel der Bilder, verzichtet auf schockierende Aufnahmen. Stattdessen arbeitet sie mit Berichten, Feldpostbriefen, Meldungen sowie Film- und Hörbeispielen. Die Kernaussage ist auch in der überarbeiteten Ausstellung unverändert: Die Wehrmacht war im Zweiten Weltkrieg systematisch an Verbrechen gegen Zivilisten beteiligt und an der Ermordung der Juden in Ost- und Südosteuropa.

Dieses Thema im Programm: MDR Sachsenspiegel | 10. Oktober 2019 | 19:00 Uhr