Internierungslager, Razzien, Pogrome: Ein unbekanntes Kapitel der Weimarer Republik

Das Jahr 1920 ist bekannt als das Jahr, in dem der Kapp-Putsch tobt, die Reichsregierung fliehen muss und ein Generalstreik die Republik rettet. Doch dieses Jahr hat auch eine ganz andere wichtige Zäsur gesetzt. Denn im Frühjahr vor 100 Jahren wird ein neues Kapitel in der Geschichte des Umgangs mit "Fremden" in Deutschland aufgeschlagen.

Krakauer Cafe und Konditorei der Familie Kempler in der Grenadierstraße , ca. 1926
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Die Deutsche Tageszeitung schreibt 1920 unter der Überschrift: "Wird endlich durchgegriffen?" folgenden Text:

Das Reichsministerium des Innern soll sich entschlossen haben, alle lästigen fremdstämmigen Ausländer in Internierungslagern unterzubringen, um sie später bei passender Gelegenheit über die Grenzen abzuschieben. Das Ministerium hat damit beinahe schon so viel Mut bewiesen wie der frühere sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin.

Diese Zeilen sind Zeugnis eines bislang nicht da gewesenen "Fremdenhasses". In Preußen werden die ersten zivilen Internierungslager für sogenannte "lästige Ausländer" errichtet. Und einer schreitet dabei voran: der sozialdemokratische Polizeipräsident Berlins, Eugen Ernst.

"Massive Gefahr jüdischer Einwanderung"

In einer am 18. Februar 1920 im Berliner Tageblatt veröffentlichten Eingabe an den preußischen Innenminister Wolfgang Heine beschwört Ernst die massiven Gefahren herauf, die von der osteuropäisch-jüdischen Einwanderung, besonders im Berliner Scheunenviertel, ausgehen. Und lässt dabei kein antisemitisches Stereotyp aus.

Es wimmelt hier von großen Mengen Elementen unlauterster Art, die nicht nur in kriminalistischer, sondern auch politischer Beziehung überaus gefährlich sind, weil sie aus ihrer polnisch-russischen Heimat bolschewistische Ideen einführen und weiterverbreiten. Dazu wird die Volksgesundheit durch diese Einwanderer stark gefährdet. Der Begriff der Reinlichkeit ist diesen Leuten vollkommen fremd. [...] Gleichzeitig sind sie angefüllt mit Lebensmitteln und Delikatessen aller Art, die im Wege des Schleichhandels erworben und weiterverschoben werden.

Eugen Ernst 1920

Berliner Scheunenviertel: Drehkreuz für Einwanderer

Bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg ist das Berliner Scheunenviertel, in der Nähe des Alexanderplatzes gelegen, ein Hot-Spot der osteuropäisch-jüdischen Einwanderer. Ein Drehkreuz, an dem sich alle einfinden, die aus dem armen Osten in den "goldenen" Westen wollen. Am liebsten in die USA. Doch für diesen langen Weg braucht es Geld für Überfahrten, Stempel, Visa, gültige Pässe. Mit dem Ersten Weltkrieg und erst recht danach: ein Ding der Unmöglichkeit. Die Vereinigten Staaten verschärfen ihre Einreisebestimmungen. Und die alten multinationalen Imperien, das russische Zarenreich und das k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn, brechen auseinander.

Zeitungsauschnitt Neue Berliner Zeitung vom 31.3.1920
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Juden Osteuropas geraten überall zwischen die Fronten. Einige Tausend hatte das Deutsche Reich bereits im Krieg als Zwangsarbeiter "rekrutiert". In den deutschen Fabriken sollten sie die an die Front geschickten Arbeiter ersetzen. Nach 1918 folgen Zehntausende auf der Flucht vor Pogromen, die sich in den neuen Nationalstaaten, Polen und der Ukraine, rasend schnell ausbreiten und schätzungsweise 50.000 Juden das Leben kosten.

"Andersartige" im Berliner Stadtbild

Straßenszene Grenadierstraße 1930er Jahre
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Im Vergleich zu den 350.000 Russen, die vor der Revolution nach Berlin geflohen sind, sind die schätzungsweise 20.000 osteuropäischen Juden in der Hauptstadt eine marginale Größe. Und doch fokussiert sich der nationalistische Hass auf diese "Fremdstämmigen" in besonderem Maße. Denn sie sind, wie es Anne-Christin Saß in einer Studie beschreibt, als "Andersartige" im Stadtbild besonders präsent:

Das waren vor allem Migranten, die aus ländlichen Regionen kamen. Aus diesen Schtetln. Die zum Teil noch orthodox gelebt haben. D.h. die einen Kaftan tragen, Schläfenlocken, Bart. Die sind rein äußerlich präsent. Die erkennt man. Die sind fremd. Und die Flüchtlinge aus dem Osten sieht man auch einfach mehr, weil man das Elend auch stärker sieht. Die sind wirklich arm, abgerissen, das ist wirklich etwas, was extrem sichtbar ist. Und den Eindruck verstärkt: Die kommen in Massen.

Anne-Christin Saß Studie "Berliner Luftmenschen."

Ein Erlass mit Folgen

Historikerin Anne-Christin Saß
Historikerin Anne-Christin Saß. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unmittelbar nach Kriegsende erfahren diese Menschen zunächst durchaus Solidarität von politischer Seite. Denn in einem Erlass vom 1. November 1919 lässt der SPD-Innenminister Preußens, Wolfgang Heine, mitteilen, dass er den osteuropäisch-jüdischen Einwanderern besonderen Schutz, d.h. eine Duldung auf Zeit, gewährt. Man könne diese Menschen nicht einfach dorthin zurückschicken, wo Pogrome an der Tagesordnung seien. Darüber hinaus stellt sich in puncto Ausweisung ein rein praktisches Problem: Polen etwa nimmt "diese Staatsbürger" gar nicht zurück: Ihre alten Pässe seien ungültig.

Jüdische Hilfsorganisationen erklären sich bereit, für die Gestrandeten in Deutschland aufzukommen, falls sie "in der Luft hängen" sollten, d.h. keine Arbeit oder Unterkunft vorweisen können - so wie es die Fremdenpolizei verlangt. Ein wichtiger Aspekt, den auch Minister Heine in seinem Erlass herausstellt: Die Einwanderer lägen dadurch dem Staat nicht auf der Tasche. Ergo: Die Polizei dürfe erst gegen Ostjuden vorgehen, wenn die jüdischen Organisationen selbst den Betroffenen Hilfe versagten und sie sich dadurch "lästig machen". Ein Novum, in der bislang vor allem auf Abwehr von "Fremdstämmigen" ausgerichteten deutschen Einwanderungs- und Sicherheitspolitik. Besonders die Polizei empfindet diese Einmischung als Affront und reagiert.