1123: Markgraf von Meißen und der Lausitz Wiprecht von Groitzsch

(um 1050-1124)

Über Wiprecht, dem erst in der späteren Geschichtsschreibung der Beiname "von Groitzsch" beigelegt wurde, berichten die um 1150 im Kloster Pegau entstandenen Pegauer Annalen. Um 1050 geboren, entstammte er einer höheren Adelssippe, die im Raum Stendal-Tangermünde Besitzungen hatte. Sein Vater, der ebenfalls Wiprecht hieß, hatte das Balsamer Land als väterlichen Erbteil in Besitz, seine Mutter Sigena war die Tochter des Grafen Goswin des Älteren von Großleinungen bei Mansfeld. Die Erziehung des jungen Wiprechts übertrugen die Eltern dem Markgrafen der Nordmark Udo II. von Stade. Nach 1070 tauschte Wiprecht mit diesem das Balsamer Land gegen den Burgward Groitzsch. Für Tangermünde bekam Wiprecht ebenfalls durch Tausch andere zur Nordmark gehörige Lehen. In der Gegend von Groitzsch geriet Wiprecht zunächst mit den ansässigen Edelfreien in Konflikt.

Wiprecht wandte sich dem Böhmenherzog Vratislav II. zu, der wohl bereits 1075 Anhänger König Heinrichs IV. war und von ihm nicht nur die Lausitz sondern 1076 gar die Mark Meißen erhalten hatte. Die Hinwendung Wiprechts nach Böhmen war die Grundlage für den späteren Aufstieg des Groitzschers. Er verhalf dem Böhmenherzog zur Königserhebung, und war um 1080 bereits zu einem der wichtigsten Berater Vratislavs aufgestiegen. Nachdem Wiprecht 1081 ein böhmisches Heer von 300 Mann, das am Romzug Kaiser Heinrichs IV. teilnahm, geführt hatte, war ihm das Wohlwollen der Großen des Reiches sicher. Als Gegenleistung konnte der Groitzscher nun Unterstützung für die Niederschlagung seiner edelfreien Feinde fordern. Seit 1080 war die Burg Groitzsch wieder in seinen Händen und 1084 erhielt er vom König einen Reichsgutkomplex um die Burg Leisnig, der auch die Burgwarde Bolechina und Colditz umfasste. Mit seiner Hochzeit, die auch in diese Zeit fiel, verband sich Wiprecht von Groitzsch dynastisch mit seinem böhmischen Gönner Vratislav: Er heiratete dessen Tochter Judith. Als Mitgift erhielt er die Landschaften Nisan, also den Elbtalkessel um Dresden und Budissin- das Gebiet um Bautzen. Für seine junge Frau ließ er die Burg Schwerzau erbauen, die wohl auch gegen den Bischofssitz Naumburg gerichtet war. Aus Böhmen übernahm Wiprecht den Kirchentyp der Rundkapelle, die heute noch bei seiner Stammburg in Groitzsch und in der Dorfkirche von Knautnaundorf erhalten sind. Sie entstanden zwischen 1085 und 1090.

Seinen alten Feinden machte Wiprecht 1090 den Garaus. Etzelin von Profen sowie 17 weitere Personen ließ Wiprecht in Zeitz umbringen. Hageno von Tubichin und weitere Feinde hatten sich in die Zeitzer Jakobskirche geflüchtet, die Wiprecht abbrennen ließ. Als sie zu fliehen versuchten, wurden sie geblendet. Nach gutem Fehderecht eignete sich Wiprecht von Groitzsch die Besitzungen der besiegten Feinde an. Seine blutigen Taten reuten ihn jedoch sehr, so dass er sich auf Zuraten der Bischöfe von Magdeburg und Merseburg auf Wallfahrt nach Rom und Santiago de Compostela begab. Bei seiner Rückkehr nach Groitzsch kam Wiprecht über Eula, dessen fast zerfallene hölzerne Kirche er neu erbauen ließ. Schließlich entschloss er sich 1091, bei dem Dorfe Pegau an der Elster ein Kloster zu errichten. Als besondere Bußleistung trug er zu dessen Bau an die zwölf Ecken des Fundamentes zwölf Körbe mit Steinen.

Nach 1091 erhielt Wiprecht aus Naumburger Kirchengut den Burgward Butsin zwischen Groitzsch und Colditz zu Lehen. 1104 legte Papst Paschalis II. in einer Urkunde, in der Wiprecht erstmals Graf genannt wird, die Eigentumsübertragung des Klosters Pegau an den Heiligen Stuhl und die Befreiung von der Gerichtsbarkeit des Bischofssitzes Merseburg fest, d.h. es war direkt dem Papst unterstellt. Wiprecht erhielt die erbliche Vogtei über das Kloster, dies erleichterte es ihm, die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Klosters auch für sich zu nutzen. So ließ er zwischen Mulde und Wyhra zahlreiche Dörfer anlegen, die er mit Siedlern aus Franken besetzte. In Lausick, dem heutigen Bad Lausick, richtete Wiprecht von Groitzsch ein kleines Kloster mit sechs Mönchen ein, das er dem Kloster Pegau unterstellte. Außerdem bestimmte er es zur Pfarrkirche für die umliegenden Dörfer.

In den Thronstreitigkeiten 1105/06 zwischen Heinrich IV. und dessen Sohn Heinrich V. griff Wiprecht bald zu Gunsten des letzteren ein, fiel aber später bei ihm in Ungnade, weil er und sein Sohn gleichen Namens zu Gunsten seines Schwagers Boriwoi in den Streit um den böhmischen Herzogsthron eingriffen. Wiprecht der Jüngere wurde 1110 in der Burg Hammerstein gefangen gesetzt und konnte erst 1112 oder 1113 durch seinen Vater im Tausch gegen Leisnig, Morungen sowie die Gaue Nisan und Budissin bei Heinrich V. ausgelöst werden.

1109 war Wiprechts Frau Judith gestorben und in der Pegauer Klosterkirche beigesetzt worden. 1110 heiratete Wiprecht erneut. Seine Frau Kunigunde aus dem Hause Beichlingen sicherte ihm ihre Besitzungen für den Fall zu, dass sie vor ihm sterben sollte. Während der Gefangenschaft seines Sohnes war Wiprecht von Groitzsch zu einem der führenden Köpfe der sächsischen Adelsopposition aufgestiegen, was das Missfallen Heinrich V. erregte, der ihn 1113 gefangen nahm und zum Tode verurteilte. Allerdings wandelte er die Strafe in lebenslange Haft um. Drei Jahre saß Wiprecht in Trifels ab, ehe sich der Kaiser mit ihm aussöhnte und ihm seine Besitzungen zurückgab. Erneut vermochte es Wiprecht, seine Macht zu konsolidieren. Auf dem Sandberg bei Halle legte er nach dem Erwerb der Magdeburger Hochstiftsvogtei eine Eigenbefestigung an, zu der auch eine 1118 geweihte Rundkapelle gehörte. 1123 erhielt Wiprecht für 2000 Mark Silber die Mark Lausitz und wenig später die Mark Meißen zu Lehen.

Am 22. Mai 1124 starb Wiprecht an Brandwunden, die er sich beim Löschen eines Feuers auf seinen Besitzungen in Halle zugezogen hatte. Im Angesicht des nahen Todes war Wiprecht noch in sein Kloster Pegau eingetreten, wo er starb und begraben wurde. Ein Scheingrab Wiprechts aus dem 13. Jahrhundert, das ihn in voller Figur zeigt, wurde nach dem 1556 erfolgten Abbruch der Pegauer Klosterkirche in die dortige Laurentiuskirche gebracht, wo es noch heute besichtigt werden kann.