907 das ungarische Reitervolk wird im Harz zum ersten Mal gesichtet Die Ungarn - das rätselhafte Reitervolk

Der erste Sachse auf dem Königsthron: Heinrich I.

Die ursprüngliche Heimat der kriegerischen Magyaren lag in den ausgedehnten Steppenzonen südlich des Urals. Von dort brachten sie ihre gefürchtete Kampftechnik nach Europa ...

Blick auf den Budapester Heldenplatz
Auf dem Budapester Heldenplatz steht ein Denkmal, das an die Geburtsstunde der ungarischen Nation erinnert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Jahr 896 ließen sich ein halbes Dutzend von Fürst Arpad geführte Nomadenstämme auf dem Gebiet des heutigen Ungarns nieder. Von ihrer neuen Heimat in der ungarischen Tiefebene brachen die Steppenreiter zu Beginn des 10. Jahrhunderts immer wieder zu ausgedehnten Raubzügen in Richtung Westen auf. Die Angriffe waren nicht zentral koordiniert. Einzelne Kriegerhorden verließen allein oder in losen Verbänden zusammengeschlossen das Karpatenbecken.

Als bevorzugtes Ziel galt das alte Herrschaftsgebiet Karls des Großen. Das ehemals so mächtige Frankenreich war nach langen Erbstreitigkeiten in einen westlichen und einen östlichen Teil zerfallen. Eine starke Königsmacht gab es nicht.

Unter dem Zeichen des Turul

Fahne mit einem Turul - der falkenähnliche Raubvogell - so geht die Sage – eine Stammesschönheit geschwängert und damit die Dynastie der Arpaden begründet haben.
Der falkenähnliche Raubvogell - so geht die Sage – eine Stammesschönheit geschwängert und damit die Dynastie der Arpaden begründet haben. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie viele Steppenvölker glaubten auch die Magyaren, dass ihr Stamm seine Herkunft der direkten Vereinigung von Mensch und Tier verdankt: Ein falkenähnlicher Raubvogel, der sogenannte "Turul", soll - so geht die Sage - eine Stammesschönheit geschwängert und damit die Dynastie der Arpaden begründet haben. Bevor sie zu ihren Plünderungszügen aufbrachen, baten sie ihre Tierahnen um Beistand und pflegten magische Rituale, um den Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit zu festigen. Ein Falke am Horizont genügte, um sie furchtlos in den Kampf ziehen zu lassen.

"Gott beschütze uns vor den Pfeilen der Ungarn!"

Stefan Weinfurter, Geschichte Mitteldeutschlands, Historiker
Stefan Weinfurter kennt die wenigen Zeugnisse der Zeit. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Harz, im Südosten des alten sächsischen Stammesgebiets wurden die Ungarn 907 zum ersten Mal gesichtet. Die Klosterchroniken jener Zeit beschrieben die berittenen Heiden in den grässlichsten Farben. Wilde Raubtiere seien sie, kahlgeschoren, bar jeden Mitgefühls würden sie das Blut ihrer Opfer saufen und deren Herzen verschlingen. Der Historiker Stefan Weinfurter kennt die wenigen schriftlichen Zeugnisse, die aus dieser Zeit überliefert sind, und erklärt, angesichts der mörderischen Attacken der Steppenreiter glaubten damals viele an ein himmlisches Strafgericht:

Der knapp Sechzehnjährige war seinen Verwundungen erlegen und zusammen mit seinem Pferd bestattet worden.
Gnadendorfer Reitergrab - Der archäologische Fund aus dem Jahr 2000 zeigt die Gebeine eines jungen ungarischen Kriegers, der zusammen mit seinem Pferd bestattet wurde. Bildrechte: Geschichte Mitteldeutschlands / MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Ungarn sind in dieser Zeit die Angstgegner der Christen. Ihre Überlegenheit in der Kriegsführung ist so groß, dass weder die Sachsen noch die anderen ostfränkischen Stämme ein Mittel finden, sich dagegen zu wehren. Das führt so weit, dass der damalige Papst Benedikt in die Liturgie ein Bittgebet eingefügt haben soll 'Gott beschütze uns vor den Pfeilen der Ungarn!'

Stefan Weinfurter, Historiker

Reitergräber erzählen von den Nomadenkriegern

Doch wohin verschwanden all die Schätze, all das Gold und die Kostbarkeiten, deren Verlust durch die Plünderungen in alten Chroniken wortreich beklagt wurde? Der ungarische Archäologe Miklós Takács leitete viele Grabungen, auf Güter aus Westeuropa sei man dabei bisher nie getoßen. Vielmehr sei die Beute eingeschmolzen und in Luxusgüter nach eigenem Geschmack verwandelt worden.

Miklós Takács, Archäologe
Der ungarische Archäologe Miklós Takács erforscht die Geschichte der Reiternomaden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dafür spricht auch ein Fund, den Archäologen im Sommer 2000 im niederösterreichischen Gnadendorf machten: Sie stießen auf das Grab eines jungen, etwa 16-jährigen ungarischen Kriegers. Er war seinen Verwundungen erlegen und zusammen mit seinem Pferd bestattet worden. Gut 1.000 solcher Reitergräber wurden bis heute im alten Siedlungsgebiet der Ungarn freigelegt. Sie belegen die innige Beziehung zwischen den Nomadenkriegern und ihren Pferden. Besonders bemerkenswert: In dem Gnadendorfer Grab fand man unter dem Schädel des Toten eine Hand voll Silbermünzen. Sie alle stammen aus der Zeit um 900, sie alle wurden in Franken oder Italien geprägt und sie alle sind durchlocht.

Diese Silbermünzen wurden nicht als Münzen genutzt, sondern sie wurden als  Zierrate verwendet, das heißt, sie wurden durchgebohrt und dann entweder an die  Kleidung oder aber an die Zaumzeuge aufgenäht. Es ging um Repräsentation,  der reiche Mann sollte sich repräsentieren. Das sehen wir auch heutzutage: Man fährt einen Ferrari oder ein Lamborghini. Damals musste man ein schönes Pferd haben und daran musste eben Zaumzeug aus Gold sein.

Miklós Takács, Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften

Nach Jahrzehnten der Einfälle ins ostfränkische Reich holte Heinrich I. zum Gegenschlag aus. Sein Heer hatte er aufgerüstet, seine Wehrsystem reformiert. 932 kündigte er den Waffenstillstand mit den Ungarn und die damit verbundenen Tributzahlungen auf. Am 15. März 933 schlug er die Ungarn in der Schlacht bei Riade in die Flucht. Zu Lebzeiten Heinrichs kam es in seinem Herrschaftsgebiet zu keinen Raubzügen mehr. Erst 954 bedrohten die Ungarn wieder das Reich. So kam es unter Heinrichs Sohn Otto am 10. August 955 zur Schlacht auf dem Lechfeld, die zu seinem größten militärischen Sieg werden sollte und die Ungarn-Einfälle endgültig beendete.

Zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 11:35 Uhr