17. April 1945: Keine Flächenbomarbdierung auf Halle dank Luckner Luckners Legende fürs Leben

Sieben Monate kapert Luckner als "Pirat des Kaisers" feindliche Schiffe. Daraus strickt er sich eine Legende fürs Leben, meint Biograf Norbert von Frankenstein kritisch. Doch Zeitzeugen verehren ihn bis heute als "Retter von Halle".

Am 9. Juni 1881 auf dem Gut Pennrich bei Dresden geboren, wächst Felix Graf Luckner zunächst in diesem Gutshaus auf. Er nennt sich Phylax, ein Name, den er bei Karl-May gefunden hat. Er träumt vom Abenteuer und meidet die Schule. Der Vater, ein pensionierter Offizier und passionierter Jäger, hat dafür wenig Verständnis. Es setzt öfter Schläge. Mit 16 verlässt der junge Luckner sein Zuhause. Er schlägt sich nach Hamburg durch und heuert als Schiffsjunge auf einem russischen Segler an. Aus dem Matrosen wird schließlich ein Leutnant zur See, der 1904 nach neun Jahren Abwesenheit nach Hause zurückkehrt.

Sieben Monate als "Pirat des Kaisers"

Mit Hilfe seines Onkels Wolf Graf von Baudissin, der Admiral bei der Marine ist, schafft es Luckner, trotz mangelhafter Bildung, das Kapitänspatent zu erwerben. Als 1914 der 1. Weltkrieg beginnt, versieht Luckner Dienst auf verschiedenen Kriegsschiffen. Er kämpft in der schicksalhaften Schlacht am Skagerrak, die letzte, in der die kaiserliche Marine sich noch behaupten kann. Danach gewinnen die Briten die Hoheit zur See. Die Deutschen versuchen es nun mit Piraterie. Luckners Chance, denn er bekommt sein eigenes Kommando, mit der "Seeadler" soll er die Blockade der Briten in der Nordsee durchbrechen, feindliche Handelsschiffe aufbringen und versenken. Seine Angeberei bringt ihn zuvor in Schwierigkeiten:

Luckner hat jedem, der es hören wollte ... erklärt, er würde jetzt ein Geheimkommando machen und er sei auserwählt worden unter Tausenden von Kapitänen, und nur er könne eine solche Fahrt mit Erfolg absolvieren. Das war im Grunde genommen ein Geheimnisverrat. Der wurde angezeigt bei der Marineleitung, aber die Vorbereitungen für die Fahrt waren schon so weit fortgeschritten, dass sie es gar nicht mehr bremsen konnten, und so schnell gab es keinen Ersatz für Luckner, also hat man ihn fahren lassen.

Norbert von Frankenstein Biograf

Von Seeteufeln und Seebeben

Bereits in den ersten drei Monaten kann die "Seeadler" zwölf Schiffe kapern. Bald leben auf dem Schiff 263 Gefangene, die Luckner äußerst korrekt behandelt. Sie und 68 Mann Besatzung müssen versorgt werden. Häfen kann man nicht anlaufen, weil sonst die Tarnung auffliegt. Am Ende der Aktion - die Gefangenen sind freigelassen - werden aus den Piraten des Kaisers Schiffbrüchige: Luckners "Seeadler", inzwischen im Pazifik vor der kleinen Insel Mopelia unterwegs, zerschellt an einem Korallenriff. Ein Fehler der Führung. Später macht Luckner in seinem Buch "Der Seeteufel" ein Seebeben für den Untergang verantwortlich.

Und dann ist sie mit einmal da, die Flutwelle, sie packt unsere Planken, hebt das Schiff wie einen Ball und schleudert es mit ungeheurer Wucht auf das Korallenriff. Die Masten brechen zusammen, große Korallenblöcke poltern aufs Deck, Türen und Wände werden eingeschlagen. Der "Seeadler" bleibt als hilfloses Wrack auf der Bank zurück und ist unwiederbringlich verloren.

Felix Graf Luckner Der Seeteufel

Ein Marketing-Stratege mit nur einer Mission

Aus dem Seehelden wird ein Marketing-Stratege in eigener Sache, der von seiner Legende als "Seeteufel" lebt. So bricht er 1926 mit dem Viermastssegler "Vaterland" zur Weltumseglung auf, um das "Deutschtum" zu propagieren. Das Schiff, gesponsert von einem Verein, ist eine schwimmende Messe für deutsche Produkte. In den USA wird Luckner zunächst triumphal empfangen. Er sonnt sich in seinem Ruhm, eingeworbene Gelder landen immer häufiger in seiner Privatschatulle. Es kommt zum Zerwürfnis mit dem Verein. Die Vortragsreise endet mit einem finanziellen Fiasko. 1933 muss Luckner nach Deutschland zurückkehren. Dort dient er sich den Nazis an, mit einer Denkschrift "über den Neuaufbau des deutschen Reiches, über die Führer der deutschen Nation, gegen Greuel- und Lügenpropaganda, insbesondere auch gegen die Boykottbewegungen", um ein neues Schiff finanziert zu bekommen.

Er hat vielleicht den Hitler als Sponsor benutzt, ich glaube nicht, dass Hitler den Luckner benutzt hat, sondern umgedreht.

Irmgard Bahr Luckner-Gesellschaft

Dem "Sonderehrengericht" knapp entkommen

Andererseits schreibt Luckner im "Völkischen Beobachter": "Ich besuche die Jugend dieser Welt als Sendbote Hitlers." Das Schiff für die zweite Weltreise, die "Mopelia", war 1935 unter ungeklärten Umständen abgebrannt. 1936 kann er ein neues kaufen, die "Seeteufel". 1937 geht er damit wieder auf große Fahrt. Doch weder in Australien noch in Neuseeland will man den "Sendboten" noch empfangen. Das Unternehmen wird zur Tortur, es kommt zu Streitigkeiten an Bord. In der Reichskanzlei in Berlin gehen unterdessen weitere Briefe ein, die Luckner des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, des Inzests mit seiner Tochter Inga-Maria und der Freimaurerei bezichtigen. Ein "Sonderehrengericht des Führers" soll den Fall Luckner diskret untersuchen. Schließlich steht das eigene Image auf dem Spiel. Der Kriegs-Ausbruch 1939 lenkt von der Angelegenheit ab. Luckner kommt mit Auflagen davon:

Luckner erhält Auftrittsverbot, er darf nicht mehr in der Öffentlichkeit erscheinen, seine Bücher werden aus allen Bibliotheken entfernt und er wird praktisch in seine Heimatstadt Halle zurückversetzt, die er nicht zu verlassen hat.

Norbert von Frankenstein Biograf

Die Rettung der Rosa Janson

Die Ausschweifungen des Grafen erweisen sich einmal auch als hilfreich: 1943 werden die Auflagen gelockert, er reist Ende des Jahres nach Berlin, das bereits schwer bombadiert wird. Eine illegal in Berlin lebende Jüdin, Rosa Janson, bittet ihn um Hilfe. Er gibt ihr den Ausweis einer bei einem Bombenangriff umgekommenen Frau namens Frieda Schäfer und besorgt ihr ein Versteck an einem besonderen Ort; im Edelbordell "Salon Kitty", in dem er selbst verkehrt, vor allem aber auch führende Nazis. Luckner kennt die Chefin des Etablissements, Kitty Schmidt. So überlebt Rosa Janson als Haushaltshilfe, nach Kriegsende geht sie nach Amerika und schickt von dort mehrere Dankesbriefe.

Die große Stunde des Felix Graf Luckner

Das Kriegsende erlebt Felix Graf Luckner in Halle. Vor der Stadt lagern am 16. April 1945 die "Timberwölfe", die Soldaten der 104. US-Division, und warten auf den Befehl zum Flächenbombardement. Es läuft ein Ultimatum bis Mitternacht. Luckners zweite große Stunde schlägt: Mit Wissen des deutschen Kommandanten, aber ohne Mandat wollen er und Major a.D. Huhold mit den Amerikanern reden. Die beiden Männer riskieren ihr Leben, denn die SS erschießt jeden, der verdächtigt wird, mit dem Feind zu verhandeln. Dank seiner glänzenden amerikanischen Kontakte aus alten Tagen gelingt das Unternehmen. In der Nacht zieht sich die Wehrmacht hinter die vereinbarten Linien zurück und der Himmel über Halle bleibt ruhig. Am Morgen des 17. April 1945 ist Felix Graf Luckner so noch einmal der Mann der Stunde.

Ich weiß bloß, wir sind nachts in den Luftschutzkeller gegangen, mit dem Gefühl, wir wachen nicht mehr auf ... Entschuldigen Sie bitte (weint) ... Ich bin früh aufgewacht, hab mich gewundert, dass das Haus noch stand, bin raus ... da stand ein Ami-Panzer schon da, mit Blumen ... die ganze Hallesche Bevölkerung, war in dem Glauben, das hat unser Graf Luckner gemacht.

Irmgard Bahr Luckner-Gesellschaft