Das Ende des schönen Lebens in Versailles

Mit dem Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 endet das glückliche Leben der französischen Prinzessin. Doch was verbindet Marie Thérèse Charlottes Leben mit der Legende um die Dunkelgräfin?

Das abrupte Ende des Kindheits-Idylls

Frankreich 1788. Im Hofgarten von Versailles spielt die zehnjährige Marie Thérèse Charlotte, die Tochter der französischen Königin Marie Antoinette. Sie hat Besuch von einer Freundin aus Deutschland, der künftigen Herzogin von Sachsen-Hildburghausen. Es wird der letzte unbeschwerte Sommer ...

Mit dem Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 endet das Kindheitsidyll der französischen Prinzessin. Die Revolution fegt über das Land hinweg. Gegen die Macht und die Privilegien von Adel und Kirche geht das Volk auf die Barrikaden. "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" lautet die Parole. Die königliche Familie landet 1792 schließlich isoliert voneineinander im Staatsgefängnis "Temple". 1793 wird Ludwig XVI. geköpft. Neun Monate später endet Marie Antoinette unter der Guillotine. Die Ereignisse draußen nimmt Marie Thérèse Charlotte vor allem als furchterregende Lärmkulisse wahr.

Der Lärm dauerte bis 5 Uhr. Ich wußte nun, daß das Volk die Tür hatte einrennen wollen und daß die Wächter es daran hinderte. Aber sie erlaubten, daß sechs der Mörder die Runde machten, um den Turm, mit dem Kopfe der Madame Lamballe. Den Körper, den sie mit herumschleifen wollten, ließen sie schließlich an der Pforte liegen.

Marie Thérèse Charlotte im Gefängnis-Tagebuch

Marie Thérèse Charlotte ist während ihrer Isolationshaft der Willkür ihrer Wächter ausgeliefert. Über den Tod ihres Bruders lässt man sie im Ungewissen. Er stirbt - nur ein paar Gefängnismauern von ihr entfernt - an den Haftbedingungen. Mit der Zeit wandelt sich die Stimmung, das Schicksal ihrer Familie und ihre Gefangenschaft machen die Prinzessin im Volk populär. Da man sie nicht mehr zu Gesicht bekommt, wird sie allmählich zur Legende. Es kommen Gerüchte auf, sie sei vergewaltigt und geschwängert worden.

'Madame Royale' - so wurde die junge Unglückliche genannt oder auch Temple-Waise. Ihr Lebensdrama provozierte eine Unmenge Gerüchte. Boulevardblätter und Bänkelsänger machten sich zu ihrem Anwalt und berichteten, was ihr angeblich alles im Gefängnis zustieß.

Hélène Becquet, französische Historikerin

Marie Thérèse als politisches Faustpfand

Im Sommer 1795 versiegt der Gewaltrausch der Revolution. Die Haftbedingungen werden gelockert. Marie Thérèse darf im Gefängnishof spazieren gehen. Die Symbolfigur der Königstreuen soll bald zu ihrer Habsburger Verwandtschaft entlassen werden. Mit der Aufnahme seiner Cousine verbindet Kaiser Franz II. handfeste politische Interessen: In Wien will man die bourbonische Prinzessin mit Erzherzog Karl verheiraten. Denn: Auch in Österreich machen sich republikanische Ideen breit, die der Monarchie gefährlich werden könnten. Darum braucht Kaiser Franz die junge Frau – er will sie seinem Volk als anti-revolutionäre Märtyrerfigur präsentieren. Doch wäre eine von der Haft gebrochene junge und vielleicht entehrte Frau dafür überhaupt noch in Frage gekommen? Zugleich bemüht sich nun auch der im lettischen Exil lebende französische Onkel um die Gefangene.

Wie oft male ich mir ein Leben in ländlicher Stille aus, …daß ich in einem einsamen Schloß wohne, …daß mein Blick über waldige Höhen schweift und daß die Menschen, denen ich begegne, gar nicht ahnen, wer ich bin.

Marie Thérèse Charlotte im Gefängnis-Tagebuch

Ein Maler schaut durchs Teleskop

Eine junge Adlige, Madame de Chanterenne, soll Marie Thérèse Charlotte auf die Freiheit vorbereiten. Schließlich spricht sie nach der langen Isolation und Traumatisierung nur noch kehlig und abgehackt, muss die Etikette neu erlernen. In dieser Zeit, etwa im Oktober 1795 entsteht das sogenannte Teleskop-Bild. Ein Maler beobachtet das Mädchen mit dem Fernrohr im Gefängnishof und porträtiert sie. Später wollen Augenzeugen die französische Prinzessin aufgrund dieses Bildes in Deutschland wiedererkannt haben.

Die Abreise nach Wien

Die Abreise nach Wien wird schließlich für den 18. Dezember 1795 festgesetzt, einen Tag vor dem 17. Geburtstag von Marie Thérèse Charlotte. Zum Abschied übergibt die Prinzessin der Freundin Madame de Chanterenne ihre wertvollste Habe: das Gefängnis-Tagebuch, von dem noch heute eine Abschrift existiert. Sechs Tage dauert die Reise von Paris zum französischen Grenzstädtchen Hüningen.

Das Gerücht von der vertauschten Prinzessin kommt auf

Umstritten ist unter Anhängern bzw. Gegnern der Theorie von der vertauschten Prinzessin bis heute, ob es auch Marie Thérèse Charlotte war, die von Hüningen nach Wien weiterreiste. Denn: Zwei Wochen später trifft eine französische Emigrantin in der Wiener Hofburg ein, die sich offenbar anders als erwartet verhält. Sie weigert sich beispielsweise strikt, einen Habsburger zu heiraten, der so Einfluss auf den französischen Thron gewinnen würde. Statt dessen ehelicht sie am 10. Juni 1799 den Herzog von Angoulême, den Neffen Ludwigs, im lettischen Exil. Auch wirkt die junge Frau überhaupt nicht wie von Einzelhaft gebrochen, sondern stark und entschlussfreudig.

Und genau im Jahr der Hochzeit taucht an den verschiedensten Orten in Europa jenes geheimnisvolle Paar auf, das große Neugier auf sich zieht und schließlich im Jahr 1807 in Thüringen eintrifft, bei Herzogin Charlotte aus Sachsen-Hildburghausen, bei jener Frau also, die fast 20 Jahre zuvor als junges Mädchen in Versailles bei Marie Thérèse Charlotte zu Gast gewesen sein soll ...