Spuren Woher kam Alfred Brehms Lust zu fabulieren?

Der Vater schenkt dem Jungen schon mit acht Jahren eine Vogelflinte. Die Mutter liest allabendlich vor und weckt Alfreds "Lust zu fabulieren", die später eine große Leserschaft begeistert, aber auch ihre Kritiker findet.

Im ostthüringischen Renthendorf zwischen Gera und Jena verlebt Alfred Brehm seine Kindheit. Sein Vater, Ludwig Brehm, ist Pfarrer und weithin bekannt als Ornithologe. Deswegen wird er auch "Vogelpastor" genannt. Alfred durchstreift mit ihm Wiesen und Wälder der Umgebung, lernt alles über Vögel und über die Jagd. Zu seinem 8. Geburtstag schenkt ihm der Vater eine Vogelflinte.

Im Pfarrhaus wächst Alfred Brehm mit mehreren Geschwistern auf. Rudolph, der geistig behinderte Halbbruder, hat jedes Mal Angst, wenn geschossen wird. Auch zwei weitere Kinder der Brehms sind geistig behindert. Sechs Kinder sterben, bevor sie das Erwachsenenalter erreichen. Ungewöhnlich viele Schicksalsschläge in der Familie, Biografen mutmaßen, es habe an der Leidenschaft des Vaters gelegen: Fast 10.000 Vogelbälge besitzt er am Ende seines Lebens. Viele davon präpariert er selbst – mit schwergiftigem Arsen.

Während der Vater sich ganz der Vogelkunde widmet, interessiert sich die Mutter mehr für die Literatur.
Noch heute stehen im Brehmschen Bücherschrank die Bände aus dem Familienbesitz. Beständig im Gebrauch seien die Klassiker gewesen, so erinnert sich Alfred Brehm in seiner Familienchronik später. Aus den Werken las die Mutter dem Gatten allabendlich im Beisein der Kinder vor. So habe sie "die Lust zu fabulieren" in ihm erweckt. Diese Lust zu fabulieren durchzieht später Alfred Brehms Lebenswerk. Kritiker meinen, Dichtung und Wahrheit vermischten sich - etwa in seinen Reiseberichten aus Afrika. Doch es gibt auch Bewunderer bis heute:

Er ist bewundernswert darin, wie er spricht und schreibt. Er ist einzigartig in seiner Zeit gewesen durch die Neugier, mit der er lebenden Tieren begegnet ist ... Brehm ist ein leidenschaftlicher Wissenschaftler und die Betonung liegt auf Leidenschaft. Er ist nicht nur Wissenschaftler.

Roger Willemsen (Publizist und Brehm-Herausgeber)

Alfred Brehm übernimmt viel vom Schreibstil des Vaters, seinem Vorbild. Dessen Aufsätze und Bücher über die Vogelwelt werden von den Ornithologen des 19. Jahrhunderts geschätzt.

So schreibt er später von seiner ersten Afrika-Expedition (1847-1851) nach Hause an seinen Vater:

Wir werden herrliche Sammlungen machen, ich werde doch meinem Vater keine Schande machen! Ach! Wenn ich auch so ein berühmter, herrlicher Mann wie Sie werden könnte!!!

Alfred Brehm (Aus einem Brief an den Vater)

Afrika - noch rechnet wohl keiner damit, dass jemals einer aus der Familie weiter kommt, als bis nach Jena. Dort studiert Bruder Oskar Pharmazie. Das Geld im Pfarrhaushalt ist knapp, für ein zweites Studium reicht es erstmal nicht. Deswegen geht Alfred zunächst nach Altenburg in die Maurerlehre und besucht die Handwerksschule. Die 30 Kilometer dorthin legt er zu Fuß zurück. Im Herbst 1846 beginnt er, in Dresden Architektur zu studieren, aber über das 2. Semester kommt er nicht hinaus.

Das ganz große Abenteuer lockt: Baron John Wilhelm von Müller, 24 Jahre alt und begeisterter Ornithologe, steht in Korrespondenz mit Vater Brehm. Müller plant eine Expedition nach Afrika. Der junge Brehm, gerade 18 geworden, soll ihn begleiten.

Der Vater war in zwiespältiger Haltung, denn einerseits hätte er gerne dem mütterlichen Sorgen und Widersprechen zugestimmt, andererseits lockten den Vater die Vogelbälge, die der Sohn möglicherweise aus Afrika für die einheimische Renthendorfer Sammlung mitbringen würde.

Hans-Dietrich Haemmerlein (Pfarrer und Brehm-Biograf)

Im März 1847 bricht Alfred auf. Fünf Jahre wird er in Afrika bleiben. Fünf Jahre, die ihn prägen. Ehe er nach Hause zurückkehrt und in Jena Naturwissenschaften studiert, als Direktor des Hamburger Zoos und des Berliner Aquariums für Furore sorgt und mit seinem "Thierleben" als Autor Erfolge feiert.

Doch am Ende melden sich Kritiker des fabulierenden Wissenschaftlers zu Wort, der die These vertritt, dass die Tiere "mit Bewusstsein Freiheit und Leben einsetzen". So schreibt er über die Vögel:

Abweichend von anderen Thieren leben die meisten Vögel in geschlossener Ehe auf Lebenszeit ... Das Pärchen, welches sich einmal vereinigte, hält während des ganzen Lebens treuinnig zusammen.

Alfred Brehm glaubte, dass die Tiere "mit Bewußtsein Freiheit und Leben einsetzen (Aus: Brehms Thierleben)

Johann Bernard Theodor Altum aus Eberswalde tritt in Disput mit Brehm und trifft ihn an seiner empfindlichsten Stelle, der Vogelkunde. Altums Buch "Der Vogel und sein Leben zielt direkt auf Brehm. Darin heißt es:

Der Vogel singt ohne alle und jede persönliche Theilnahme ... Hier ist ... kein Kampf sich widerstrebender Stimmungen, kein Gemüths, kein Verstandesleben. Das ist der ganze Werth einer glücklichen Vogelehe ... Ohne zu wissen, was es thut und warum es dasselbe thut, steuert das Tier geraden Weges sicher auf sein Ziel zu.

Prof. Altum in einer Kontroverse zu Alfred Brehm (Aus: "Der Vogel und sein Leben

Auch die letzte Zeit seines Lebens wird er in Renthendorf verbringen, am Ende schließlich von Kritikern angefeindet und vom Schicksal gezeichnet.

Wenn man sich aus heutiger Sicht, die Kontroverse zwischen Brehm und Altum anschaut, dann war der bedeutendere Zoologe von beiden natürlich der Altum. Er war eindeutig der fortschrittlichere. Aus heutiger Sicht würde man wohl sagen, dass der Altum wohl auch einen Schritt zu weit gegangen ist mit seiner Instinktheorie. Also Tiere sind keine seelenlosen Maschinen, wie er das gesehen hat als Theologe, und sie sind auf der anderen Seite auch nicht so menschlich wie Brehm das geschildert hat.

Andreas Schulze (Germanist und Brehm-Forscher)

Am 14. November stirbt Alfred Brehm im Alter von nur 55 Jahren. An der Beerdigung nimmt neben der Familie eine kleine Abordnung von Jenaer Studenten teil. Das Echo in der deutschen Presse ist bescheiden. Sein Tierleben erfreut sich zwar noch 100 Jahre großer Popularität, wenn auch häufig überarbeitet.