Vor 100 Jahren eingeführt Acht-Stunden-Arbeitstag - die Novemberrevolution machte es möglich

Es brauchte offenbar erst das bedrohliche Chaos der Novemberrevolution 1918, um einen jahrzehntelangen Kampf der deutschen Arbeiterschaft erfolgreich abzuschließen. Als das Volk am Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs auf den Straßen des untergehenden Kaiserreichs und der werdenden Weimarer Republik eine neue Zeit einforderte, wurde der Wirtschaftselite Angst und Bange um ihr Eigentum – sodass sie schließlich sogar den Acht-Stunden-Arbeitstag akzeptierte. Ab 1. Januar 1919 galt er offiziell.

Fertigung von Zündkerzen nach amerikanischen Fertigungsmethoden im Bosch-Stammwerk in Feuerbach 1920.
Bosch-Stammwerk in Feuerbach 1920. Robert Bosch führte den Achtstundentag bereits 1906 in seinem Unternehmen ein. Bildrechte: dpa

Die Sorgenfalten der Unternehmer müssen tief gewesen sein, als während der Verhandlungen im Berliner Continental-Hotel draußen die Hauptstadt brodelte – jedenfalls ging es mit einem Mal recht schnell.

Die Großindustriellen waren in schwerster Sorge vor einer kommenden Sozialisierung […] Sie waren zu allem bereit, wenn sie nur ihr Eigentum behielten.

Arthur Rosenberg Geschichte der Weimarer Republik. Hrsg. von Kurt Kersten, Frankfurt am Main 1961, S. 8

So begründete der marxistische Historiker Arthur Rosenberg das sogenannte Stinnes-Legien-Abkommen vom 15. November 1918 – benannt nach einem Großindustriellen und einem führenden Gewerkschaftsfunktionär. Es war die bahnbrechende Übereinkunft zwischen den maßgeblichen privaten Arbeitgebern und den wichtigsten Gewerkschaften des revolutionären Deutschlands am Ende des Ersten Weltkriegs – nur wenige Tage nach dem Sturz des Kaisers und der Ausrufung der nun entstehenden Weimarer Republik.

Herbeigesehnter Durchbruch

Ab sofort als Arbeitervertreter anerkannt, erreichten die Gewerkschaften durch das Abkommen vor allem den seit Langem geforderten Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich, der am 23. November 1918 schließlich offiziell verkündet wurde. Für Millionen Werktätige, die sich vor allem in den Fabriken der noch vergleichsweise neuen kapitalistischen Zeit abrackerten, war es wohl die beste Nachricht ihres Lebens. Diese "gewerblichen Arbeiter" konnten somit als Erste früher in den Feierabend gehen – die Angestellten durften ihrem Beispiel aber bereits im Jahr darauf folgen. Für sie alle war es eine große Veränderung zum Guten – für die man jahrzehntelang erbittert gekämpft hatte.

Arbeitszeit im Wandel

Das zähe Ringen um die Länge des Arbeitstages hatte erst ab dem 18. Jahrhundert an Brisanz gewonnen, als sich der moderne Industriekapitalismus in Europa zu entwickeln begann. In der Antike wurde die weitverbreitete Sklavenarbeit ohnehin nicht nach Zumutbarkeit verteilt. Im Mittelalter verhinderten vor allem die Zünfte lange Arbeitszeiten – zum einen, um übertriebenen Wettbewerb zwischen den Gewerbetreibenden zu unterbinden und zum anderen, weil Spät- und Nachtarbeit Feuergefahr mit sich brachte. So dauerte die Arbeitszeit unter Ausnutzung des Tageslichts rund acht bis zehn Stunden. Üblich war bei den Arbeitnehmern dieser Zeit eher das Gefeilsche um den so genannten "blauen Montag" für einen ruhigen Start in die Arbeitswoche. In seinem berühmten Werk "Utopia" ersann der englische Philosoph Thomas More Anfang des 16. Jahrhunderts seine Vorstellung einer perfekten Gesellschaft mit nur sechs Stunden Arbeit am Tag – für viele bis heute reines Wunschdenken.

Bis zu 16 Stunden an den Maschinen

Als erste "Kurzarbeiter" durften die Bergleute der Frühen Neuzeit bereits zu verkürzten Acht-Stunden-Schichten einfahren – so sah es beispielsweise die Kursächsische Bergordnung von 1749 offiziell vor. Mit der Industrialisierung kamen für die meisten anderen Lohnarbeiter aber zunächst deutlich längere Schichten von bis zu 16 Stunden – die Unternehmer wollten schließlich die teuren Maschinen möglichst stark auslasten. Die Abhängigkeit der schnell wachsenden Arbeiterschaft war enorm. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts organisierten sich die Werktätigen zusehends und verschafften ihren Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen allmählich Gehör.

Auf in den Arbeitskampf

Schon 1817 hatte der walisische Unternehmer und Sozialreformer Robert Owen den Slogan geprägt: "Acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit und Erholung und acht Stunden Schlaf". Bis die ersten Gewerkschaften diese Forderung aber nachhaltig vertraten, vergingen noch Jahrzehnte. Ein Schlüsselereignis war schließlich der sogenannte Haymarket-Aufstand Anfang 1886. In der US-Großstadt Chicago und anderen Orten streikte die Arbeiterschaft mehrere Tage, um die tägliche Arbeitszeit von zwölf auf acht Stunden zu verringern. Es kam zu Ausschreitungen, die sogar Todesopfer forderten – trotzdem machte die Aktion international schnell Schule für den 1. Mai als Kampftag der Arbeiterklasse. Bereits 30 Jahre zuvor hatte Australien in einer Vorreiterrolle damit begonnen, den Achtstundetag mit vollem Lohnausgleich einzuführen – der für die meisten Arbeiter weltweit damals aber noch nicht in Sicht war.

Der schwere Weg zum Ziel

In Deutschland setzte vor allem die frühe Sozialdemokratie das Thema Arbeitszeit auf ihre Agenda. Von der SPD und den Gewerkschaften eingeschworen, gingen am 1. Mai 1890 erstmals im ganzen Kaiserreich – und vor allem in Berlin, Dresden und Hamburg – insgesamt etwa 100.000 Arbeiterinnen und Arbeiter für die acht statt der noch üblichen zehn täglichen Arbeitsstunden auf die Straße. Doch erst gut drei Jahrzehnte später sorgte der Erste Weltkrieg für den Durchbruch an der Arbeitsfront – nicht zuletzt, weil auf einen Schlag Hunderttausende heimkehrende Männer wieder in Lohn und Brot gebracht werden mussten, was kürzere Schichten für mehr Arbeiter nötig machte. Den eigentlichen Anstoß gab nun aber die Sorge der deutschen Unternehmerschaft vor einer sozialistischen Umwälzung samt Enteignungen im Lande.

Modell mit Langzeitwirkung

Und vielen Unternehmern dämmerte zudem die Erkenntnis, dass der Achtstundentag zu mehr Produktivität führen kann – vor allem durch eine bessere Konzentration der Arbeiter. Dadurch verringerte sich die Zahl der Fehler und Unfälle sowie der stressbedingten Ausfälle. Zwar waren später mitunter auch wieder längere Arbeitszeiten möglich, aber letztlich setzten sich die acht Stunden weitgehend durch. Auch in den anderen Industrienationen, was den deutschen Gewerkschaften im Zuge des Stinnes-Legien-Abkommens als Aufgabe für ihre Schwestern im Ausland mitgegeben worden war. Bei aller Etablierung des Achtstundentags blieb die Arbeitszeitfrage aber letztlich stets das, was sie immer schon war: eine Frage der Macht.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: MDR extra: 150 Jahre SPD | 23.05.2013 | 22:35 Uhr