Kaiser Wilhelm II. von Preußen und König Friedrich August III. von Sachsen in einer Kutsche
König Friedrich August III. von Sachsen und Kaiser Wilhelm II. von Preußen in einer Kutsche. Bildrechte: imago/Arkivi

Als der Adel in Deutschland abgeschafft wurde

Mit der Einführung der Republik vor 100 Jahren endete das Kaiserreich in Deutschland. Insgesamt 22 Monarchien hörten damit auf zu existieren. Von den Adelshäusern geht dennoch bis heute eine Faszination aus.

Kaiser Wilhelm II. von Preußen und König Friedrich August III. von Sachsen in einer Kutsche
König Friedrich August III. von Sachsen und Kaiser Wilhelm II. von Preußen in einer Kutsche. Bildrechte: imago/Arkivi

400 Weinflaschen aus seiner alten Residenz in Dresden verlangte König Friedrich August III. vom Freistaat Sachsen, als er sich im Exil auf Schloss Sibyllenort in der schlesischen Provinz befand. Sachsens letzter König war zuvor, am 8. November 1918, aus Dresden geflohen und hatte fünf Tage später auf seinen Thron verzichtet. Seine Besitztümer waren nach der Abdankung beschlagnahmt worden.

Verlassen zeigt sich am 25.09.1999 dem Besucher in Szczodre vor den Toren Breslaus (Polen) ein Seitenflügel des ehemaligen Schlosses, das als das "Schlesische Windsor" berühmt war.
Friedrich August III. lebte bis zu seinem Tod 1932 in seinem schlesischen Schloss Sibyllenort bei Wroclaw. Vom Anwesen überstand nur ein Seitenflügel die Sprengung 1945. Bildrechte: dpa

Wegen seiner 400 Säle und Salons wurde Schloss Sibyllenort auch als "zweites Versailles" bezeichnet. Dort verbrachte der einstige Herrscher seine Tage nun mit Jagdausflügen, Spaziergängen, Zeitungslektüre und gelegentlichen Skatrunden. Seinen vormals luxuriösen Lebensstil hielt er, so gut es ging, aufrecht. Dazu zählten unter anderem die vielen Bediensteten, deren Löhne jährlich 200.000 Mark verschlangen.

Meuterei der Matrosen

Zwei Monate vor Friedrich Augusts Flucht ins Exil, im September 2018, war der Obersten Heeresleitung klar, dass der Erste Weltkrieg für Deutschland verloren war. Die Soldaten sollten dennoch weiter in aussichtslose Schlachten ziehen. Das sorgte für Unmut in der Soldatenschaft, vor allem bei den Matrosen. In Kiel und Wilhelmshaven weigerten sie sich auszulaufen und rebellierten. Daraufhin bildeten sich Soldaten- und Arbeiterräte, die die Abschaffung des Kaiserreichs forderten. Im gesamten Land breitete sich ein Flächenbrand aus, der in der Novemberrevolution gipfelte.

"Totale Umwälzung des Staatsgefüges"

Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung fand der einst so bejubelte Kaiser Wilhelm II. keine Unterstützung mehr in der Bevölkerung. Am 9. November 1918 wurde das Schicksal des deutschen Kaiserreiches in Berlin besiegelt. Prinz Max von Baden übergab sein Reichskanzleramt an den MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Am gleichen Tag riefen sowohl sein Parteikollege Philipp Scheidemann, als auch der spätere Mitbegründer der KPD, Karl Liebknecht, die Republik aus. Was dann folgte, bezeichnet der Journalist und Adelsexperte Jürgen Worlitz als "totale Umwälzung des Staatsgefüges". Der Grundstein für die erste parlamentarische Republik in Deutschland, die Weimarer Republik, war gelegt. Damit war das deutsche Kaiserreich Geschichte – und mit ihm insgesamt 22 Monarchien auf deutschem Boden.

Philipp Scheidemann, der die Republik ausruft, darunter eine jubelnden Menschenmenge.
Philipp Scheidemann ruft am 9. November die Republik aus. Seine Proklamation war am Ende die gültige. Bildrechte: dpa

Entschädigung für die Adelshäuser

Als die Weimarer Verfassung am 14. August 1919 in Kraft trat, wurden alle Standesvorrechte des Adels abgeschafft. Der Adel hörte damit auch rechtlich auf zu existieren. Er verlor zugleich seine Titel und sämtliche Privilegien. In sogenannten Auseinandersetzungsverträgen wurde  geregelt, welche Besitztümer im Privatbesitz der Adelshäuser blieben und welche in staatlichen Besitz übergingen. Den vormals regierenden Häusern wurden in der Regel einige Schlösser und Ländereien zur Bewirtschaftung überlassen.

Friedrich August III. führte ab 1919 mit dem Freistaat Sachsen Rückgabe-Gespräche über die konfiszierten Güter. Seinen Wunsch nach den Weinflaschen bewilligte der Innenminister – wenn auch nur 200 statt der geforderten 400. Des Weiteren wurden "den Wettinern in Sachsen mehrere Schlösser, Grundstücke, Wälder und Fischereirechte überlassen. Davon konnten sie weiterhin gut leben. Es war natürlich keine höfische Pracht mit Paraden oder Ähnlichem mehr möglich, aber es war ein ganz normales Auskommen. In der Regel konnten die ehemals regierenden Häuser zufrieden sein", meint Adelsexperte Worlitz.

Enteignung in der DDR

Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine weitere Zäsur für den Adel in Deutschland – vor allem für die Häuser, die sich in der sowjetischen Besatzungszone befanden. Die Parole "Junkerland in Bauernhand" machte eindeutig klar, dass der Adel zum Feindbild geworden war. In Folge der Bodenreform, die im September 1945 begann, wurden viele Adlige enteignet. Die ökonomische Grundlage wurde ihnen damit entzogen.

Besonders davon betroffen war das Haus Preußen. Fast alle Besitztümer der brandenburgisch-preußischen Linie der Hohenzollern-Dynastie, die den letzten deutschen Kaiser gestellt hatte, gingen verloren. Von mehreren Tausend Hektar Land verblieben nur wenige sowie ein Teil der Hohenzollernburg in ihrem Besitz.

Jürgen Worlitz
Jürgen Worlitz arbeitet als Adelsexperte fürs Fernsehen. Zuvor war 35 Jahre als schreibender Journalist und Bildreporter unterwegs. Bildrechte: Jürgen Worlitz

Wie viele andere Adlige in der sowjetischen Besatzungszone, flüchtete die Familie Hohenzollern nach Westdeutschland. Nach mehreren Zwischenstationen landete sie in einem Vorort von Bremen. Mit kleiner Hofhaltung wohnten sie dort in einer Villa. In der Bedeutungslosigkeit verschwand das einstige Herrscherhaus nicht. Vor allem Louis Ferdinand von Preußen, der ab 1951 der Chef des Hauses Hohenzollern war, trat öffentlich in Erscheinung: „Louis Ferdinand von Preußen war nach dem Krieg die größte Gestalt, die das Haus Preußen hervorgebracht hatte. Er war beliebt. Jedermann kannte ihn. Er war sogar einmal als Bundespräsident im Gespräch“, erzählt Adelsexperte Worlitz.

"Sehnsucht nach etwas Schönem"

Was ist heute noch vom Adel übrig? Worlitz bescheinigt dem Adel noch immer eine große Strahlkraft: "Der Adel ist totgesagt. Es gibt ihn trotzdem immer noch als soziale Gruppe. Am Adel gibt es ein immenses Interesse, besonders an großen Namen europäischer Adelshäuser. In Deutschland ist das Interesse regional begrenzter. Das heißt, dort wo ein Schloss ist, wie beispielsweise in Neuschwanstein. Dort wandern die Leute zu Tausenden hin, um in die Welt des Adels reinzuschnuppern."

Dabei interessiere die Adelfans nicht vorwiegend die Geschichte der Häuser, sie hätten vielmehr Sehnsucht nach etwas Schönem, nach Harmonie, die sich beispielsweise in der Architektur der Schlösser oder in den Oldtimern ausdrücken, die viele Adlige fahren, so Worlitz.

Die Geschichte des Adels geht weiter. Zwar besitzt er keine rechtlichen und politischen Privilegien mehr und hat stark an Bedeutung verloren, aber er ist weiterhin in vielen Bereichen der Gesellschaft als elitärer Kreis prägend.

(mn)

Über dieses Thema berichtet der MDR Aktuell auch im TV: 03.11.2018 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2018, 14:11 Uhr