1923 Musterhaus "Am Horn" für erste Bauhaus-Ausstellung Georg Muche

(1895-1987)

Geboren am 8. Mai 1895 in Querfurt als Sohn eines kunstsinnigen Beamten, besuchte Georg Muche Volks-, Latein- und Oberrealschule. In dieser Zeit übte er sich in Zeichnungen von Schulfreunden, legte später verworfene "Naturstudien" an, stellte Kopien der alten Meister Tizian, Rembrandt, Rubens in Ölfarbe her und beschäftigte sich mit van Gogh und Cézanne.

1912 entstand das erste Gemälde des damals 17-Jährigen: "Die Badenden", von dem nur noch eine Fotografie existiert. In dieser Zeit musste bereits die Entscheidung für den Künstlerberuf gefallen sein, denn Muche verließ ohne Abitur die Schule, um in München sein Glück zu machen. Nach nur einem Jahr Unterricht an einer Malerei- und Graphik-Schule und der abgelehnten Bewerbung an der bayrischen Akademie ging er nach Berlin und fand dort schnell Anschluss an den progressiven "Sturm"-Kreis um Herwarth Walden. Letzterer arrangierte bereits 1916 eine Ausstellung mit 22 Arbeiten für den jungen Muche. Selbst jeder Ausbildung ledig, stellte man ihn in der Kunstschule des "Sturm" aufgrund seiner überragenden Fähigkeiten als Lehrer für Malerei an.

Im Fegefeuer des Ersten Weltkrieges, im tiefen Dreck der Somme-Offensive, im "Stahlgewitter" fürchterlichster Kanonaden auf europäischer Erde, verlor er jede Illusion von "gerechten" Kriegen, reifte zum Pazifisten, zum Hass-Gegner jeder Gewalt und jedes Nationalismus. Er hatte bereits sein Testament gemacht, er, ein junger Künstler von 23, seinen Eltern die Verfügung über sein schmales Werk übertragen. Doch mit großem Glück war er davongekommen.

Bauhaus-Musterhaus von Georg Muche in Weimar.
Das Musterhaus "Am Horn" in Weimar, entworfen von Georg Muche für die erste Bauhaus-Ausstellung 1923 Bildrechte: IMAGO

Ab 1919 lebte Muche wieder in Berlin und baute sich Kontakte auf. Mitglieder der Novembergruppe und der Dadaisten wurden seine Freunde, bevor ihn der Ruf nach Weimar ans Bauhaus erreichte, wo eine siebenjährige fruchtbare künstlerische Periode begann. Bis dahin hatte Muche, von äußeren Erfolgen verwöhnt, mit abstrakten Mitteln sein Kunstideal durchzusetzen versucht, analog dem Münchener "Blauen Reiter" mit Farbexperimenten, aus der Tiefe glühenden, gegenstandslos gebrauchten Farben von sich reden gemacht.

Im Bauhaus wandte er sich von der Abstraktion ab. Er war der Webmeister des Bauhauses, errichtete ein Versuchshaus "Am Horn", leitete die erste Bauhaus-Ausstellung, die zum ersten Mal die Reaktion auf den Plan rief und widmete sich freudig motiviert der Lehre.

Im Dritten Reich gehörte Muche zu den üblichen Verdächtigen. Entlassung von seiner Anstellung in Breslau, "Entartete Kunst", Beschlagnahmung von Kunstwerken - doch Muche fand eine unauffällige Tätigkeit. Er wurde Lehrer an der Schule "Kunst und Werk" in Berlin. Hier befasste er sich mit Freskenmalerei und schrieb ein Buch "Buon Fresco- Briefe aus Italien über Handwerk und Stil der echten Freskenmalerei". In Krefeld gründete Georg Muche eine Meisterklasse für Textilkunst, arbeitete in Wuppertal am "Institut für Malstoffkunde" und entwickelte sich zum technikbesessenen Künstler mit Sinn für Verbindung von Kunst und Technik, ohne ihre Wesensunterschiede zu verkennen.

So konnte er überleben. Haus und Atelier wurden zerbombt, große Teile seines Werkes vernichtet. Doch er konnte Walter Gropius im August 1945 in die USA "ohne Befangenheit" schreiben, da er sich frei gehalten hatte "von allen Bindungen", obwohl die Verführung, mit dem Teufel zu paktieren zum Vorteil persönlichen Eigentums, oft an ihn herangetreten war. Für Muche hatte die schlichte alte biblische Tugend gegolten, dass Gewissen nicht käuflich ist, auch nicht in den finsteren Zeiten der Bedrohung, auch nicht in Zeiten gefährdeter Demokratie. Dies hat ihm Respekt eingebracht über die Kunstwelt hinaus.

Zu seinen wichtigsten Werken gehören die "Tafeln der Schuld", an denen er auch nach der Vernichtung der Hitlerbande weiterarbeitete, ohne groß und sehr lange nach Stoff, nach neuen Verbrechensherden in der Welt suchen zu müssen. Die Erde brannte weiter. Lokale Feuernester, die sich oft zu einem Weltenbrand hätten ausdehnen können, beobachtete er voller Empörung, ließ sich unterrichten und verfolgte die Reaktion der Macht, um sie anzuklagen. "Der alte Maler" ließ sich selbst mit über 70 Jahren nicht abhalten, immer wieder "entlang der blutenden Linie seiner Lebenserfahrungen zu zeichnen" und die Öffentlichkeit zur Solidarität aufzurufen.

Am 26. März 1987 ist der Maler in Lindau gestorben.

(zuerst veröffentlicht am 10.06.2002)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: Sachsen-Anhalt Heute | 15.05.2014 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2017, 09:23 Uhr