3. Oktober 1898 Adolf Reichwein

(1898-1944)

Am 3. Oktober 1898 kam Adolf Reichwein als Sohn eines Lehrers in Bad Ems zur Welt. Kindheit, Schul- und Jugendzeit verlebt er in Oberroßbach bei Friedberg und Bad Nauheim. Mit acht Jahren nahm er bereits an Wochenendfahrten einer Wandervogelgruppe teil. Hier empfing er wichtige Impulse für seine spätere Hinwendung zur Jugendbewegung und alternativen Lebensweisen. Spätestens 1914, als er 16-jährig eine Gruppe von sieben Jungen nach Hamburg und Helgoland führte, zeigten sich auch seine pädagogischen Fähigkeiten. Der Erste Weltkrieg, für ihn zunächst Abenteuer und eindrucksvolles Erleben fremder Kulturen und Landschaften, erwuchs zum Trauma seines Lebens. Überzeugt vom Wahnsinn des Krieges und mit dem Ziel, "soziale Reformen und Volksbildung" zu vereinbaren, begann der 20-Jährige in Frankfurt am Main ein breit gefächertes Studium. Seine Dissertation über Chinas Einfluss auf die europäische Kultur des 18. Jahrhunderts war bei ihrem Erscheinen 1923 ein Publikumserfolg.

Schicksalsschlag und Trennung

Nach einigen Zwischenstationen als Geschäftsführer der Volksbildung in Berlin und Ferienkursleiter an der Ostsee, kam Adolf Reichwein nach Jena, und übernahm zunächst die Leitung der Volkshochschule Thüringen. Mit der organisatorischen Umstellung der Einrichtung und anderen zusätzlichen Verpflichtungen überfordert, erkrankte er im März 1925 an Diphtherie. Die Genesungsphase überschattete ein weiterer persönlicher Schicksalsschlag. Adolf Reichweins zweijähriger Sohn Gert ertrank in einer Regentonne. Die Ehe der Eltern zerbrach. Reichwein selbst versuchte auf einer Italienreise neue Kräfte zu sammeln.

Gruppenarbeit ersetzt Vorträge

Am 1. Oktober 1925 löste Reichwein Wilhelm Flitner als Leiter der Städtischen Volkshochschule Jena ab. 1919 gegründet und von der Carl-Zeiss-Stiftung finanziell unterstützt, stand die hoch qualifizierte Arbeiterschaft aus der optisch-feinmechanischen Industrie der Zeiss- und Schott-Werke der Volksbildungsinitiative aufgeschlossen gegenüber. Die erste Maßnahme des neuen Leiters bestand darin, die Methode der Vorträge durch die Arbeit in kleineren Gruppen zu ersetzen. Gleichzeitig verlagerte Reichwein den Schwerpunkt der Kurse auf aktuelle und wirtschaftliche Fragen, wie "Probleme des Achtstundentages", "Genossenschaftswesen" und "Wirtschaftsdemokratie".

Für die proletarische Arbeiterjugend fühlte sich Reichwein besonders verantwortlich und veranstaltet jeden Samstag sportliche Übungen, bei denen er den Jugendlichen unter anderem dass noch relativ unbekannte Schlittschuhfahren beibrachte. Im Anschluss daran beschäftigten sie sich in Seminaren mit der Wirtschaft Mitteldeutschlands.

Die Kaltduscher um 05:30 Uhr

Mit der Einrichtung eines Volkshochschulheims für Jungarbeiter am Beuthenberg gelangte Adolf Reichwein auf dem Höhepunkt seines pädagogischen Erfolges in Jena an. Gemeinsam mit 12 jungen Arbeitern zog er selbst in das Haus ein: "Morgens 5 Uhr 30 wird geweckt, man geht gemeinsam zum Brausen, das übrigens auch während des strengen Winters kalt betrieben wird, d.h. man beginnt den Tag nicht jeder für sich auf der Stube, sondern gemeinsam. Dann ist gemeinsames Frühstück, das entgegengesetzt den früheren Gewohnheiten der einzelnen, in Ruhe eingenommen wird. Danach geht jeder zu seiner Arbeit." Jeweils ein Jahr verbrachten die 18- bis 24-Jährigen hier und nahmen nach der Fabrikarbeit an drei Tagen in der Woche Abendunterricht. Am Ende eines Lehrjahres ging man gemeinsam auf große Fahrt in europäische Länder. Nach sechs Jahren hatte sich die Zahl der Kursteilnehmer verdoppelt, Wirtschaftsschule und Volkshochschulheim erfreuten sich regen Zulaufs, die Volkshochschule galt als führendes Modell der Erwachsenenbildung in der Weimarer Republik.

Der "fliegende Professor" - moderner Erlebnispädagoge

Nach einer fast einjährigen Amerikareise übernahm Adolf Reichwein die Pressestelle des Kultusministers in Berlin, wenig später, 1929, folgte er dem Ruf als Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an die Pädagogische Akademie Halle. Sein Ziel war die Erziehung junger Menschen zu geistig und sozial verantwortungsbewussten Staatsbürgern. Die erzieherische Praxis des "fliegenden Professors", dessen Leidenschaft für Sportflugzeuge allgemein bekannt war, schloss politische Diskussionsabende ebenso ein wie Zeltlager und Ferienlager mit Studenten. Reichwein kann somit als Mitbegründer der modernen Erlebnispädagogik gelten.

Innere Emigration und Kontakt zum Kreisauer Kreis

Die Säuberungspolitik der NS-Herrschaft traf auch den inzwischen der SPD beigetretenen Adolf Reichwein. Von seiner Hochzeitsreise zurückkehrt - Reichwein hatte seine Kollegin Rosemarie Pallat geheiratet - wurde er als unerwünschter Hochschullehrer zwangsbeurlaubt. Er entschied sich gegen eine mögliche Professur in Istanbul und für das Verbleiben in Deutschland, wo er schließlich in Tiefensee eine Stelle als einfacher Dorfschullehrer annahm. In dieser Phase der inneren Emigration, gelang es ihm Kontakte zum Kreissauer Kreis zu knüpfen und am Plan eines neuen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg mitzuarbeiten. Allerdings sollte er das Kriegsende nicht mehr erleben.

Verraten und als Hochverräter zum Tode verurteilt

Von einem Gestapo-Spitzel verraten, verhaftete man ihn am 4. Juni 1944, als er nach einem geheimen Treffen mit kommunistischen Freunden in Berlin nach Hause fuhr. Bereits wenige Tage darauf verurteilten ihn die nationalsozialistischen Richter als Hochverräter in einem Schauprozess vor dem so genannten "Volksgerichtshof" zum Tode. Aus der Todeszelle des Gefängnisses schrieb Adolf Reichwein nach dreimonatiger qualvoller Haft an seine Frau Rosemarie: "Liebe Romai, die Entscheidung ist gefallen. Zum letzten Mal schreibe ich Deinen mir so teuer gewordenen Namen. In meiner letzten irdischen Stunde sind meine Gedanken noch einmal mit besonderer Innigkeit bei Dir und den vier Kindern. Diese drei Monate sind für mich trotz aller Qual auch von großer innerer Bedeutung gewesen: Sie haben vieles klären und hoffentlich auch läutern helfen, was man gerne in seiner letzten Stunde geklärt und geläutert hat. Ich scheide ruhig, weil ich die Kinder in Deiner Hut weiß. Möge Gott Euch stärken, das Schwere zu überwinden und das Leben in Stärke fortzusetzen. Die Kinder, in eine Zukunft hineinwachsend, seien Dir Trost und spätere Freude.“

Als Reformpädagoge, Kulturhistoriker, Lehrer und Erwachsenausbilder besonders im mitteldeutschen Raum hoch geschätzt, starb Adolf Reichwein am 20. Oktober 1944 am Galgen in Berlin-Plötzensee.