06.01.1873 Karl Straube - ein prinzipientreuer Organist und Thomaskantor

(1873-1950)

Karl Straube: ein außergewöhnlich virtuoser Organist, ein eher unglücklicher Leiter des Leipziger Thomanerchors, für seine Haltung jüdischen Freunden und Kollegen gegenüber ungelitten von den Nationalsozialisten.

Geboren am 6. Januar 1873 in Berlin, legte der Vater, Instrumentenbauer und Organist an der Berliner Heilig-Kreuz-Kirche, den Grundstein zu Karls musikalischer Ausbildung. Die Schnelligkeit und Präzision, mit welcher der Junge lernte und mit der er auch nur einmal gehörte Stücke nachspielen konnte, bewegten den Vater allerdings bald zu der Entscheidung, das Talent seines Sohnes einem erfahrenen Lehrer anzuvertrauen.

"Dynamisches Spiel statt gleichförmigem Fortissimo"

1888 wurde Straube Schüler Heinrich Reimanns. Bei diesem begegnete er einer ihm bisher unbekannten Art der Bach-Interpretation, der er sich fortan verschrieb. Statt dem üblichen "Schlendrian, Bach auf der Orgel in einem gleichförmigen Fortissimo zu spielen", welcher den Barockkomponisten in den Ruf eines "altmodischen", blutleeren Musikers gebracht hatte, lernte er hier eine dynamische Art des Spiels kennen. Dieses Erlebnis formte Straubes großes Ziel: Bachs Orgelmusik von der tradierter Interpretation zu befreien und dazu alle technischen Möglichkeiten der modernen, dem Klangideal des Wagnerschen Orchesters verhafteten Orgel zu nutzen.

Organist in Wesel

1895 war der 22-jährige Straube bereits ständiger Vertreter Reimanns an der großen Sauer-Orgel der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Zwei Jahre darauf bekleidete er an der Willibrordikirche in der niederrheinischen Garnisonsstadt Wesel ein eigenes Organistenamt. Hier erarbeitete er sich jenes Repertoire, welches auf den folgenden Konzertreisen seinen Ruhm als Orgelspieler begründen sollte. Im Mai 1898 lernte Straube nach einem Orgelabend in Frankfurt am Main den Komponisten Max Reger kennen. Aus dieser Begegnung erwuchs eine äußerst produktive Freundschaft, die bis zum Tode Regers währen sollte. Straube beriet Reger in kompositorischen Dingen, regte den Freund wohl gar zu mancher Komposition an und machte dessen Werke - zumeist durch Uraufführungen - auf Tourneen in ganz Deutschland bekannt. Umgekehrt aber verlangten die technischen und musikalischen Schwierigkeiten der Regerschen Stücke dem Organisten größte virtuose Anstrengungen ab.

1902: Straube wird Thomaskantor in Leipzig

1902 berief man Straube als Thomasorganist nach Leipzig. Er hatte sich gegen neun zumeist sächsische Mitbewerbern durchgesetzt. Wenig später übernahm der inzwischen 29-Jährige die Leitung des Bachvereins und zeichnete für die Aufführung chorsinfonischer Werke im Gewandhaus verantwortlich. Zeitgenössische Chormusik von Pfitzner, Kodály, Zilcher und anderen gehörten ebenso in sein Repertoire wie die Kantaten Bachs und die oratorischen Werke Händels. Als 1918 der Thomaskantor Gustav Schreck starb, trat Straube nach einstimmigem Votum dessen Nachfolge an. So recht gewachsen fühlte er sich dem neuen Aufgabengebiet jedoch nicht. Bereits in der Anfangsphase seiner Tätigkeit bemühte er sich um einen Nachfolger. An seinen Lieblingskandidaten Dr. Gerhard von Keußler, Professor für Komposition an der Berliner Akademie der Künste, richtete er die dringende Aufforderung zur Nachfolge: Er, Straube, habe nicht die nötige musikalische Begabung, um das Leipziger Amt wirklich "im großen Stil" verwalten zu können. "Thomaskantor muß ein Komponist sein. Da ich das in keiner Weise bin, fühle ich, wie eigentlich verfehlt meine Berufung ist. Ein rechter "Notstopper" bin ich!" Doch Keußler schlug ihm die Bitte, das Bachsche Erbe anzutreten, ab. Und so blieb Straube, mittlerweile auch gerühmter Orgellehrer am Konservatorium, der Leiter des Thomanerchores.

Straube hält an seinen Prinzipien fest - den Nazis missfällt das

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, erschütterte das die Position und die Arbeitsmöglichkeiten Straubes als Kantor nachhaltig: Die grundsätzlich antikirchlich eingestellten Machthaber taten nicht nur ihr Möglichstes, um die Kirchenmusik in ihrer Wirkung zu beschneiden, sie fanden auch keinen Gefallen am amtierenden Thomaskantor, der im Präsidentschaftswahlkampf von 1931 öffentlich gegen Hitler Stellung genommen hatte. Um aber sein Amt nicht einem Parteischergen überlassen zu müssen und den Chor damit dem musikalischen Untergang zu weihen, trat Straube in die Partei ein. Bis 1939 konnte er seine Arbeit weiterführen.

Doch seine vermutlich weiterhin nach außen getragene antifaschistische Haltung blieb der Partei nicht verborgen: Straube lehnte nicht nur jegliche Teilnahme an Parteiveranstaltungen ab, er bekannte sich auch weiterhin zu jüdischen Freunden und Kollegen. So drängte man Straube "durch Intrigen", wie er selbst notierte, aus dem Amt: Man machte die Verlängerung seines Vertrages von der Zustimmung seines designierten Nachfolgers im Kantorat, seines Schülers Günther Ramin, abhängig. Dieser Demütigung entzog sich Straube durch seinen Rücktritt.

Bis 1948 blieb er Orgellehrer am Konservatorium und versuchte nach Kräften, die Ausbildung der Kirchenmusiker zu fördern. Straube starb am 27. April 1950 in Leipzig.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:28 Uhr

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