1925 - Erste Elektroautos fahren durch Deutschland Elektroautos – Der Antrieb von gestern und morgen

Heute startet in Zwickau die Produktion eines VW-Elektroautos. Jedoch: ein schnittiges Elektroauto, das sauber, leise und sparsam ist – das war schon im 19. Jahrhundert keine Zukunftsmusik mehr. In den 1920er-Jahren macht in Leipzig ein spezielles Elektrofahrzeug Furore.

Elektro Autos Leipzig
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Es ist ein Transporter, der den Leipzigern auf der Straße ein begeistertes "Oh" abringt: Die Firma Bleichert konstruiert Anfang der 1920er-Jahre ihr erstes Elektromobil, genannt die "Bleichert-Eidechse". Ganz ohne Abgase schlängelt sich der Wagen durch enge Straßen. Gelenkt wird die "Eidechse" dabei mit dem Körper, sprich der Fahrer verlagert sein Gewicht nach rechts oder links. Die Stromwagen sind für den Lieferverkehr im Stadtverkehr konstruiert und perfekt für kurze Wege. In ganz Deutschland werden sie seit 1925 benutzt, um tagsüber Geschäfte anzufahren, nachts tanken sie den preisgünstigen Nachtstrom.

Das ist was gewesen, wo die Konstruktionsabteilung der Firma Bleichert sehr clever gewesen ist und gesagt hat: Also, den PKW-Markt werden wir wahrscheinlich nicht aufmischen, aber für diese kurzen Wege da ist der Elektromotor der perfekte Antrieb. Der Strom, den sie da verfahren, der kostet weniger in seiner Produktion als das damals noch nicht synthetisch hergestellte Benzin. Wenn Sie sich in einem begrenzten Rahmen bewegen wollen, ist es der preiswerteste Antrieb, genau so wie heute."

Ulf Morgenstern, Historiker

Das erste straßentaugliche Elektroauto

Doch auch die Leipziger "Eidechse" hatte einen Vorläufer. Das erste straßentaugliche Elektroauto entwickelt der französische Physiker M. Gustave Trouvé. Für die erste Elektrizitätsmesse 1881 in Paris bestückt er ein Fahrrad mit drittem Stützrad mit einem Elektromotor. Über Seilzüge werden die Bleiplatten in die Säure der offenen Batterien getaucht. Je nach Tiefe ist das Gefährt dann schneller oder langsamer – über 12 Stundenkilometer kommt es jedoch nicht hinaus. Wenige Monate später präsentieren die Wissenschaftler William Ayrton und John Perry in England einen Elektrowagen, der bis heute als erstes straßentaugliches Elektroauto der Welt gilt. Das Dreirad ist in der Konstruktion so ausgereift, dass es bis zu 40 Kilometer Reichweite ermöglicht.

Keine Chance gegen Benzin-Flitzer

Der erste straßentaugliche Elektrowagen gerät aber schnell in Vergessenheit. Das Aufladen ist kompliziert und seine Erfinder legen keinen sonderlichen Wert auf PR-Maßnahmen. Bertha Benz hingegen vollführt mit dem spritbetriebenen, knatternden Erstling ihres Mannes Carl eine von der Öffentlichkeit beachtete Fernfahrt. Nach der Jahrhundertwende setzen die mobilen Spritfresser zum Eroberungszug an, sind technisch perfektioniert, fahren schneller und weiter.

Auch die "Eidechse" hat es schwer, sich durchzusetzen, obwohl 1930 der Betrieb von Elektroautos staatlich gefördert wird. Wer einen Stromwagen fährt, zahlt weniger Steuern und Versicherung. Trotzdem sind die effizienten Elektroautos auf Dauer der spritfressenden Stinkerkonkurrenz unterlegen: Der lokale Hersteller Bleichert kann nicht den Markt überschwemmen wie die großen Automobilhersteller, sondern nur eine bestimmte Stückzahl der "Eidechse" bauen. Opel, Audi oder Benz setzen schon damals voll auf Verbrennungsmotoren.

Hätte man der Technik ein bisschen mehr Zeit gegeben oder hätte sie eben ein bisschen mehr Zeit bekommen, wenn die Nazis mit ihren Wirtschaftsvorstellungen und erst recht mit ihrem Krieg nicht dazwischen gekommen wären, dann hätte die Technik viel größere Chancen gehabt."

Ulf Morgenstern, Otto-von-Bismarck-Stiftung Friedrichsruh
Elektrsch betriebener Lieferwagen der Fa. Bleichert, anno 1930 in Leipzig. 1 min
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Was heute noch als großartiger Fortschritt gilt, war 1930 in Leipzig schon längst Realität: Lieferwagen mit Elektromotoren.

Mo 09.09.2019 12:48Uhr 00:50 min

https://www.mdr.de/zeitreise/video-335494.html

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Elektro-Auto made in "GDR"

Trotz aller Widrigkeiten überlebt die Leipziger Elektroautoproduktion den Zweiten Weltkrieg. Die legendäre "Bleichert-Eidechse" liefert bis 1961 als VEB Stromwagen an Reichsbahn und Post. Sonst setzt die DDR jedoch auf Benzinmotoren mit robuster Technik. Zweitaktmotoren prägen die beiden Automarken Trabant und den Wartburg. Doch in der Lausitz entwickelt eine Handvoll Schüler mit ihrem Lehrmeister Erhard Neubert das "Elsist", kurz für "Elektrisches-Sicherheits-Stadtauto". Das Elektroauto ist schnell, leise und sparsam. 1978 ist es nach vierjähriger Konzeptions- und Bauzeit endlich Wirklichkeit, doch die Serienproduktion wird grundlos abgelehnt. Mitte der 1990er Jahre bekommt die Elektromobilität wieder Aufschwung. Wie schon damals die "Eidechse" läuft jetzt in Leipzig die neueste Generation Elektroautos vom Band.

Zuletzt aktualisiert: 04. November 2019, 16:37 Uhr