Für die Opfer ist es nicht vorbei Das Skandal-Schlafmittel Contergan

Mit dem Namen Contergan ist einer der größten Arzneimittel-Skandale verbunden. Das Schlafmittel, welches auch bei Schwangerschaftsübelkeit eingenommen wurde, verursachte Missbildungen bei Neugeborenen. Nach Bekanntwerden des Zusammenhangs mussten sich die Manager des Herstellers Grünenthal wegen vorsätzlicher Körperverletzung und fahrlässiger Tötung vor Gericht in einem der aufwendigsten Strafprozesse in der Bundesrepublik verantworten. Vor 69 Jahren wurde Contergan vom Markt genommen.

Eine Packung Contergan
Das Schlafmittel Contergan verschuldete eine Vielzahl der Missbildungen bei Neugeborenen. Bildrechte: Hermann J. Knippertz/AP/dapd

Am 1. Oktober 1957 bringt die Firma Grünenthal mit Sitz in Rheinland-Pfalz das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan in der Bundesrepublik auf den Markt. Es ist zunächst frei verkäuflich und gilt als gut verträglich. Doch wie sich später herausstellt, schädigt das Mittel den Embryo in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft schwer. Die Folgen sind fatal und werden nicht sofort mit der Einnahme des Medikaments und dessen Wirkstoff Thalidomid in Verbindung gebracht.

Tausende Babys mit schweren Missbildungen geboren

Gegen Ende des Jahres 1960 wird in der Bundesrepublik festgestellt, dass die Zahl von Neugeborenen mit Missbildungen extrem angestiegen ist. Zwischenzeitlich werden dafür sogar Atomtests, ein ungesunder Lebensstil der Mütter und genetische Faktoren verantwortlich gemacht. Die nach den Erfahrungen im Dritten Reich abgeschaffte Meldepflicht für Missbildungen verzögert weiter, dass der Anstieg sofort statistisch erkannt und belegt werden kann. Mitte 1961 wird Contergan rezeptpflichtig und Ende November des Jahres vom Markt genommen.

Zu spät für Tausende Familien und ihre Babys mit verkümmerten Gliedmaßen. Weltweit wird die Zahl der Contergangeschädigten Menschen auf 10.000 geschätzt. Nach Angaben des Bundesverbandes Contergangeschädigter kamen in Westdeutschland ungefähr 5.000 Kinder mit schweren Missbildungen vor allem an Armen und Beinen zur Welt. Von ihnen leben heute noch etwa 2.400. Wie viele Totgeburten auf die Einnahme von Contergan zurückgehen, ist nicht bekannt.

Contergan Tabletten
Das Schlaf- und Beruhigungsmittel Contergan wurde im November 1961 vom Markt genommen. In der DDR wurden mindestens zehn Fälle bekannt. Bildrechte: imago images/JOKER

Contergangeschädigte Kinder in der DDR

Selbst in der DDR wurden in diesen Jahren zehn Babys mit den typischen Missbildungen geboren. Ihre Mütter hatten sich das Medikament aus dem Westen mitbringen lassen. In der DDR wurde kein Medikament mit diesem Wirkstoff hergestellt oder vertrieben. Einem Bericht des "Neuen Deutschlands" aus dem Jahre 2007 zufolge, gab es anfangs durchaus Interesse. Der zuständige Ausschuss habe aber eine Herstellung abgelehnt, weil Contergan ein Gegenspieler von Vitaminwirkungen und damit zu riskant für Embryonen und Föten sei.

Einer der größten Strafprozesse der Bundesrepublik

In der Bundesrepublik wurde jahrelang gegen den damaligen Eigentümer der Herstellerfirma Grünenthal, Hermann Wirtz, und zahlreiche leitende Angestellte ermittelt. Am 18. Januar 1968 ließ die erste Große Strafkammer des Landgerichts Aachen die Anklage gegen neun führende Manager von Grünenthal zu und eröffnete das Hauptverfahren. Am 27. Mai 1968 fand dann der erste Verhandlungstag statt. Zahlreiche Eltern betroffener Kinder traten als Nebenkläger auf. Nach 283 Verhandlungstagen wurde der Prozess am 18. Dezember 1970 eingestellt - wegen geringer Schuld der Angeklagten. Das Landgericht Aachen konnte das persönliche Verschulden der angeklagten Pharmamanager nicht beweisen. Noch vor Abschluss des Strafprozesses wurde im April 1970 ein Vergleich geschlossen.

Stiftung nach langem Tauziehen

Die Firma Grünenthal zahlte im Zuge dessen 100 Millionen D-Mark in die 1972 gegründete Stiftung "Hilfswerk für behinderte Kinder". Rechtlich wurde damit jeder weitere Anspruch gegen die Firma ausgeschlossen. Der größte Medizinskandal der Bundesrepublik war durch den Vergleich für die Firma erledigt. Das 2005 in "Conterganstiftung für behinderte Menschen" umbenannte Hilfswerk ist bis heute für sämtliche Ansprüche der Betroffenen zuständig. Aus Bundesmitteln flossen bis 2016 mehr als eine Milliarde Euro. Die Contergangeschädigten erhalten seit 2017 je nach Grad ihrer Schädigung eine monatliche Rente und eine jährliche Einmalzahlung.

Im Zuge des Contergan-Skandals wurde das Arzneimittelrecht in der Bundesrepublik drastisch verschärft. Die therapeutische Wirksamkeit muss seitdem in geeigneten Studien nachgewiesen werden.

Christoph Friedrich in seinem Büro 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Betroffene kämpfen mit Folgeschäden

Für die Opfer ist der Contergan-Skandal aber auch 63 Jahre nach der Markteinführung nicht vorbei. Wie Georg Löwenhauser, der Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigte, sagt, warten viele Betroffene noch immer auf eine Entschuldigung des Herstellers Grünenthal. Der Konzern hatte sich bisher nur dafür entschuldigt, nicht früher auf die Opfer zugegangen zu sein.

Die Betroffenen im fortgeschrittenen Alter kämpfen inzwischen nicht nur mit den angeborenen körperlichen Beeinträchtigungen, sondern auch mit Folgeschäden. Ihr Leben und Alltag wird durch den erhöhten Verschleiß, zum Beispiel von Gelenken, zusätzlich erschwert. Und scheinbar hat die Einnahme von Contergan vor der Geburt auch die Gefäßbildung beeinflusst, wie einige Fälle bereits zeigen.

Über dieses Thema berichtete MDR Fernsehen auch in: Brisant | 18.01.2018 | 18:11 Uhr