1941: "Die rote Zora und ihre Bande" Die Lebensgeschichte des Kurt Held

(1897-1959)

"Es war im Jahr 1919. Ich wanderte märchenerzählend durch den Thüringer Wald. In einer kleinen Stadt, Lauscha, dem Mittelpunkt der Glasbläser, traf ich eine laute Kirchweih mit vielen Buden und Wagen der Schausteller. Besonders eine Bude fesselte sofort meinen erstaunten Blick. Davor stand ein junger Bursche mit dichtem, braunem, ziemlich struppigen - oder sagen wir offen - liederlichem Haar. Es fiel ihm bei jeder Bewegung über Augen und Nase und wurde dann mit kühner Kopfbewegung nach rückwärts geworfen. Er trug nach damaliger Wandervogelart einen rostbraunen Leinenkittel mit dem freideutschen Jugendabzeichen, kniefreie schwarze Manchesterhosen, nackte Beine und Sandalen, so genannte "Jesuslatschen". - Diese Zeilen schrieb Lisa Tetzner, Märchenerzählerin und spätere Ehefrau von Kurt Held, in ihren Erinnerungen und schilderte damit ihre erste Begegnung mit dem Schriftsteller.

Ein Leben als "Wandervogel"

Kurt Held, damals noch unter seinem eigentlichen Namen Kurt Kläber bekannt, kam am 4. November 1897 in Jena zur Welt. Mit vierzehn Jahren verließ er das Gymnasium, um eine Schlosserlehre zu absolvieren und anschließend als Mechaniker zu arbeiten. Als Mitglied der "Wandervogelbewegung" zog er durch mehrere Länder Europas. Jedoch hatte das Wanderleben mit Beginn des Ersten Weltkrieges vorerst ein Ende; Held wurde als Soldat eingezogen und kehrte verwundet und schwer an Typhus erkrankt aus dem Krieg zurück. Er trat der KPD und dem Spartakusbund bei, beteiligte sich an bewaffneten Kämpfen in Halle, Hamburg und Berlin und streikte 1920 im Ruhrgebiet gegen den Kapp-Putsch.

Dann nahm er sein Wanderleben wieder auf, arbeitete als "fliegender Buchhändler" für das Thüringische Kultusministerium und zog als Redner, Arbeiterlyriker und Geschichtenerzähler durch Deutschland. Auf einer dieser Reisen, im oben genannten Lauscha, lernte er die damals sehr bekannte und bei Kindern beliebte Märchenerzählerin Lisa Tetzner kennen. Zusammen zogen sie die folgenden Jahre durch Deutschland.

Stand dabei für seine Freundin das Märchenerzählen im Vordergrund, war ihm die politische Zielsetzung, der Kampf für Gerechtigkeit im Sinne der kommunistischen Idee, wichtig. Ständig suchte er den Kontakt zu Arbeitern und nahm mehrere Stellungen in verschiedenen Betrieben an, um die Probleme der Arbeiterschaft näher kennen zu lernen. 1923 bereiste er für ein knappes Jahr die USA, hielt Vorträge und beschäftigte sich mit der Situation der Arbeiter in Amerika.

Hochzeit gegen den Willen des Schwiegervaters

Zurückgekehrt, heirateten er und Lisa Tetzner gegen den Willen ihres Vaters, der seine Tochter aus gutbürgerlichem Hause nur ungern dem "Berufsrevolutionär für die Gerechtigkeit", wie sich Held damals selbst bezeichnete, anvertraute. Die folgenden Jahre verbrachte das Paar abwechselnd in Jena und in Carona in der Schweiz.

Während Helds erster Gedichtband "Neue Saat", der 1919 erschienen war, noch der so genannten Arbeiterdichtung und dem Expressionismus zuzurechnen ist, gehören seine folgenden Arbeiten, Aufsätze, Reden und Gedichte, neben den Werken A. Daudistels, T. Plieviers und A. Scharrers zu den ersten Manifestationen der proletarisch-revolutionären Literatur.

Durch seine Veröffentlichungen und Reden galt Held in den Zwanzigerjahren als einer der führenden Vertreter der kommunistischen Literaturbewegung. Sein 1927 erschienener Roman "Passagiere der III. Klasse", der 1923 auf der Reise nach Amerika entstanden war, ist "eine Aufforderung zur Vereinigung aller Erniedrigten im Zeichen allgemeiner Brüderlichkeit jenseits der bestehenden Arbeiterorganisationen". 1927 gründete er mit J. R. Becher die Proletarische Feuilleton-Korrespondenz, war ferner Lektor des Internationalen Arbeiter-Verlages der KPD und gehörte 1928 zu den Gründungsmitgliedern des Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller. Zu seinem engeren Freundeskreis gehörten neben Johannes R. Becher auch Lion Feuchtwanger und Bert Brecht.

In "Schutzhaft" nach dem Reichtstagsbrand

Blick auf das brennende Reichstagsgebäude am 27. Februar 1933.
Brennendes Reichstagsgebäude 27. Februar 1933. Bildrechte: dpa

Als offener Gegner des Nationalsozialismus nahm man ihn einen Tag nach dem Reichstagsbrand in Schutzhaft. Nur dank der intensiven Bemühungen seiner Frau ließ man ihn nach einigen Tagen wieder frei und Held gelang es, über Österreich in die Schweiz zu emigrieren, wohin ihm wenige Wochen später seine Frau folgte. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg lebte das Paar unter den oft äußerst schwierigen Bedingungen des Emigrantendaseins in Carona, denn erst 1948 bekamen sie die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Dem Ehepaar war der direkte Kontakt zu Kindern und Jugendlichen besonders wichtig. In Erzählungen und Lesungen schafften sie es immer wieder, die Kinder zu fesseln und viele ihrer Zuhörer hielten bis ins Erwachsenenalter den Kontakt zu den beiden. Während die ehemalige Märchenerzählerin schon vor der Emigration mehrere Kinderbücher veröffentlicht hatte, fing ihr Mann erst im Exil an, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben. Zusammen mit seiner Frau arbeitete Held an dem Buch "Die schwarzen Brüder", das aber noch unter ihrem Namen erschien.

Vor dem Zweitem Weltkrieg hatte er auf einer Reise in Jugoslawien Zora La Rouquine und ihre Bande kennen gelernt. Die Bekanntschaft mit diesen Jugendlichen und die Erlebnisse mit ihnen veranlassten ihn, sein erstes eigenes Jugendbuch zu schreiben. Wegen des Publikationsverbots, das für emigrierte Schriftsteller in der Schweiz während der NS-Zeit bestand, konnte er nur unter Pseudonym veröffentlichen. So kam es, dass der bisher als Kurt Kläber bekannte kommunistische Schriftsteller seine Jugendbücher unter dem Namen Kurt Held veröffentlichte und berühmt wurde.

Bestseller: "Die rote Zora und ihre Bande"

Sein erstes Kinderbuch "Die rote Zora und ihre Bande", das erstmals 1941 veröffentlicht wurde, hatte durchschlagenden Erfolg. Auch seine folgenden Bücher wie "Der Trommler von Faido", "Matthias und seine Freunde" oder der vierbändige Zyklus "Giuseppe und Maria" waren damals beliebte Kinder- und Jugendbücher. In allen diesen Werken zeigte Held die Kinder als Leidtragende des bestehenden Gesellschaftssystems. Er zeichnete keine Utopie, sondern verschiedene Möglichkeiten des Zusammenlebens von Kindern und Erwachsenen in einer gerechteren Gesellschaft. Damit schuf er einen neuen Typ des realistischen und zugleich abenteuerlichen Jugendbuches und gab der Jugendliteratur ganz allgemein neuen Aufschwung. Seine Bücher erreichten zahlreiche Auflagen und wurden in mehrere europäische Sprachen übersetzt. Mit der Verfilmung der roten Zora kam die Bande der Uskoten endgültig in alle Kinderzimmer.

"Nicht bereit, die Wahrheit zu verkaufen"

Anfang der 1950er-Jahre verschlechterte sich der gesundheitliche Zustand des Schriftstellers immer mehr. Die nie ganz auskurierten Krankheiten und Verletzungen des Ersten Weltkrieges machten ihm immer häufiger zu schaffen. Am 9. Dezember 1959 starb Kurt Held im Krankenhaus von Sorengo in der Schweiz. Sein Freund W. Humm schrieb in den "Erinnerungen an Kurt Held" über ihn: "Er zog aus, die Welt zu verbessern. Er kehrte heim, den Menschen auf das Gute zu verweisen. Seine Wege waren immer geradlinig. Das war weder für ihn noch für die, die ihn liebten oder mit ihm lebten, einfach. Aber man konnte ihm nicht gram sein, denn er suchte die Wahrheit und war nicht bereit, sie zu verkaufen."