Porträt Gerhard Richter - aus Dresden in die Welt hinaus

"Einfach, ordentlich, strukturiert – die Mutter spielte Klavier, und der Vater verdiente das Geld": So beschreibt Gerhard Richter rückblickend seine Familie. Kein Mensch ahnt, dass der Junge, der am 9. Februar 1932 in Dresden zur Welt kommt, später ein weltberühmter Künstler wird und seine Bilder die teuersten der Welt.

Der Maler Gerhard Richter in seiner Ausstellung Gerhard Richter. Streifen & Glas im Albertinum in Dresden, aufgenommen am Donnerstag (12.09.13).
Bildrechte: IMAGO/Robert Michael

Seine Mutter Hildegard ist eine Buchverkäuferin und begeisterte Piano-Spielerin und sein Vater Horst, ein Oberschullehrer. Er ist es auch, der die Familie aus Dresden aufs Land bringt: Zunächst zieht die Familie nach Reichenau, wo der Vate eine neue Stelle angenommen hat; Gerhard ist damals drei Jahre alt. Nach dem Krieg und der Rückkehr des Vaters aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zieht die Familie noch weiter weg vom Stadtleben - in das noch kleinere Waltersdorf unweit der tschechischen Grenze im Zittauer Gebirge.

Richters Familie und der Krieg

Was bedeutet der Krieg für den jungen Gerhard? Er wächst quasi vaterlos auf, denn Horst Richter kämpft erst an der Ost-, dann an der Westfront und gerät anschließend in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1947 zurückkehrt.

Tante Marianne von Gerhard Richter hängt am 19.06.2010 in der Galerie Neue Meister im Neuen Albertinum in Dresden.
Gerhard Richter: Tante Marianne (1965) Bildrechte: IMAGO

Gerhard erlebt indessen daheim mit, wie der Krieg seine Opfer auch aus seiner unmittelbaren Umgebung reißt - und wie verzweifelt seine Mutter trauert: Zwei ihrer Brüder sterben an der Front und eine Tante in einer der Euthanasie-Anstalten der Nazis.

Richter wird zweien von ihnen 1965 eigentümlich berührende  Bilder widmen -  just in der Zeit, in der in Deutschland die Frankfurter Ausschwitz Prozesse eine schwärende, unbehandelte Wunde im Herzen der Gesellschaft aufreißen: Die Vergangenheit mit all ihren Tätern, Opfern und dem Schweigen über all das Erlebte, Gesehene, Ignorierte. Diese Vergangenheit war dank Straffreiheitsgesetz von 1954 und allgemeinem Schweigen über die Unmenschlichkeit der NS-Zeit notdürftig ruhig gestellt.

Der Außenseiter mit dem falschen Dialekt

Der junge Gerhard Richter bleibt ein Außenseiter in der dörflichen Umgebung. Er spricht anders als die Dorfkinder, er gilt als extrem begabt, bringt aber schlechte Noten nach Hause, selbst im Fach Kunst. Er wechselt die Schule, lernt Stenographie, Russisch und Buchhaltung. Ab 1947 belegt er Abendkurse als Vorbereitung für ein Kunststudium an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden. 1950 wird seine Bewerbung abgelehnt, er solle zunächst in einem VEB arbeiten und sich dann erneut bewerben. Nachdem sich Richter als Schildermaler bei der DEWAG in Zittau verdingt hat, wird er 1951 an der Dresdner Akademie aufgenommen.  

Richter als Student

Das fünfjährige Studium besteht aus einem striktem Studienplan, Unterrichtsbeginn ist acht Uhr früh. Neben den klassischen Fächern wie Akt-Malerei, Stilleben, Ölmalerei und Kunstgeschichte, stehen neue: Russisch, Politik, und Wirtschaft. In seinem letzten Studienjahr soll Richter als Teil seiner Abschlussarbeit eine Mauer für das Deutsche Hygiene-Museum bemalen.

Sozialistische Ästhetik – die einzige Art von Kunst!?

Dieser Auftrag hätte der Auftakt für Richters weiteren weg als Künstler sein können: Es folgen andere, für großflächige Arbeiten an öffentlichen Orten, an Mauern und Wänden, mal für die die SED, mal für einen Kindergarten, während er als Stipendiat der Akademie für drei Jahre ein Studio und Einkommen erhält und als Gegenleistung Abendkurse gibt. Doch Richter will mehr, fühlt sich unwohl mit der sozialistischen Ästhetik muskulöser, hammerschwingender Männer, wie er sie der SED an ihren Sitz in Dresden malt.

Der Besuch der Dokumenta II, 1959 in  Kassel, bestärkt den 27-jährigen in seinem Unwohlsein – und dem Wunsch, künstlerisch unabhängig von politischen Vorgaben und ideologiebefrachteten Aufträgen zu arbeiten. Im März 1961 macht Richter ernst: Von einer Reise nach Moskau und Leningrad fährt er zuerst durch nach West-Berlin, deponiert dort sein Gepäck, fährt dann zu seiner ersten Frau Ema nach Dresden und verlässt zusammen mit ihr über West-Berlin die DDR.

Der Neuanfang

In Düsseldorf startet Richter seinen künstlerischen Neuanfang in der Kunsthochschule und entwickelt sich über die Jahrzehnte zu einem der heute weltweit berühmtesten Künstler.

Seit 2006 gibt es in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das Gerhard Richter Archiv mit inzwischen Briefen und Manuskripten, die Richters Beziehungen zu Freunden und Künstlern aus den 1960er- und 70er-Jahren dokumentieren. Das "Albertinum" widmet Gerhard Richter zwei Ausstellungsräume, die einen Überblick über sein Werk geben. Er selbst lebt seit vielen Jahren in Köln.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 08. Juni 2018 | 20:15 Uhr