Porträt Karl August Lingner: "Odolkönig" und Gründer des Hygienemuseums Dresden

Eine kleine Flasche mit gebogenem Hals und ein unverwechselbarer Geruch: Die Marke "Odol" hat eine lange Geschichte. Karl August Lingner, der Mann hinter dieser Marke, war mehr als nur ein Unternehmer. Auf seine Initiative entstand das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden. Der heute bekannte Bau wurde vor 90 Jahren eröffnet.

Ein Repro einer undatierten Fotografie des Odol-Erfinders Karl August Lingner (1861-1916), aufgenommen am Freitag (06.05.2011) in einem Raum des Schloss Lingner in Dresden.
Odol-Erfinder Karl August Lingner Bildrechte: dpa

Eigentlich will der Magdeburger Karl August Lingner Künstler werden, allerdings hat die Familie für solche Lebensträume kein Geld. So versucht sich der jüngste Spross der Familie, geboren am 21. Dezember 1861, erst einmal als Handelsvertreter in Paris, dann als Werbetexter in Dresden und schließlich als Fabrikant. Ein glückliches Händchen hat er dabei nicht – seine Rückenschrubber, Stiefelzieher und Senfspender verkaufen sich einfach nicht.

Marktlücke: Hygiene-Produkte

Lingner wechselt die Branche und setzt auf Gesundheitsprodukte. Er ahnt, dass sich seine Hygieneartikel besser verkaufen, wenn die Menschen den Zusammenhang zwischen Dreck, Krankheiten, Bakterien und Tod kennen würden. Als ihm ein befreundeter Professor ein neues Antiseptikum zur Vermarktung anbietet, hat Lingner im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Riecher: Er mischt dem Mittel ätherische Öle bei und will es zunächst als antibakterielle Seife oder Gesundheits-Haarwasser vermarkten. Doch dann entscheidet er sich für ein Mundwasser und nennt es "Odol". Das duftende Mundwässerchen macht ihn zu einem der reichsten Männer des Kaiserreichs.

Privat liebt und genießt Lingner den Luxus, den ihm sein Verkaufsschlager einbringt: Er lebt in einem Schloss mit Privatzoo oberhalb der Dresdner Elbwiesen. Eine Ironie des Schicksals, dass der Erfinder des Mundwassers schließlich an Zungenkrebs erkrankt und 1916 stirbt, gerade einmal 55 Jahre alt.  

Mehr Marketing ging nicht

Doch Lingner investiert nicht nur in das Mundwasser. Denn was nutzt das schönste Produkt, wenn es keiner kennt? Er steckt mehr als eine Million Reichsmark in eine weltweite Werbekampagne: An einem Tag erscheint in allen wichtigen Zeitungen der Welt eine Odol-Anzeige und Lingners Produkt ist fortan sprichwörtlich "in aller Munde". Sein Werbeslogan: "Odol – absolut bestes Mundwasser der Welt!"

Für seine Werbekampagnen engagiert Lingner später sogar Künstler aus Malerei und Musik. Giacomo Puccini schreibt für Lingner gar eine "Ode an Odol". Selbst der Produktname "Odol" wird zum Verb gemacht, der Mensch soll fleißig "odolisieren," wolle er "gegen Fäulnis- und Gärungsprozesse gefeit" sein.

Vom Verkäufer zum Gesundheitslehrer

Das Mundwasser macht Lingner finanziell unabhängig und der "Mundwasser-König" wird zum Hygiene-Aufklärer und Gesundheitslehrer: Er finanziert eine Säuglingsklinik in Dresden – die erste weltweit; außerdem eine Zentralstelle für Zahnhygiene und eine Desinfektorenschule.

Originalplakat von Franz von Stuck im Hygienemuseum von der ersten großen Ausstellung
Originalplakat von Franz von Stuck im Hygienemuseum von der ersten großen Ausstellung Bildrechte: MDR/Adina Rieckmann

1911 macht Lingner Dresden zum Schauplatz einer spektakulären Weltschau der Hygiene: Seine "1. Internationale Hygieneausstellung" gleicht einer Revolution und ist bahnbrechend für die hygienische Volksaufklärung. Fünf Millionen Besucher zählt die Ausstellung, die von Mai bis Oktober geöffnet ist. Zum Vergleich: Damit kommen etwa so viele Besucher wie zu den Weltausstellungen von 1855 und 1876. Lingners Schau gliedert sich in verschiedene Bereiche: Eine "populäre, historisch-ethnographische" Schau richtet sich an die Bevölkerung, andere Bereiche sind auf Fachpublikum wie Ärzte und Industrielle zugeschnitten.

Gläserne Frau im Hygienemuseum
Gläserne Frau im Hygienemuseum Bildrechte: IMAGO

Kurz darauf, 1912, entsteht auf Lingners Initiative das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden – als Volksbildungsstätte für die Gesundheitsaufklärung: Das Haus zeigt das bis dahin Unvorstellbare, wie zum Beispiel eine "gläserne Frau".

Diese Einrichtung bricht das langjährige "Monopol" der Schausteller, die mit ihren Wachsfigurenkabinetten dahin die einzigen sind, die Nicht-Medizinern einen Blick ins Innere des Menschen gewähren: Unter dem Motto "Wunder des Lebens" oder "Größte Wunder aller Zeiten" präsentieren sie auf dem Rummel oder in Gaststuben Wachsfiguren mit Gruseleffekt: Zum Beispiel den "von Branntweingenuss entzündeten Magen", eine "Zangengeburt" oder einfach Wachsfiguren, denen sie die Organe einzeln heraus nahmen.

Außenaufnahme vom Deutschen Hygienemuseum 1 min
Außenaufnahme vom Deutschen Hygienemuseum Bildrechte: MDR/Oliver Killig

Das Deutsche Hygienemuseum steht in Dresden und wurde 1912 gegründet. Jährlich lockt es rund 280.000 Besucher an.

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Und wie ging es mit Odol weiter?

Nach dem Zweiten Weltkrieg liegt die Mundwasserfabrik in Schutt und Asche. Odol-Mitarbeiter siedeln sich in Düsseldorf an und starten dort eine neue Produktionsstätte. In Dresden stellt der VEB Elbe-Chemie das Mundwasser her. Nach 1989 schluckt der Düsseldorfer Odol-Konzern das Dresdner Werk und bis heute gibt es das Mundwasser in den unverkennbaren weißen Flaschen mit dem gebogenen Hals. In Dresden erinnert eine Tafel mit Inschrift an den umtriebigen Unternehmer Karl August Lingner.

Dieser Artikel erschien zuerst am 7. Dezember 2016.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 26. September 2019 | 16:00 Uhr