Käthe Kruse - Selbst ist die Frau

Als Max Kruse sich weigerte, seiner ältesten Tochter eine Puppe zu kaufen, begann die zweite Karriere der Katharina Simon. Ein Porträt der erfolgreichen Unternehmerin Käthe Kruse.

Käthe Kruse
Bildrechte: IMAGO

Aus armen Verhältnissen ...

Am 17. September 1883 kam Käthe Kruse als Katharina Simon in Breslau auf die Welt. Ihre Kinder- und Jugendjahre verbrachte sie in bescheidenen Verhältnissen. Ihre alleinstehende Mutter war Näherin in Heimarbeit und hatte Mühe, sich und ihre Tochter durchzubringen. Dennoch ermöglichte sie ihr schulische Bildung. Der verheiratete Vater der kleinen Katharina - ein Mann, der sich selbst zum Dichter berufen fühlte - kümmerte sich von Zeit zu Zeit um seine außereheliche Tochter.

Die schönsten Abwechslungen bestanden für das junge Mädchen jedoch in gelegentlichen Theaterbesuchen mit ihrer Tante. Früh reifte ihr Entschluss, Schauspielerin zu werden. Nach ihrem Schulabschluss 1899 nahm sie Schauspielunterricht bei Otto Gerlach und bereits ein Jahr später bekam sie, gerade 17 Jahre alt, ihr erstes Engagement in Berlin. Wenige Monate später debütierte sie dort am Lessingtheater.

... auf die Bretter, die die Welt bedeuten

Unter dem Künstlernamen Hedda Somin verbrachte sie die folgenden Monate auf den "Brettern, die die Welt bedeuten". Bald war es ihr finanziell möglich, die Mutter zu sich nach Berlin zu holen. Neben dem Rollenstudium, Proben und Aufführungen lernte sie Italienisch. In dieser Zeit traf sie den schon berühmten Bildhauer Max Kruse. Seine Bronzeplastik "Der Siegesbote von Marathon" hatte ihn berühmt gemacht. Der Künstler modellierte darüber hinaus die Großen seiner Zeit: Gerhart Hauptmann oder Friedrich Nietzsche saßen ihm Modell. Schnell wurde aus dem erfahrenen Mann und der jungen Frau ein Paar. 1903 brachte die 20-Jährige ihr erstes von sieben Kindern zur Welt. Doch Käthe war nicht die einzige an der Seite des umschwärmten Künstlers. An Heirat dachte Max Kruse noch lange nicht, er proklamierte freie Liebe als sein Ideal.

"Macht Euch selber welche!"

Als das zweite Kind unterwegs war, zog die junge Frau gemeinsam mit ihrer Mutter 1904 auf Anregung von Max Kruse nach Ascona in der italienischen Schweiz, während der Vater die meiste Zeit in Berlin verbrachte. Seit 1900 existierte in Ascona eine Künstlerkolonie, in die Lebensreformer aus ganz Europa strömten: Revolutionäre, Vegetarier, Nacktbader, Pazifisten. Sie sog die Einflüsse auf, fing an zu zeichnen, malte Aquarelle, fotografierte ihre Kinder.

In Ascona begann Käthe außerdem, die ersten eigenen Puppen herzustellen. Eigentlich nur deswegen, weil Max Kruse in Berlin keine seinen Ansprüchen genügende Puppe für die älteste Tochter als Weihnachtsgeschenk fand. Er war überzeugt davon, dass Kinder geprägt werden von dem, was sie umgibt. Und das, was ihm die Spielzeugverkäufer präsentierten, wollte er seinen Kindern nicht anbieten. Der Legende nach schrieb er nach Ascona, mit einem solchen "harten, kalten und steifen Dings" könne man keine mütterlichen Gefühle wecken. Er werde so eine Puppe nicht kaufen und empfahl Käthe kurzum: "Macht Euch selber welche!" Er meinte: "Eine bessere Gelegenheit, Dich künstlerisch zu entwickeln, kannst Du Dir gar nicht wünschen." Käthe begann daraufhin, Puppen für ihre eigenen Kinder herzustellen, zunächst einfach aus einer Kartoffel und einem Handtuch. Max Kruse bewunderte Käthes schöpferische Kraft und prägte sie gleichermaßen. So brach das Paar 1906 gemeinsam zu einer Italien-Rundreise auf, für Käthe wurde das ein Crash-Kurs in Kunstgeschichte voller Anregungen für ihre gestalterische Arbeit.

Im Jahr 1910 entschloss sich das Paar doch zu heiraten. Ein Schicksalsschlag war dafür wohl mit ausschlaggebend: So musste Käthe nach dem Tod der Mutter 1908 auch noch die Totgeburt ihres dritten Kindes durchstehen. Anschließend verbrachte die Familie den Sommer mit ihren inzwischen drei Töchtern auf Hiddensee. Im Herbst kehrten sie in das Künstlerhaus in der Berliner Fasanenstraße zurück, wo Käthe nun auch mit ihren Kindern eine Wohnung bezog.

Die ungeahnte Karriere als Puppen-Unternehmerin beginnt

Inzwischen hatte es sich herumgesprochen, dass die junge Frau des berühmten Bildhauers für ihre Kinder Puppen herstellte, die zudem den reformpädagogischen Ansprüchen der Zeit entsprachen. Zur jährlichen Weihnachtsausstellung des Warenhauses "Tietz" in Berlin fragte man Käthe, ob sie ihre Puppen in der Schau "Spielzeug aus eigener Hand" präsentieren wolle. Dafür entstanden die ersten, nicht für die eigenen Kinder entworfenen "Käthe-Kruse-Puppen".

Geschichte

Die Puppenmacherin Käthe Kruse

Es sind die unverwechselbaren Gesichter, die Käthe Kruses Puppen bekannt machten. Jahrzehntelang wurden sie im thüringischen Bad Kösen hergestellt. Vor 50 Jahren, am 19. Juli 1968, starb die berühmte Puppenmacherin.

Käthe Kruse Puppenausstellung.
Es sind diese unvervechselbaren, lebendigen Gesichter, die Käthe Kruses Puppen bekannt machten. Jahrzehntelang wurden sie im thüringischen Bad Kösen hergestellt. Vor 50 Jahren, am 19. Juli 1968, starb die berühmte Puppenmacherin. Bildrechte: imago/Köhn
Käthe Kruse Puppenausstellung.
Es sind diese unvervechselbaren, lebendigen Gesichter, die Käthe Kruses Puppen bekannt machten. Jahrzehntelang wurden sie im thüringischen Bad Kösen hergestellt. Vor 50 Jahren, am 19. Juli 1968, starb die berühmte Puppenmacherin. Bildrechte: imago/Köhn
Käthe Kruse
Ihr unzufriedener Lebensgefährte bringt ungeahnt Kruses Karriere ins Rollen: Zu Weihnachten 1904 wollte Max Kruse der ältesten Tochter eine Puppe aus Berlin mitbringen. Doch die handelsüblichen Exemplare gefielen ihm nicht. So musste Kähte ran und selbst eine Puppe für die Tochter nähen. Bildrechte: IMAGO
Käthe Kruse
Nach und nach sprach es sich herum, dass die junge Frau für ihre Kinder Puppen herstellte. Kruse nähte nun auch für andere. Doch bereits 1910 war die Nachfrage so groß, dass sie mit der Einzelanfertigung in ihrer Berliner Wohnung nicht mehr nachkam ... Bildrechte: IMAGO
Käthe Kruse und Familie und Puppen in Bad Kösen
So zog die Familie nach Bad Kösen, mietete dort ein Wohnhaus und eine Werkstatt. Schon bald beschäftigte Käthe 100 Angestellte. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg war die Puppenproduktion als Privatunternehmen in der DDR kaum mehr möglich. So verließ die Familie Bad Kösen 1954 Richtung Westen. Bildrechte: IMAGO
Das Romanische Haus in Bad Kösen
Der Betrieb wurde in der noch jungen DDR verstaatlicht und das Markenzeichen Käthe Kruse kurzerhand in "Kösener Künstlerpuppen" umbenannt. Seit der Wende erinnert dieses Museum in Bad Kösen an die Sternstunde der Puppenindustrie vor Ort. Bildrechte: imago/Köhn
Käthe Kruse
Während in dem Volkseigenen Betrieb "Puppenwerk Bad Kösen" noch bis 1967 Puppen hergestellt wurden, hatten Kruses Söhne Max und Michael längst im westdeutschen Donauwörth (im Bild) eine neue Produktionsstätte gegründet. Bildrechte: IMAGO
Verschiedene Puppen.
Käthe Kruse, 1883 geboren, muss sich aus gesundheitlichen Gründen bald aus der Firma zurückziehen. Die von ihr entworfenen Modelle produzieren ihre Söhne weiter. Noch immer wird die Puppe von Hand gefertigt. Bildrechte: imago/teutopress
Käthe Kruse
Am 19. Juli 1968 starb Käthe Kruse. Doch in ihren Puppen, die bis heute noch in Handarbeit in Donauwörth gefertigt werden, lebt sie weiter.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR vor Ort - Beim Teddybären- und Plüschtierfestival in Bad Kösen | 26.11.2016 | 16:00 Uhr.)
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"Ich hatte mir gar nichts Böses dabei gedacht, und niemand war wohl überraschter als ich, dass ich durch diese Ausstellung, buchstäblich über Nacht, eine berühmte Frau wurde. Mein Erfolg war verblüffend, besonders für mich, der ja etwas ganz anderes, viel Vollkommeneres vorschwebte als Puppen, die ich auf der Ausstellung zeigen konnte. [...] Und was nun kam, war ebenso erfreulich wie komisch und erschreckend. Man lief mir, wie man so sagt, das Haus ein. Alle Welt wollte plötzlich 'solche Puppen haben, wie ich sie auf der Ausstellung gesehen habe'. Zu mir kamen die Puppenhändler, die Detaillisten und die Grossisten, und schließlich auch die Puppenfabrikanten."

Max Kruse unterstützte ihre Arbeit. Der Bildhauer half ihr, die bisher zu weichen Nasen der Puppen zu versteifen - mit einer versteckten Metallplatte im Inneren. Er verbesserte auch Mund und Ohren. Zuguterletzt baute er gleich noch eine Maschine zum Pressen des Kopfes. Die ließ er sich später patentieren. Ein paar Jahre später führte dieses Engagement allerdings zu heftigen finanziellen Auseinandersetzungen zwischen den beiden ...