Das Bild des "sauberen Staates" bekommt Flecken

Aber auch das Selbstbild der DDR, als eines vom Faschismus gereinigten, sauberen Staates, hält der Realität nicht stand. Wurden Fälle von NS-Mittätern ruchbar, breitete der Staat das Deckmäntelchen des Schweigens aus. Ein Beispiel dafür ist Stadtroda. In der psychiatrischen Klinik der Stadt kamen im 3. Reich hunderte Menschen zu Tode.

Klinikleiter war Gerhard Kloos, der sich nach 1945 in den Westen absetzte und gegen den 1965 ermittelt wurde. Er gilt als Hauptverantwortlicher für die Krankenmorde in Stadtroda. Doch Kloos kam ungestraft davon - und leitete als Professor jahrelang das Landeskrankenhaus Göttingen. Die Stasi will den Fall Kloos im Westen mit Belegen aus ihrem Geheimarchiv befeuern. Bei ihren Recherchen unter dem Codenamen "Ausmerzer" stößt sie auf unliebsame Erkenntnisse: Eine junge Ärztin, die zeitgleich mit Kloos in der Psychiatrie Stadtroda gearbeitet hatte, praktiziert in der DDR - unbehelligt, angesehen und an exponierten Stellen: Rosemarie Albrecht.

Der Fall Rosemarie Albrecht

Es ist einer der wenigen öffentlich bekannten Fälle: Der Fall Rosemarie Albrecht, in der DDR bekannt als Dekanin der Jenaer Hals-Nasen-Ohren-Klinik, ausgezeichnet mit dem Titel "Verdienter Arzt des Volkes".

Rosemarie Albrecht Akte
Rosemarie Albrechts Akte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Albrecht beginnt ihre Karriere in der Psychiatrie in Stadtroda und leitet von 1940 bis 1942 als Assistenzärztin die Frauenabteilung. Dass sie zur Zeit des Nazi-Regimes von Euthanasie-Verbrechen gewusst haben könnte oder sogar an ihnen beteiligt gewesen sein könnte, wird nie eindeutig geklärt. Gesichert ist, dass 159 Menschen, unter ihnen elf Kinder, in Stadtroda während Albrechts Zeit in der Einrichtung zu Tode kamen. Als Todesursache wurde in den Akten "Herzversagen" oder "Herz-Kreislauf-Schwäche" vermerkt. Die Staatssicherheit legt in den 1960er-Jahren brisantes Material mit Sperrvermerk unter dem Codenamen "Ausmerzer" zu den Akten. Erst im Jahr 2000, Rosemarie Albrecht ist 84 Jahre alt, wird sie angezeigt. Doch die Ermittlungen werden wegen des Gesundheitszustands der Angeklagten und der schwachen Zeugen- und Beweislage eingestellt.

Alfred Nordens "Braunbuch Bundesrepublik"

1965 veröffentlichte die DDR ein Buch von Alfred Norden: "Braunbuch Kriegs-und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin". Nordens Braunbuch listete 1.800 schwer belastete Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher, die im Westen in Staat, Wirtschaft, Verwaltung, Armee, Justiz, Wissenschaft tätig waren, namentlich auf: 21 Minister und Staatssekretäre, 100 Generale und Admirale der Bundeswehr, 828 hohe Justizbeamte, Staatsanwälte und Richter, 245 leitende Beamte des Auswärtigen Amtes, der Bonner Botschaften und Konsulate, 297 mittlere und Hohe Polizeibeamte - alle einflussreiche Stützen im Dritten Reich. Der internationale Aufschrei war groß, die Bundesrepublik reagierte zunächst mit Schweigen. Doch nach und nach wurden im Westen Prozesse gegen Nazi-Täter geführt. Unerwünschter Nebeneffekt aus DDR-Sicht: Man wurde auf noch in der DDR lebende Täter aufmerksam. Zwischen 1960 und 1981 wurden schließlich 15 DDR-Bürger wegen NS-Verbrechen hingerichtet, "Einzelfälle", wie man betonte. Viele andere kamen jedoch wie in der Bundesrepublik ungeschoren davon. Heute können Wissenschaftler zum Beispiel belegen, dass die Stasi von 187 Personen wusste, die im KZ Ravensbrück und 284 im KZ Sachsenhausen tätig waren.

Olaf Kappelts "Braunbuch DDR"

1981 veröffentlichte Publizist Olaf Kappelt, gebürtiger Brandenburger, in der  Bundesrepublik sein Buch "Braunbuch DDR" mit mehr als 800 Namen von mehr oder weniger NS-belasteten DDR-Bürgern aus Politik, Wirtschaft und Kultur.

In beiden Teilen Deutschlands konnte man trotz NS-Belastung weiter oder erneut Karriere machen. Der Unterschied im Westen ist, dass sie sich öffentlich dazu rechtfertigen mussten, dass sie da auch öffentlich angegriffen wurden. Aber in der DDR mussten sie sich höchstens noch gegenüber der Stasi rechtfertigen. Das war auch alles.

Olaf Kappelt

Prozesse bis heute - Anerkennung von Unrecht

Rückblickend sind bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechen in keinem der beiden deutschen Staaten alle Täter angeklagt und/oder zur Rechenschaft gezogen worden. Hier wie dort blieben NS-Kriegsverbrecher unbehelligt. Die heutigen Verfahren gegen hochbetagte NS-Täter sind dennoch wichtig: Sie geben den Opfern, den Überlebenden, den Angehörigen der Ermordeten ihre Würde zurück, indem das an ihnen oder ihren Angehörigen begangene Unrecht angeklagt und anerkannt wird.

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2016, 11:16 Uhr