Vor 44 Jahren gestorben Mao Zedong: Der Mann, der China befreite und ins Elend stürzte

Vor 44 Jahren ist Mao Zedong gestorben. Für viele Chinesen ist er bis heute ein Heiliger, obwohl seine Herrschaft Millionen Menschen das Leben kostete. Er trat an, um sein Land von Chaos und Fremdbestimmung zu befreien – doch seine immer neuen Kampagnen stürzten die Chinesen in Elend.

Bildnis - Mao Tsetung
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Als die Volksrepublik China 1949 gegründet wird, ist die Freude echt: Mao hat den Chinesen das Ende des Hungers und neues Selbstbewusstsein versprochen. Deutsche, Russen, Amerikaner, Franzosen und Engländer hatten das Land seit Jahrzehnten besetzt, seine Rohstoffe und Arbeitskräfte ausgebeutet. Kriege und Bürgerkrieg haben die einst stolze Kulturnation China ins Elend gestürzt.

Es gab im Land Millionen von Flüchtlingen. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei 35 Jahren. Man kann sagen, dass China damals eines der ärmsten Länder der Welt gewesen ist, wenn nicht sogar das ärmste.

Prof. Felix Wemheur, Sinologe

Die erste Aufgabe für die neue Regierung unter Mao Zedong ist klar: für sechshundertfünfzig Millionen Menschen muss Essen her. Mao führt eine Bodenreform durch und gibt den Bauern Land – das führt schnell zu sichtbaren Erfolgen und macht ihn beliebt. Diese Beliebtheit sichert ihm Gefolgschaft bei seinen – mitunter sehr seltsam anmutenden – Kampagnen.

Mao erklärt Spatzen den Krieg

1957 wird der Spatz als Feind ausgemacht, der Getreide wegfrisst und damit verhindert, dass die Ernte noch besser ausfällt. Millionen Chinesen werden aufgerufen, so lange Lärm zu schlagen, bis die Spatzen erschöpft vom Himmel fallen, weil sie sich nicht getrauen, zu landen. Zwei Milliarden Vögel sollen auf diese Art getötet worden sein. Anschließend vermehren sich die Insekten. Mao sieht seinen Irrtum zwar ein, hat aber viele neue Ideen.

"Man hat versucht, in Volkskommunen Industrie, Landwirtschaft und Verwaltung zusammenzulegen, und meinte, das wäre die Grundzelle der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft", sagt Felix Wemheur, Professor für moderne China-Studien an der Universität Köln. In der Volkskommune machen alle alles zusammen. Mao hat seine Landsleute zwar von der Fremdherrschaft befreit, aber sofort wieder zu Sklaven seiner Ideen gemacht. Drill und Arbeit, Leben im Kollektiv – das ist der neue Alltag.

Man hat davon geträumt, einen neuen Universalmenschen zu schaffen, der Arbeiter, Bauer und Intellektueller ist.

Prof. Felix Wemheur, Sinologe

1958 sind die im Werden begriffenen Universalmenschen aufgerufen, den Großen Sprung zu schaffen – den Sprung zum Kommunismus, den Sprung ins 20. Jahrhundert. China soll von einem Agrarland  zur Industrienation werden. "Die Idee war, wenn man diese Millionen Bauern mobilisiert, dass man dann das, was der Westen in 100 Jahren gemacht hat, in kürzester Zeit schaffen kann", sagt Wemheuer.

Hungersnot wegen misslungener Stahlkampagne

Was dazu fehlte, war nach Maos Ansicht Stahl. Und der sollte nun auf den Dörfern in kleinen Hochöfen aus Lehm von Bauern - die gleichzeitig Arbeiter waren - hergestellt werden. "Das Problem war allerdings dass sie sehr minderwertigen Stahl produziert haben und auch die Landwirtschaft stark vernachlässigt und die Ernte sehr schlecht eingeholt wurde", so der China-Experte und Autor eine Mao-Biographie Wemheuer. Der große Sprung endet deshalb in einer Katastrophe: Am Ende gibt es weder  Stahl noch Getreide, sondern eine der größten Hungersnöte auf Erden: 30 Millionen Menschen verhungern in China. In dieser Zeit verlieren doch viele Bauern ihren glauben an Mao und die Kommunisten.

Rote Garden und Kulturrevolution

Maos Rückhalt in der Partei beginnt zu bröckeln. Trotzdem holt er zu einem großen Schlag aus. Er kann sich immer noch auf Chinas erfolgreich in seinem Sinne "erzogene" Jugend verlassen.Die benutzt er 1966 für seine letzte Kampagne: Die große proletarische Kulturrevolution. Mit einem beispiellosen Personenkult schwört er die jungen Chinesen auf seine Führung ein. Sie schließen sich zu Roten Garden zusammen und sollen, unterstützt von der Polizei, gegen die sogenannten "Vier Alten" vor: die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten, die alten Gewohnheiten.

Chinesische Rotgardisten während der Kulturrevolution
Chinesische Rotgardisten während der Kulturrevolution Bildrechte: IMAGO

Im kollektiven Wahn machen Studenten und Schüler gnadenlos Jagd auf alle verdächtigen Elemente. Kinder denunzieren ihre Eltern, Freunde liefern sich gegenseitig aus, Lehrer werden von Schülerinnen zu Tode gefoltert. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Schätzungen reichen von einigen Hunderttausend bis zu zehn Millionen.

Nach dreijähriger Gewalt-Orgie ist jede Opposition vernichtet. Jetzt zeigt Mao sein wahres Gesicht - die jungen Rotgardisten haben ihre Schuldigkeit getan. Er schickt seine Armee gegen die Kulturrevolutionäre aus und die jungen Kämpfer aufs Land zur Umerziehung. 

China unter Mao – ein riesiges Labor

Fünfundzwanzig Jahre lang bestimmt Mao die Geschicke Chinas. In dieser Zeit hält er die Chinesen mit seinen immer neuen Kampagnen und dem Kult um seine Person in Atem. Permanente initiiert er Umerziehungsaktionen, macht immer neue Zukunftsversprechen, verbreitet Pathos und einfache Weltbilder. China gleicht in der Mao-Zeit einem großen Laboratorium. 

Ich glaube, als Mao starb, war die Gesellschaft von den ständigen Kampagnen so ausgelaugt und die Leute waren von dieser ununterbrochenen revolutionären Rhetorik und Wachsamkeit so ermüdet, dass ein Aufatmen durchs Land ging.

Prof. Felix Wemheur, Sinologe

Das Aufatmen nach Maos Tod 1976  mündet in der wirtschaftlichen Öffnung zum Westen durch seinen Nachfolger: in der von den Chinesen selbst so bezeichneten "sozialistischen Marktwirtschaft mit chinesischen Besonderheiten".

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 23. Juli 2020 | 22:10 Uhr