Die Spur der Ahnen Marie Juchacz - die erste Frau am Rednerpult

Es ist ein historischer Moment, als Marie Juchacz am 19. Februar 1919 ans Rednerpult der deutschen Nationalversammlung im Weimarer Nationaltheater tritt. Zum ersten Mal spricht eine Frau in einem deutschen Parlament. Zusammen mit 36 weiteren Frauen gehört die damals 40-jährige Sozialreformerin und Frauenrechtlerin zu den ersten weiblichen Abgeordneten in Deutschland. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war den Frauen das Wahlrecht zugestanden worden. Eine Spurensuche zu Marie Juchacz.

Frau mit Kleid hinter einem Schreibtisch
Marie Juchacz (1879-1956) Bildrechte: picture alliance / Ullstein Bild

Verehrte Herren und Damen ...

Marie Juchacz, 19. Februar 1919, Nationalversammlung Weimar

Mit diesen Worten hat Marie Juchacz die Aufmerksamkeit der Weimarer Nationalversammlung am denkwürdigen 19. Februar 1919. Als erste Frau darf die Sozialdemokratin in dem Parlament das Wort ergreifen. Erst ein Vierteljahr zuvor, am 12. November, also unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, war den Frauen in Deutschland überhaupt erst das Wählen und Gewähltwerden erlaubt worden.

Am Rednerpult steht eine versierte politische Kämpferin und emanzipierte Frau. Marie Juchacz wird am 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe - heute Gorzów Wielkopolski in der polnischen Woiwodschaft Lebus - geboren. 1906 zieht die Schneiderin, frisch geschieden, mit ihren zwei kleinen Kindern nach Berlin. Schon damals ist die Stadt ein brodelnder Millionenmoloch, doch in der Großstadt gibt es mehr Möglichkeiten für Frauen, ein anderes Leben als das einer Ehefrau zu leben.

Wenn man sich hat scheiden lassen, dann konnte man als Schneiderin gar nichts mehr machen. Die Leute wollten nicht, dass eine geschiedene Frau für sie irgendetwas arbeitet.

Lydia Struck, Urgroßnichte von Marie Juchacz Die Spur der Ahnen, 05.12.2018

Marie Juchacz zieht mit den Kindern zur Familie ihres älteren Bruders. Schon bald kommt ihre jüngere Schwester Elisabeth Röhl nach. Die Frauen wollen frei und gleichberechtigt sein. Doch das sind sie damals nicht. Sie stehen unter der Fuchtel des Mannes, haben die Kinder zu hüten und den Haushalt zu führen. Sie dürfen weder wählen, noch gewählt werden. Die einzige Partei, die das ändern will, ist die SPD. Doch erst 1908 dürfen Frauen in einen Verein oder eine Partei eintreten. Juchacz und Röhl gehen sofort in die SPD.

Marie Juchacz beginnt bald, für die "Gleichheit" zu schreiben, das politisch einflussreiche Sprachrohr der SPD-Frauen mit Clara Zetkin als Redakteurin. Juchacz' Themen sind die Werbung neuer Mitglieder, das Frauenwahlrecht und die Lösung der Frauenfrage. Es gibt viel zu tun für Juchacz und ihre Schwester. Das heißt: Tagsüber Geld verdienen, um sich und die Kinder zu ernähren. Abends und am Wochenende Lehrgänge, Demonstrationen und Redeauftritte. Hier zahlt sich das Patchworkleben der beiden Schwestern aus. Geht die eine auf Redetour, passt die andere auf die Kinder auf. Der Fleiß zahlt sich für Marie Juchacz aus. Sie wird 1913 zur SPD-Frauensekretärin im Rheinland gewählt. Dafür zieht sie mit ihrer Schwester und den Kindern nach Köln.

Wenn die nachts noch genäht haben und tagsüber Haushalt, Kinder, Politik. All das war natürlich eine riesige Herausforderung. Es zeigt, wie stark die Frauen auch waren.

Lydia Struck, Urgroßnichte von Marie Juchacz Die Spur der Ahnen, 05.12.2018

Als die SPD wenig später ins Hurra der Kriegstreiber einstimmt, ist Marie Juchacz nicht glücklich damit. Doch sie trägt den Entschluss der Parteimehrheit ohne Widerspruch mit. Zu tun gibt es auch im Krieg genug. Marie Juchacz organisiert Suppenküchen, Wärmestuben und verschafft Frauen Arbeit. Hilfe zur Selbsthilfe ist ihr Leitmotiv. Dafür kooperiert sie auch mit dem Nationalen Frauendienst, gegründet von bürgerlichen Frauen.

Marie Juchacz war eine treue Genossin ... klar ist, dass sie als eine verlässliche Größe innerhalb der Parteihierarchie galt. Fraktionsdisziplin, Parteidisziplin und der Einsatz für Deutschland stehen vorne an. Da war sie auf dem Niveau der Männer in der Mehrheits-SPD.

Justus H. Ulbricht, Historiker Die Spur der Ahnen, 05.12.2018

Der Weltkrieg treibt die SPD in eine tiefe Krise. Auch bedeutende Genossinnen treten aus, zum Beispiel 1917 Clara Zetkin und die Frauensekretärin Luise Zietz. Für Juchacz bedeutet das die große Chance. Sie rückt als Frauensekretärin in den SPD-Vorstand nach und übernimmt von Zetkin die Redaktion der "Gleichheit". Und Juchacz zieht nach Berlin zurück.

Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialisten.
Die weiblichen Abgeordneten der Mehrheitssozialisten. Marie Juchacz - untere Reihe, Dritte von rechts. Bildrechte: Friedrich-Ebert-Stiftung

Dann überschlagen sich im November 1918 die Ereignisse. Am 9. November ruft Juchacz' Parteifreund Philipp Scheidemann die Republik aus. Ihr Chef Friedrich Ebert wird Reichskanzler. Und die neue Regierung führt am 12. November das Frauenwahlrecht ein! Auch Juchacz geht davon aus, dass die Frauen bei der Wahl ihr Kreuz bei der SPD machen werden. Doch Juchacz wird enttäuscht, denn die Frauen, die am 19. Januar 1919 überhaupt ihr Wahlrecht nutzen, wählen meistens konservativ. Dennoch wird die Wahl auch für Marie Juchacz und ihre Schwester Elisabeth Röhl zu einem Triumph. Die beiden ziehen für die SPD in die Nationalversammlung. Im Parlament stellt die SPD 19 von insgesamt 37 weiblichen Abgeordneten.

Da die Sozialdemokraten mit Abstand die meisten Frauen stellen, darf auch eine SPD-Vertreterin zuerst ans Rednerpult. Als Mitglied des Parteivorstands fällt die Wahl auf Marie Juchacz. Am 19. Februar 1919 fordert sie in ihrer Rede ein Ende der Hungerblockade gegen Deutschland und die Freilassung aller deutschen Kriegsgefangenen.

Die erste Rednerin in der Weimarer Nationalversammlung bleibt allerdings weniger durch ihre weitere parlamentarische Arbeit in Erinnerung als vielmehr durch einen Verband, den sie am 13. Dezember 1919 gründet. Die Arbeiterwohlfahrt, auch AWO genannt, wird zu ihrem Lebenswerk. Unter dem Dach der SPD entstehen im ganzen Land Einrichtungen zur Linderung der Arbeiternot - Kurheime für Alkoholkranke, Altersheime für proletarische Rentner und Erholungslager für Kinder. Hilfe zur Selbsthilfe ist wie schon in den Kriegsjahren das Motto von Marie Juchacz' Engagement in der Sozialfürsorge. Die große Politik hinterlässt sie weiter den Männern.

Juchacz bleibt bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 Mitglied des Reichstags und erste Vorsitzende der AWO. 1933 emigriert sie erst ins Saarland, dann ins Elsaß, nach Marseille und 1941 in die USA. 1949 kehrt sie zurück und hilft bis zu ihrem Tod beim Wiederaufbau der AWO.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Die Spur der Ahnen: Marie Juchacz - Die erste Frau am Rednerpult | 05.12.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2018, 12:18 Uhr