Der Wettlauf ins All

Am 4. Oktober 1957 startete der Erdsatellit Sputnik. Im Kalten Krieg begann damit auch der Kampf um die Eroberung des Weltraums zwischen Ost und West. Einen Monat später, am 3. November, flog die Hündin Laika ins All.

Kaum jemand hatte Mitte der 1950er-Jahre daran gezweifelt, dass es die siegverwöhnten Amerikaner sein würden, die das prestigeträchtige Duell um den ersten Vorstoß ins All gewinnen würden.

Doch Forscher in der als technisch unterlegen geltenden UdSSR bastelten im Geheimen an einer Sensation, die 1957 als "Sputnikschock" in die Geschichte eingehen sollte. Allen voran der Chefkonstrukteur und Visionär Sergej Pawlowitsch Koroljow (1907-1966), der "sowjetische Wernher von Braun".

Ein lächelnder Mann mit einem Hund
Sergej Koroljow mit Hündin Laika, die einen Monat nach dem ersten Satellit ins All geschickt wurde. Bildrechte: dpa

Der erste künstliche Erdsatellit im Orbit

Männer starren gen Himmel, sie haben Fernrohre, Kameras und Teleskopen vor sich stehen.
Londoner hofften, einen Blick auf den Sputnik zu erhaschen. Bildrechte: dpa

Bereits 1955 beginnt die Sowjetunion, unbemerkt von den Amerikanern, mit der Errichtung eines gigantischen Atomraketenstartgeländes in der kasachischen Steppe. 1957, nach nur zwei Jahren fieberhafter Bau- und Entwicklungsarbeit, startet in Bajkonur die erste R7-Rakete. Die "Semjorka", wie sie liebevoll von ihren Konstrukteuren genannt wird, hat anfangs nur eine Bestimmung: Im Krisenfall Atomsprengköpfe nach Amerika verschießen zu können. Erst als Koroljow und sein Team der weltweit ersten Interkontinentalrakete die Kinderkrankheiten austreiben und im August 1957 einen erfolgreichen Start vorweisen, ist der Spielraum für eine ganz andere Vision und Mission geschaffen.

Ich stellte einen der Kanäle auf eine Frequenz etwas über 20 Megahertz. Ganz leise hörte ich durch all die Nebengeräusche hindurch ein leises Zirpen, dass sich eher wie eine Grille anhörte ...

Roy Welch, US-Funkamateur

Wunderwaffe des Kalten Krieges

Start von Sputnik 1 im Jahr 1957
Start von Sputnik 1 im Jahr 1957 Bildrechte: dpa

Koroljow träumt von der Eroberung des Alls, bekommt schließlich noch im selben Jahr von Nikita Chruschtschow (1894-1971) ein mürrisches Okay für den Start eines künstlichen Satelliten. Weder der Kreml-Chef noch die meisten der Konstrukteure in Bajkonur ahnen in dieser Vorbereitungsphase von der Wirkung, die die kleine piepsende Metallkugel haben würde. Einzig "Sputnik-Vater" Koroljow beweist Gespür für Pioniertaten. So startet in der Nacht zum 4. Oktober 1957 eine der wertvollen R7-Raketen mit ihrer unscheinbaren Fracht. Die Welt hält den Atem an. 57 Tage lang umrundet Sputnik die Erde, schickt seine Funksignale auch in die entlegensten Länder. Der Wettlauf ins All wird fortan zur medienwirksamen Wunderwaffe des Kalten Krieges.

Chruschtschow fördert Welraum-Aktivitäten

Ein Mann mit Glatze hält sich einen Telefonhörer ans Ohr. Vor ihm liegen papiere auf einem Schreibtisch, auf die er die andere Hand gelegt hat.
KPdSU-Chef Nikita Chruschtschow (1894-1971) Bildrechte: dpa

Nach dem glorreichen Start des ersten Erdsatelliten wird Chruschtschow zum Befürworter und Förderer aller Weltraum-Aktivitäten um Chefkonstrukteur Koroljow. So startet schon im November 1957 Sputnik 2, erstmals mit einem Lebewesen an Bord. Für die Hündin Laika ist es eine Reise ohne Wiederkehr, doch der Traum von der bemannten Raumfahrt nimmt Gestalt an. Bis 1961 starten in Bajkonur zehn Sputnik-Missionen, ab Sputnik 4 als Prototypen des Wostok-Raumschiffes, das 1961 den ersten Menschen ins All befördern sollte. Mit Sputnik 5 gelingt es 1960 erstmals, die tierischen Insassen wohlbehalten zur Erde zurückzubringen. Am 25. März 1961 verlässt Sputnik 10 das Kosmodrom, nur 18 Tage vor dem ersten bemannten Raumflug der Menschheitsgeschichte.

Tief erschüttert vom "Sputnikschock" gelingt es den Amerikanern erst 1958, unter der wissenschaftlichen Leitung des Deutsch-Amerikaners Wernher von Braun (1912-1977) mit Explorer 1 einen künstlichen Erdsatelliten in den Orbit zu schicken.

Der erste Mensch im All

Ein behelmter Männerkopf. Man sieht nur das Gesicht und den Schutzhelm.
Juri Gagarin an Bord der Wostok 1 kurz vor seinem ersten Raumflug. Bildrechte: IMAGO

Auch bei den folgenden Meilensteinen der Raumfahrt sind die Sowjets den Amerikanern immer einen Schritt voraus. So tritt der sowjetische Fliegeroffizier Juri Gagarin (1934-1968) am 12. April 1961 den weltweit gefeierten, ersten bemannten Raumflug an, nur wenige Wochen vor den Amerikanern. Der Wettlauf ins All ist längst ein Kampf der Ideologien. Noch im selben Jahr prophezeit der damalige amerikanische Präsident John F. Kennedy die Mondlandung eines US-Bürgers bis zum Ende des Jahrzehnts. Doch zunächst schickt die UdSSR 1963 mit Walentina Tereschkowa die erste Frau in den Weltraum. 1965 schwebt ein sowjetischer Kosmonaut als erster Mensch außerhalb des Raumschiffes. 1966 landet mit der sowjetischen Luna-9 die erste Raumsonde weich auf dem Mond - der vorerst letzte große Erfolg der lange Zeit überlegenen UdSSR.

Der erste Mensch auf dem Mond

Apollo 11 Astronauten Neil Armstrong und Edwin E."Buzz" Aldrin
Apollo 11 mit den Astronauten Neil Armstrong und Edwin E."Buzz" Aldrin Bildrechte: IMAGO

Ab 1965 holen die Amerikaner auf, verfügen erstmals über ein leistungsfähigeres System als die Sowjets. Doch das legendäre Mondfahrtprogramm Apollo beginnt 1967 mit einer Katastrophe: Drei Astronauten sterben bei einem Bodentest an Bord der Kommandokapsel Apollo 1. Auch das sowjetische Raumfahrtprogramm muss Rückschläge einstecken, das Pokerspiel um die erste bemannte Mondlandung beginnt. Es gipfelt am 21. Juli 1969 MEZ in den berühmten Worten des amerikanischen Astronauten Neil Armstrong: "That's one small step for (a) man, one giant leap for mankind" - "Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein riesiger Sprung für die Menschheit." Die Eroberung des Mondes wird zum globalen Medienereignis. Einige Zeit später stellen die Sowjets ihr geheimes Mondlandeprogramm nach vielen Misserfolgen ein.

Und während Wernher von Braun spätestens nach Apollo 11 als Nationalheld der Vereinigten Staaten gefeiert wird, bleibt die Identität des sowjetischen Chefkonstrukteurs Sergei Koroljow bis zu seinem Tod streng geheim. Weder seine späte Ehrung noch die umkämpfte Mondlandung sollte der 1966 verstorbene Weltraumpionier miterleben.