08.01.1902 Gret Palucca: Tänzerin und Pädagogin mit Charisma

1925: Gründung der Palucca-Schule in Dresden

Tänzerin Gret Palucca (hinten Mitte, GDR) während des Unterrichts in ihrer Tanzschule in Dresden.
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Gret Palucca kam am 8. Januar 1902 in München zur Welt. Die Familie siedelte bald nach deren Geburt nach San Francisco über. Aber schon 1909 kehrten Mutter und Tochter nach Deutschland zurück - Gret sollte im anregenden kulturellen Umfeld Dresdens aufwachsen. Nur widerwillig erlaubte ihr die Mutter Ballettunterricht. , den Gret in Dresden bei Ballettmeister Heinrich Kröller erhielt. Er unterrichtete die junge Palucca mehrere Jahre, auch nachdem er nach München München berufen worden war. Kröller hielt Gret Palucca jedoch für ziemlich unbegabt. Auch die Schülerin war mit ihren körperlichen Fähigkeiten und der Unmöglichkeit der Umsetzung eigener Ideen unzufrieden. Sie quälte sich zudem mit einem eklatanten Missklang: Zwischen dem, was ihr selbst als Tanz vorschwebte und dem, was als Tanz gelehrt wurde.

Gret Palucca: Sprunggewaltige und koboldhafte Tänzerin

Ein Auftritt Mary Wigmans in Dresden bildete für Gret Paluccas weitere Entwicklung ein Schlüsselerlebnis: 18jährig wurde sie 1920 eine der ersten Schülerinnen Wigmans. Das Vortanzen bei ihr beschrieb Palucca später als "sehr lustig", da sie nur "dieses Klassische" beherrschte und das auch noch schlecht. So gestaltete sie ein ihr vorgegebenes Thema, wozu sie mangels eines Pianisten selbst singen musste. Es gelang ihr trotzdem, Mary Wigman zu überzeugen und bei dieser aufgenommen zu werden. Nun konnte sie ihre eigentliche Begabung voll entfalten. Bis 1924 tanzte Palucca in Wigmans Gruppe. Dann erfolgte die Trennung, da sie in Solotanzabenden eigene Wege gehen wollte, wofür sie den Podiumstanz als die ihr angemessen erscheinende Form wählte. Gret Palucca galt fortan als sprunggewaltige und koboldhafte Tänzerin, die den dramatischen Inhalten des Ausdruckstanzes Witz und Ironie entgegensetzte.

Improvisationstanz - bis zum Auftrittsverbot durch die Nazis

Wenige Jahre nach Beginn ihrer Solokarriere war Palucca in die erste Reihe der deutschen Tänzer aufgerückt und gab pro Saison bis zu 100 Gastspiele in Deutschland und Europa. Ab 1936 gab sie zusammen mit ihrem Pianisten Adolf Havlik Tanzabende, während derer sie zu thematischen Vorschlägen aus dem Publikum improvisierte. Die Nationalsozialisten belegten die Tänzerin 1939 mit umfassendem Auftrittsverbot in allen staatlichen sowie städtischen Theatern und Konzertsälen. Bis 1942 trat sie lediglich in privat arrangierten Tanzabenden auf, bis ihr auch das, nun unter Androhung von KZ-Haft, untersagt wurde. Nach dem Krieg trat Palucca noch bis 1950 als Solotänzerin auf. Allerdings begann sich ihr Wirkungsschwerpunkt allmählich zur Tänzerausbildung hin zu verlagern.

Schule mit 24 praktischen und theoretischen Fächern

1975, Tänzerin Gret Palucca während des Unterrichts in der Palucca Schule in Dresden.
Bildrechte: IMAGO

Als Tanzpädagogin lehrte Gret Palucca eine einzigartige Synthese von Ausdruckstanz und klassischem Ballett. Bereits 1925 hatte sie in Dresden ihre eigene Schule gegründet, die sich durch ausgesprochen hohe Anforderungen auszeichnete. Die Eleven absolvierten Unterricht in 24 praktischen und theoretischen Fächern, wie zum Beispiel Tanztechnik, Improvisation, rhythmische Erziehung, Tanzgeschichte und Anatomie. Damit unterschied sich ihre Schule grundlegend von der damals in Deutschland üblichen klassischen Ballettausbildung, die sich meist auf körperlichen Drill beschränkte und nur wenig geistig-künstlerische Arbeit beinhaltete.

Neuanfang der Schule nach 1945

Mit dem Auftrittsverbot 1939 verband sich auch die Schulschließung. Den Neuanfang 1945 bestritt Palucca aus den Honoraren ihrer Solotanzabende. Obwohl die Schule 1949 verstaatlicht wurde, blieb sie ihr treu und arrangierte sich selbst damit, dass Anfang der Fünfzigerjahre vom Ministerium für Kultur eine Institutsleitung eingesetzt wurde.

Ballett und Ausdruckstanz - (un)vereinbar?

Gret Palucca tanzt mit Schülerinnen.
Gret Palucca beim Unterricht Bildrechte: IMAGO

Auch im Künstlerischen veränderte sich die Situation nach dem Krieg, besonders in der DDR, völlig. Der Ausdruckstanz war nicht mehr gefragt, das Ballett gewann weltweit an Bedeutung und wurde in der DDR, wie in allen osteuropäischen Ländern im Bereich Tanz, zur ersten Kunstgattung im Staate. Hatte Palucca bisher an ihrer Schule Ausdruckstanz gelehrt, musste auch sie den neuen Tendenzen Rechnung tragen. Ab 1950 nannte Palucca ihre eigene Kunst den "Neuen künstlerischen Tanz". Seither ging sie - nicht ohne harte Kämpfe innerhalb ihrer Schule - einen Weg der Synthese zwischen den "feindlichen Brüdern" Ballett und Ausdruckstanz. Klassischer Tanz, nach der Leningrader Schule Agrippina Waganowas, bildete das Standbein, Neuer künstlerischer Tanz und Jazztanz als Vertreter der Tanzmoderne waren weitere Zweige der Tänzerausbildung. Auch die theoretischen Fächer veränderten sich: Deutsch, Französisch, Russisch, Marxismus-Leninismus und Ästhetik waren hinzugekommen. Durch die Vielzahl der Ausbildungsinhalte dauerte die Ausbildung zum Bühnentänzer nun insgesamt acht Jahre.

Unnachsichtige Kritikerin

Ihre Schule führte die Lehrerin Palucca mit fachlicher Zielstrebigkeit und menschlicher Wärme. Im Unterricht entwickelte sie kompromisslos die Erkenntnis jedes Schülers über sich selbst und machte jedem Tänzer durch Lob und Tadel sowie unnachsichtiger Kritik aller Fehler seinen Leistungsstand deutlich. Sie forderte, was sie selbst leistete: harte, disziplinierte Arbeit. Ein oft von ihr gehörter Satz war: "Das sind Dinge, die nicht gehen!" Darunter fielen zuweilen auch Dinge wie staubige Flurfensterbretter, nachlässig grüßende Schüler, unnötig laufendes warmes Wasser im Duschraum oder unordentliche Garderoben. Das Klima an der Schule war vom persönlichen Kontakt Paluccas zu den Schülern geprägt. Sie unterrichtete nicht nur die Absolventenklassen, sondern alle Altersstufen bis zu den gerade erst Aufgenommenen. Lange Jahre verblüffte sie im September die Anfänger damit, dass sie jeden mit seinem Namen begrüßte. Sie hatte sich zu den Aufnahmeprüfungen Fotos der neuen Schüler mit deren Namen geben lassen und sich im Urlaub, den sie meist auf Hiddensee verbrachte, die Gesichter und Namen eingeprägt.

Tänzerin Gret Palucca (hinten Mitte, GDR) während des Unterrichts in ihrer Tanzschule in Dresden.
Palucca beim Unterricht Bildrechte: IMAGO
Ehemaliges Sommerhaus der Tänzerin Gret Palucca in Vitte auf Hiddensee
Das ehemalige Sommerhaus der Tänzerin auf Hiddensee wurde inzwischen abgerissen. Bildrechte: IMAGO

Unterricht gab Palucca bis weit in das achte Lebensjahrzehnt, an der Schule beratend tätig war sie bis zu ihrem Tod 1993. Das Charisma der Tänzerin und Tanzlehrerin Gret Palucca, woran sich viele, die sie kannten übereinstimmend erinnern, bestand in ihrer mitreißenden Vitalität und ihrem Optimismus, gepaart mit Charme, Frische und menschlicher Direktheit.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 15:58 Uhr