24. Juni 1922: Attentat auf Rathenau Walther Rathenau: Symbolfigur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts

(1867-1922)

Walther Rathenau
Bildrechte: IMAGO

Walther Rathenau, am 29. September 1867 in Berlin als Sohn des späteren AEG-Gründers Emil Rathenau geboren, durchlief eine in Deutschland beispiellose Karriere. Er, dem durch seine jüdische Herkunft eine Offizierslaufbahn im kaiserzeitlichen Deutschland verwehrt war, stieg zu den führenden Köpfen der deutschen Wirtschaft auf. Dabei lagen seine Interessen keineswegs ausschließlich auf wirtschaftlichem Gebiet. Er war gleichermaßen an Malerei, Literatur und Naturwissenschaft interessiert, entschied sich aber für ein Studium der Physik, Mathematik und Chemie als den Grundlagen neuzeitlicher Wissenschaft und Technik.

Talentlos als Werksleiter

Seine erste Bewährungsprobe nach dem Studium als Leiter der Elektrochemischen Werke Bitterfeld verlief glücklos. Rathenau fühlte sich auf diesem Gebiet "talentlos wie eine Kuh", der Konkurs der Firma konnte nur durch die Verpachtung an ein Konkurrenzunternehmen vermieden werden. Paul Mamroth, ein Direktor der AEG, erinnerte sich, "daß Walther in Bitterfeld bis tief in die Nacht von der Absicht sprach, auf Technik und Wissenschaft ganz zu verzichten und Maler zu werden." Die Entscheidung, doch in der Industrie zu bleiben wurde ihm wesentlich dadurch erleichtert, dass sich ihm nach der Veröffentlichung seiner Schrift "Höre Israel" - eine Schrift, die zu einem der meistzitierten Beispiel des innerjüdischen Antisemitismus wurde - eine schriftstellerische Nebenkarriere eröffnete.

Der "Aufsichts-Rathenau" und die Idee vom geeinten Europa

Rathenau wechselte bald in den AEG-Vorstand. Seit dem Tod seines Vaters bekleidete er das Amt des Präsidenten der AEG und vereinigte so viele Aufsichtsratsmandate auf sich, dass die Zeitgenossen ihn spöttisch "Aufsichts-Rathenau" tauften. Dennoch blieb er im intensiven Austausch mit bedeutenden Künstlern und Schriftstellern seiner Zeit: Sein Denken ging weit über die Tagesaktualität hinaus. Seiner Zeit weit voraus entwickelte er bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Vision eines geeinten Europas, dessen Stabilität die Verflechtung der Industriepotentiale garantiert sollte. Folgerichtig entwarf Rathenau bereits im Jahr 1913 das Konzept einer mittel- und westeuropäischen Integrationszone.

Als der erste Weltkrieg ausbrach, war Rathenau erschüttert. Es zeichnete ihn aber als Systematiker, Realisten und Patrioten aus, dass er zwar die Reichsführung eindringlich auf die mangelnde Vorbereitung auf den Krieg hinwies, dann aber mit Entschlossenheit die Umstellung der Friedens- auf die Kriegswirtschaft betrieb.

Seine eigentliche Stunde als Politiker schlug nach dem Krieg, als er als Wiederaufbau- und dann auch Außenminister in den Jahren 1921/22 die internationale Isolation Deutschlands aufzubrechen suchte. Durch die Erfüllung der alliierten Forderungen sollte Deutschland international wieder handlungsfähig werden und so aus der Phase des Diktats in die der Verhandlungen eintreten. Als dies im Westen nicht zu erreichen war, wandte er sich nach Osten und verhandelte mit der Sowjetunion den Vertrag von Rapallo.

Das Attentat auf Rathenau

Reich, gebildet, jüdisch - allein schon die Person Rathenau bot genügend Angriffspunkte für die nationalistische Rechte: "Knallt ihn ab den Walther Rathenau, die verdammte Judensau" dichtete die reaktionäre Vernichtungspoesie der Zeit. Zum Verhängnis wurde ihm schließlich die von der Rechten als "Erfüllungspolitik" gegeißelte Politik der Verständigung gegenüber den Alliierten. Am Morgen des 24. Juni 1922 töteten Attentäter Reichsaußenminister Walther Rathenau in der Berliner Königsallee im offenen Fond seines Wagens mit drei Kopfschüssen.

Die beiden Täter, der 23-jährige Kieler Jurastudent Erwin Kern und sein Komplize Hermann Fischer, ein 26-jähriger Maschinenbauingenieur aus Chemnitz, wurden am 17. Juli 1922 auf Burg Saaleck bei Rudolstadt in Thüringen gestellt. Bei dem Schusswechsel wurde Kern durch eine Polizeikugel tödlich verletzt, Fischer nahm sich daraufhin das Leben.

Prozess gegen 13 Mitverschwörer

Anlässlich der Urteilsverkündung im Prozess gegen 13 Mitverschwörer des Attentats räumte der Vorsitzende Richter die Möglichkeit ein, dass eine "Organisation, die den Mord Rathenaus betrieb, bestanden" habe. Der Staatsgerichtshof Leipzig reduzierte die Beweggründe der Täter allerdings lediglich auf "blindwütigen Judenhass" und wich damit der Frage nach dem politischen Ziel der Verschwörung aus. Neueren Untersuchungen zufolge, die vor allem dank der Öffnung des "Moskauer zentralen Sonderarchivs" und durch die Einsichtnahme in Personalakten aus den Beständen des "Berlin Document Centers" möglich wurden, reiht sich die Ermordung Rathenaus in die Linie zahlreicher Terroranschläge der Jahre 1921/22 auf führende Vertreter der noch jungen Weimarer Republik ein.

Gezielte Anschläge und Ziele der "Organisation Consul"

Sowohl der Blausäureanschlag auf Philipp Scheidemann, den ersten Ministerpräsident der Republik, als auch die Ermordung des Zentrumspolitikers und ehemaligen Reichsfinanzministers Matthias Erzberger gingen, wie die Ermordung Rathenaus, auf das Konto der rechtsradikalen "Organisation Consul". Sie war nach dem Scheitern des Kapp-Putsches 1920 von Angehörigen der aufgelösten Brigade des Korvettenkapitäns a.D. Hermann Ehrhardt gegründet worden. Die konspirativ arbeitende Organisation wollte den Weimarer Verfassungsstaat beseitigen und eine Rechtsdiktatur etablieren. Dazu sollte die Linke durch gezielte Anschläge auf demokratische Politiker zu einem Aufstand provoziert werden, der dann im Verbund mit der Reichswehr von der "Organisation Consul" niedergeschlagen werden sollte.

Der Plan ging nicht auf, die demokratischen Parteien schlossen sich erstmals zusammen und verabschiedeten mit überwältigender Mehrheit das "Gesetz zum Schutze der Republik". Im Anschluss an die Debatte im Reichstag stand der damalige Reichskanzler Wirth zu einer Rede auf, die in dem Ausruf gipfelte: "Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt, da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!"

Rathenau im Rückblick: Symbolfigur des 20. Jahrhunderts

Rathenau war eine Symbolfigur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Jude und Deutscher, Denker an der Schwelle von alter zu neuer Zeit, Diener des Kaiserreiches und Geburtshelfer der Weimarer Republik. Er hat vielleicht wie kein anderer dazu beigetragen, der gefährdeten Weimarer Republik zu dem internationalen Ansehen zu verhelfen, das sie benötigte, um die Bedrohung von innen zu überstehen. Dennoch: Es dauerte keine elf Jahre mehr und die Republik von Weimar war Geschichte. Die Nationalsozialisten kamen an die Macht und für die Juden folgte das schrecklichste Kapitel ihrer Geschichte.

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2005, 16:40 Uhr