Kinder des Krieges Kinder des Krieges: Solidarität in der "Stunde Null"

8. Mai 1945. Der Krieg ist vorbei, die "Stunde Null" beginnt. Es ist eine harte Zeit, geprägt von Hunger und Trümmern. Doch es gibt eine Chance auf einen Neuanfang – Feindbilder lösen sich auf, Besatzer werden zu Menschen, Fremde zu Helfern und Freunden. Das einstige Nazi-Deutschland zeigt sein neues Gesicht: Hilfsbereitschaft, Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Kriegskinder 1945
Kriegskinder 1945 Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kriegsende, Mai 1945: Ernst Woll lebte mit seiner Familie am Stadtrand von Hohenleuben in Thüringen. Dort, auf dem flachen Land, gab es immer genug zu essen. Als Kind erlebte er, dass es anderen nicht so ging.

Ein älterer Mann
Ernst Woll Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es kamen in dieser Zeit sehr viele Hamsterer. Die sind dann bei uns nie mit leeren Händen wieder aus dem Tor gegangen. Meine Großmutter war christlich eingestellt, da hat sie zum Beispiel Kindern zwei Kartoffeln gegeben. Aber das haben dann viele auch ausgenutzt, die sind dann mit einer Kinderschar mehrmals gekommen."

"Hamsterfahrten aufs Land"

Vor allem in den Städten litten die Menschen Hunger. Bei "Hamsterfahrten" auf das Land oder auf dem Schwarzmarkt tauschten sie Hausrat, Kleidung und Wertgegenstände gegen Lebensnotwendiges ein. Denn Lebensmittelmarken und Geld waren nichts mehr wert. Gerhard Krone aus Elxleben bei Erfurt erzählt:

Ein älterer Mann
Gerhard Krone Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Mein Vater gehörte zur deutschen Spitzenklasse im Radsport und hatte damals für viele der gewonnenen Rennen Goldmedaillen bekommen. Das waren ziemlich große Teile, richtiges Gold. Dafür bekam meine Mutter vielleicht fünf Eier. Zwei, drei Kilo Kartoffeln. Ein Stückchen Speck. Das war schon viel wert."

Mitgefühl mit den Soldaten

Schon Mitte April 1945 hatten die Amerikaner große Teile von Thüringen erobert, der Krieg war dort bereits beendet. Die Scheune der Wolls wurde damals zum Versteck für desertierte deutsche Soldaten, die nach Hause wollten. "Wir haben, weil unser Gehöft am Stadtrand lag, jede Nacht in dieser Zeit von Mitte April bis Mai drei bis vier Soldaten gehabt, die in unserer Scheune übernachtet haben und denen ich dann auch Schleichwege gezeigt habe am nächsten Tag, dass sie also nicht noch in Gefangenschaft kommen mussten", so Gerhard Krone.

Renate Ackermann war als Elfjährige mit ihrer Familie aus Masuren nach Bayern geflüchtet. Als die Amerikaner nach Bayern kamen, rollten Panzer auch auf ihre Flüchtlingsunterkunft zu.

"Er ist zurückgegangen und hat Medikamente geholt"

Eine ältere Frau
Renate Ackermann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Es wurde nicht geschossen, nur dieser große Panzer war da. Und ein farbiger Arzt, ein farbiger Mann trat heraus. Wir Kinder standen herum und er fragte uns: 'Wo ist euer Vater?' Ich weiß nicht mehr, ob er es auf Englisch gefragt hat. Er muss es so gefragt haben, dass wir es verstanden haben und dann haben wir gesagt: Der ist in der Baracke, liegt da und ist krank. Und dann ist er mit uns gekommen und hat meinen Vater da gesehen, der sich vor Fieber, Malariafieber, schüttelte. Er ist zurückgegangen und hat Medikamente geholt. Da habe ich gedacht: So, jetzt fängt der Frieden an. Es ist eigentlich nur eine kleine Szene, aber es war so: Jetzt ist Frieden. Der Panzer steht da zwar noch, aber das ist so ein aufeinander zugehen, füreinander Mitgefühl haben, einander helfen und stützend ins Leben zu gehen."

Vom Feind zum Mitmensch

Die ehemaligen Kriegsgegner, im Nazi-Deutschland propagandistisch als bolschewistische Juden oder minderwertige "Rassen" bezeichnet, waren jetzt die Sieger. Das irritierte zutiefst. Arthur Führer, damals 16 Jahre, dachte über die sowjetischen Soldaten: "Zerlumpte Gestalten, Besatzer. Die sollen uns besiegt haben?" Dann lernte er den Unterleutnant Nikolai kennen.

Ein älterer Mann
Artur Führer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben zusammen Schnaps gebrannt. Ich weiß heute haargenau, wie aus Zuckerrüben und Korn Schnaps gemacht wird. Wir haben die Fenster im Keller abgedichtet, damit der Geruch nicht rauskommt. Dieser Alkoholgeruch und die Wölkchen. Und seit der Zeit sind wir dann wirklich Freunde geworden. Ich fragte: 'Willste nicht mal nach Hause?' 'Was soll ich zu Hause', sagt er. 'Mein Dorf ist zerstört. Meine Eltern leben nicht mehr. Ich hab niemanden.'"

Arthur überredete seine Mutter, für Nikolai mitzubacken: "'Ach Mutter komm, der hatte lange keinen Kuchen.' Ich habe ihm Kuchen hingeschoben, da hat er sich immer gefreut."

Bildergalerie Kriegskinder

Ein kleiner Junge sitzt an einer Schulbank.
Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, bedeutet das für Millionen von Kindern den Anfang vom Ende ihrer Kindheit. Der Krieg ist fortan allgegenwärtig - auch und zunächst vor allem in der Schule. Bildrechte: MDR/LE Vision/Tom Schulze
Ein kleiner Junge sitzt an einer Schulbank.
Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, bedeutet das für Millionen von Kindern den Anfang vom Ende ihrer Kindheit. Der Krieg ist fortan allgegenwärtig - auch und zunächst vor allem in der Schule. Bildrechte: MDR/LE Vision/Tom Schulze
Ein kleines Mädchen sitzt in der Schule
Die ARD-Dokumentation "Kriegskinder" zeigt die Sicht der Kinder von damals auf das politische Geschehen. Dabei stehen nicht nur Kinder aus Deutschland im Mittelpunkt, sondern aus einer ganzen Reihe an europäischen Ländern. Bildrechte: -
Ein dreckiges und zersaustes Kind schaut in die Kamera.
Früher oder später zeigt sich der Krieg auch immer mehr im realen Leben vieler. Ist es zunächst in Deutschland noch ein großes Abenteuer, wandelt sich das im Laufe der Jahre. In den Ländern, die von Deutschland überfallen werden, zeigt der Krieg dagegen von Beginn an seine erbarmungslose Seite.... Bildrechte: -
Ein Mädchen zieht einen Handwagen mit einem kleinen Kind darin und Gepäck durch eine Winterlandschaft.
In Polen werden die Kinder seit dem deutschen Überfall mit Hunger, Flucht, Verschleppung und Tod konfrontiert Bildrechte: -
Eine Mädchen zieht einen Handwagen mit einem kleinen Kind und Gepäck durch eine Winterlandschaft
Oftmals werden die Kinder in dieser grausamen Zeit auch von ihren Eltern getrennt und müssen sich monatelang allein durchschlagen. Bildrechte: -
Sendungsbild
Tamara Gratschewa erlebt den Krieg in der Sowjetunion. Die damals erst Zwölfjährige wird in Leningrad zur Bergung von Leichen eingesetzt. Bildrechte: MDR/LE Vision
Protagonist Jan Karpinski heute.
Ebenfalls zwölf Jahre alt ist Jan Karpinski, als das Unheil über ihn hereinbricht. Ohne Vater oder Mutter landet der Junge im Ghetto von Krakau. Mit ihm sind in dem Konzentrationslager 15.000 Menschen eingepfercht. Bildrechte: MDR/LE Vision
Protagonist Wolfgang Pickert mit Eltern.
In Deutschland sind viele Kinder und Jugendliche wie Wolfgang Pickert (rechts) vom Krieg geradezu elektrisiert. Dank der emsigen Propagandamaschinerie kennt seine Begeisterung kaum Grenzen: "Lass den Krieg so lange dauern, dass ich auch noch Soldat werden kann!" Bildrechte: MDR/LE Vision
Ein kleines Kind sitzt in einer Ziegenkutsche.
Die realen Seiten lernt Pickert für eine lange Zeit nicht kennen und erlebt eine sorglose Kindheit. Bildrechte: ARD/MDR
Eine Familie posiert vor einem Weihnachtsbaum für ein Gruppenfoto.
Weihnachten ist für viele Kinder in Deutschland ein Fest des Überflusses. Möglich machen dies auch die Plünderungen im Rest Europas. Bildrechte: ARD/MDR
Ein Junge mit zwei Mädchen.
In der ARD-Produktion kommen auch "prominente" Kriegskinder wie hier Dieter Hallervorden (mit seinen Schwestern) zu Wort. Bildrechte: MDR/HA Kommunikation
Ein älterer Mann sitzt mit zwei Kindern auf einer Holzbank.
Der Komiker und Schauspieler erlebte seine Kriegskindheit in Dessau und Quedlinburg. Bildrechte: © MDR/LE VISION
Sendungsbild
Ein weiterer prominenter Zeitzeuge ist Joachim Fuchsberger. Wie viele aus der Zeit schildert er die "Normalität" seiner Jugend. Bildrechte: MDR/LE VISION - honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter MDR-Sendung bei Nennung
Eine Familie sitzt an einem weihnachtlich geschmückten Tisch.
Wie Hallervorden erlebt Fuchsberger seine Jugend wohlbehütet. Im Rheinland nimmt er Teil an Zeltlagern, die er damals als romantisch empfindet. Bildrechte: MDR/LE VISION - honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter MDR-Sendung bei Nennung
Ein Schuljunge sitzt vor einem Schreibheft.
Doch mit der unbeschwerten Zeit am Lagerfeuer und mit albernen Liedern ist es auch für ihn am 1. September 1939 vorbei. Der im Jahr 1927 geborene Schauspieler kommt zunächst zum Reichsarbeitsdienst und schließlich zu den Fallschirmjägern der Wehrmacht. Bildrechte: MDR/LE VISION - honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter MDR-Sendung bei Nennung
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Teilen mit Flüchtlingen

Ein älterer Mann
Hans Hanf-Dressler Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

14 Millionen deutsche Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien zogen mit dem Ende des Krieges Richtung Westen, um eine neue Heimat zu finden. Sie waren in ihrer neuen Heimat als Fremde, als arme Leute mit ungewohnten Sitten und Gebräuchen oft unerwünscht. Zudem wurden sie zwangseinquartiert, dort, wo Platz war. Ernst Woll: "Es kamen auch zu uns eine Frau mit einem Mädchen, die war so alt wie ich und wir haben die bei uns einquartieren müssen. Da wurde ein Raum zur Verfügung gestellt, wir haben die zum Teil mitverpflegt und so die ist die Freundschaft auch jahrelang geblieben."

Hans Hanf-Dressler aus Frankfurt a.M. erzählt: "Ich habe sogar meine letzten Spielsachen an Flüchtlinge verschenkt: Ein echtes Hitler-Modell-Auto, was einen ziemlichen Wert hatte. Das habe ich damals gar nicht gesehen. Ich habe gesehen, wie arm so ein Flüchtlingskind ist, dass es kein Auto hatte. Ich habe die Freude von Kindern gesehen, die alles verloren hatten. Was die sich gefreut haben! Und damals war die Einstellung überhaupt so: Wer was übrig hatte, hat immer geschenkt. Das war damals anders als heute."

Weihnachten mit Fremden

Gerhard Krone aus Elxsleben bei Erfurt: "Wir hatten Parterre Umsiedler aus Schlesien. Die kamen wirklich mit dem Handwagen an. Die hatten nichts. Und wir haben oben Weihnachten gefeiert. Wir hatten selbst schon 1945/1946 wieder gedeckte Gabentische. Es waren zwar einfache Dinge, aber wir hatten etwas zu Weihnachten. Und da sagt plötzlich mein Vater: 'Uns geht’s schon wieder eigentlich sehr gut. Aber weißt du, was wir jetzt machen? Du nimmst jetzt deine Hose. Wir gehen jetzt zu den Leuten runter, zu den Umsiedlern und feiern Weihnachten.' Und wir haben es gemacht. Ich habe zwar meine Hose nicht gerne hergegeben. Hinterher sage ich mir, ok, alles klar. Aber wir haben gemeinsam gefeiert. Er hatte außerdem noch eine Puppe und eine Flasche Schnaps besorgt. Und mein Vater hatte Recht, als er anschließend mal sagte: 'Das war eigentlich das schönste Weihnachten.' Leuten was abzugeben, die gar nichts hatten. Das sind eben auch Dinge, an die ich gerne zurückdenke. Nicht an meinen Gabentisch. Das ist uninteressant."

Und später, erzählt Gerhard Krone, hat das Schicksal des Flüchtlings-Sohns eine großartige Wende genommen: "Dort unten, wo sie gewohnt haben, dort haben sich die Tochter von der Vermieterin und der Sohn, die haben sich beide verliebt. Also manchmal spielt das Schicksal auch so eine verflucht gute Rolle."

Die Interviews stammen aus MDR-Filmprojekten der vergangenen Jahre.

Exklusiv vorab online ansehen:

Schwarzweiß-Aufnahme von zwei Mädchen 45 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Kinder des Krieges - 1945 in Mitteldeutschland | 05.05.2020 | 22:05 Uhr

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MDR FERNSEHEN Di, 05.05.2020 22:05 22:48
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