Kinder des Krieges Kriegsende: Solidarität in der "Stunde Null"

06. Mai 2022, 15:55 Uhr

8. Mai 1945. Der Krieg ist vorbei, die "Stunde Null" beginnt. Es ist eine harte Zeit, geprägt von Hunger und Trümmern. Doch es gibt eine Chance auf einen Neuanfang – Feindbilder lösen sich auf, Besatzer werden zu Menschen, Fremde zu Helfern und Freunden. Das einstige Nazi-Deutschland zeigt sein neues Gesicht: Hilfsbereitschaft, Solidarität und Mitmenschlichkeit.

Kriegsende, Mai 1945: Ernst Woll lebte mit seiner Familie am Stadtrand von Hohenleuben in Thüringen. Dort, auf dem flachen Land, gab es immer genug zu essen. Als Kind erlebte er, dass es anderen nicht so ging.

"Es kamen in dieser Zeit sehr viele Hamsterer. Die sind dann bei uns nie mit leeren Händen wieder aus dem Tor gegangen. Meine Großmutter war christlich eingestellt, da hat sie zum Beispiel Kindern zwei Kartoffeln gegeben. Aber das haben dann viele auch ausgenutzt, die sind dann mit einer Kinderschar mehrmals gekommen."

"Hamsterfahrten aufs Land"

Vor allem in den Städten litten die Menschen Hunger. Bei "Hamsterfahrten" auf das Land oder auf dem Schwarzmarkt tauschten sie Hausrat, Kleidung und Wertgegenstände gegen Lebensnotwendiges ein. Denn Lebensmittelmarken und Geld waren nichts mehr wert. Gerhard Krone aus Elxleben bei Erfurt erzählt:

"Mein Vater gehörte zur deutschen Spitzenklasse im Radsport und hatte damals für viele der gewonnenen Rennen Goldmedaillen bekommen. Das waren ziemlich große Teile, richtiges Gold. Dafür bekam meine Mutter vielleicht fünf Eier. Zwei, drei Kilo Kartoffeln. Ein Stückchen Speck. Das war schon viel wert."

Mitgefühl mit den Soldaten

Schon Mitte April 1945 hatten die Amerikaner große Teile von Thüringen erobert, der Krieg war dort bereits beendet. Die Scheune der Wolls wurde damals zum Versteck für desertierte deutsche Soldaten, die nach Hause wollten. "Wir haben, weil unser Gehöft am Stadtrand lag, jede Nacht in dieser Zeit von Mitte April bis Mai drei bis vier Soldaten gehabt, die in unserer Scheune übernachtet haben und denen ich dann auch Schleichwege gezeigt habe am nächsten Tag, dass sie also nicht noch in Gefangenschaft kommen mussten", so Gerhard Krone.

Renate Ackermann war als Elfjährige mit ihrer Familie aus Masuren nach Bayern geflüchtet. Als die Amerikaner nach Bayern kamen, rollten Panzer auch auf ihre Flüchtlingsunterkunft zu.

historisches Foto: Frau und Kind tragen einen gefüllten Korb auf einer Straße 45 min
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Das Ende des Krieges bedeutete für die Überlebenden nicht das Ende der Angst. Auch 1945 dominierte der Kampf ums Überleben. Selbst Kinder lernten zu "organisieren", zu funktionieren - und zu verdrängen.

MDR Dok So 14.04.2024 22:20Uhr 44:34 min

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"Er ist zurückgegangen und hat Medikamente geholt"

"Es wurde nicht geschossen, nur dieser große Panzer war da. Und ein farbiger Arzt, ein farbiger Mann trat heraus. Wir Kinder standen herum und er fragte uns: 'Wo ist euer Vater?' Ich weiß nicht mehr, ob er es auf Englisch gefragt hat. Er muss es so gefragt haben, dass wir es verstanden haben und dann haben wir gesagt: Der ist in der Baracke, liegt da und ist krank. Und dann ist er mit uns gekommen und hat meinen Vater da gesehen, der sich vor Fieber, Malariafieber, schüttelte. Er ist zurückgegangen und hat Medikamente geholt. Da habe ich gedacht: So, jetzt fängt der Frieden an. Es ist eigentlich nur eine kleine Szene, aber es war so: Jetzt ist Frieden. Der Panzer steht da zwar noch, aber das ist so ein aufeinander zugehen, füreinander Mitgefühl haben, einander helfen und stützend ins Leben zu gehen."

Vom Feind zum Mitmensch

Die ehemaligen Kriegsgegner, im Nazi-Deutschland propagandistisch als bolschewistische Juden oder minderwertige "Rassen" bezeichnet, waren jetzt die Sieger. Das irritierte zutiefst. Arthur Führer, damals 16 Jahre, dachte über die sowjetischen Soldaten: "Zerlumpte Gestalten, Besatzer. Die sollen uns besiegt haben?" Dann lernte er den Unterleutnant Nikolai kennen.

"Wir haben zusammen Schnaps gebrannt. Ich weiß heute haargenau, wie aus Zuckerrüben und Korn Schnaps gemacht wird. Wir haben die Fenster im Keller abgedichtet, damit der Geruch nicht rauskommt. Dieser Alkoholgeruch und die Wölkchen. Und seit der Zeit sind wir dann wirklich Freunde geworden. Ich fragte: 'Willste nicht mal nach Hause?' 'Was soll ich zu Hause', sagt er. 'Mein Dorf ist zerstört. Meine Eltern leben nicht mehr. Ich hab niemanden.'"

Arthur überredete seine Mutter, für Nikolai mitzubacken: "'Ach Mutter komm, der hatte lange keinen Kuchen.' Ich habe ihm Kuchen hingeschoben, da hat er sich immer gefreut."

Teilen mit Flüchtlingen

14 Millionen deutsche Flüchtlinge aus Pommern, Ostpreußen und Schlesien zogen mit dem Ende des Krieges Richtung Westen, um eine neue Heimat zu finden. Sie waren in ihrer neuen Heimat als Fremde, als arme Leute mit ungewohnten Sitten und Gebräuchen oft unerwünscht. Zudem wurden sie zwangseinquartiert, dort, wo Platz war. Ernst Woll: "Es kamen auch zu uns eine Frau mit einem Mädchen, die war so alt wie ich und wir haben die bei uns einquartieren müssen. Da wurde ein Raum zur Verfügung gestellt, wir haben die zum Teil mitverpflegt und so die ist die Freundschaft auch jahrelang geblieben."

Hans Hanf-Dressler aus Frankfurt a.M. erzählt: "Ich habe sogar meine letzten Spielsachen an Flüchtlinge verschenkt: Ein echtes Hitler-Modell-Auto, was einen ziemlichen Wert hatte. Das habe ich damals gar nicht gesehen. Ich habe gesehen, wie arm so ein Flüchtlingskind ist, dass es kein Auto hatte. Ich habe die Freude von Kindern gesehen, die alles verloren hatten. Was die sich gefreut haben! Und damals war die Einstellung überhaupt so: Wer was übrig hatte, hat immer geschenkt. Das war damals anders als heute."

Weihnachten mit Fremden

Gerhard Krone aus Elxsleben bei Erfurt: "Wir hatten Parterre Umsiedler aus Schlesien. Die kamen wirklich mit dem Handwagen an. Die hatten nichts. Und wir haben oben Weihnachten gefeiert. Wir hatten selbst schon 1945/1946 wieder gedeckte Gabentische. Es waren zwar einfache Dinge, aber wir hatten etwas zu Weihnachten. Und da sagt plötzlich mein Vater: 'Uns geht’s schon wieder eigentlich sehr gut. Aber weißt du, was wir jetzt machen? Du nimmst jetzt deine Hose. Wir gehen jetzt zu den Leuten runter, zu den Umsiedlern und feiern Weihnachten.' Und wir haben es gemacht. Ich habe zwar meine Hose nicht gerne hergegeben. Hinterher sage ich mir, ok, alles klar. Aber wir haben gemeinsam gefeiert. Er hatte außerdem noch eine Puppe und eine Flasche Schnaps besorgt. Und mein Vater hatte Recht, als er anschließend mal sagte: 'Das war eigentlich das schönste Weihnachten.' Leuten was abzugeben, die gar nichts hatten. Das sind eben auch Dinge, an die ich gerne zurückdenke. Nicht an meinen Gabentisch. Das ist uninteressant."

Und später, erzählt Gerhard Krone, hat das Schicksal des Flüchtlings-Sohns eine großartige Wende genommen: "Dort unten, wo sie gewohnt haben, dort haben sich die Tochter von der Vermieterin und der Sohn, die haben sich beide verliebt. Also manchmal spielt das Schicksal auch so eine verflucht gute Rolle."

Die Interviews stammen aus MDR-Filmprojekten der vergangenen Jahre. Dieser Artikel wurde erstmals 2020 veröffentlicht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Kinder des Krieges - 1945 in Mitteldeutschland | 08. Mai 2022 | 22:50 Uhr