Siegfried Bülow, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Porsche Leipzig GmbH, aufgenommen am 14.03.2011 in der Produktionshalle des Unternehmens in Leipzig.
Von Barkas zu Porsche: Siegfried Bülow Bildrechte: dpa

Siegfried Bülow: Vom Barkas-Direktor zum Porsche-Manager

Er hat den Automobilbau von der Pieke auf gelernt, wurde kurz vor der Wende zum Betriebsdirektor der Barkas-Werke in Chemnitz, musste seinen Betrieb kurz nach der Wende abwickeln und tausende Mitarbeiter entlassen. Kurz nach der Wende wechselte er ins VW-Management nach Wolfsburg und kam 2000 zurück nach Sachsen zurück, um für Porsche eines der modernsten Werke aufzubauen – Siegfried Bülow, die Geschichte eines ostdeutschen Topmanagers.  

Siegfried Bülow, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Porsche Leipzig GmbH, aufgenommen am 14.03.2011 in der Produktionshalle des Unternehmens in Leipzig.
Von Barkas zu Porsche: Siegfried Bülow Bildrechte: dpa

Nach dem Zusammenbruch des politischen Systems der DDR, der Währungsunion und der Wiedervereinigung erlebte die ostdeutsche Wirtschaft einen Schock. Während osteuropäische Märkte für DDR-Produkte zusammenbrachen, fanden die Waren auch in der Bundesrepublik keinen Absatz – moralisch veraltet wurden sie genannt. Das galt auch für die DDR-Barkas-Transporter, die seit dem Produktionsstart 1958 kaum modernisiert worden waren. Also musste der Betrieb wie viele andere Kombinate zerschlagen und privatisiert werden. Der Unternehmenskern, die Barkas-Motorenwerke im damaligen Karl-Marx-Stadt, wurde an VW verkauft. So konnten in schweren Zeiten zumindest 600 Arbeitsplätze gesichert werden. Und der Geschäftsführer, Siegfried Bülow, bekam das Angebot, als Manager nach Wolfsburg zu wechseln und dort die VW-Lackiererei mit 4.000 Mitarbeitern zu übernehmen. Eine absolute Ausnahme in Zeiten, als westdeutsche Manager massenhaft in den Osten kamen, um neue Wirtschaftsstrukturen aufzubauen.

Barkas
Montage im Barkas-Werk Karl-Marx-Stadt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neue Herausforderung nach der Wende

Der Einstieg in den neuen Job sei nicht einfach gewesen, sagt Bülow heute. Der Bereich Lackiererei sei für ihn Neuland gewesen und er habe sich in das neue Arbeitsfeld erst einmal intensiv einarbeiten müssen. Dabei sei ihm auch aufgefallen, dass das Niveau der fachlichen Ausbildung in Ost und West in etwa gleichwertig war. "Unsere Meister und Ingenieure brauchten sich nicht zu verstecken", erinnert sich Bülow. "Aber natürlich menschelte es und man hat sich schon gefragt, was denn da für einer kommt und was ihn dazu qualifiziert, den Chef zu spielen. Doch das hat eher dazu geführt, dass ich mich herausgefordert gefühlt und viele Gespräche mit den Leuten geführt habe. Das war ein Stil, den sie so nicht kannten. Bis dahin war das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Chefs eher klar geregelt, da gab es Ansagen. Diese neue Art von Zusammenarbeit, die ich eingeführt habe, hat dazu geführt, dass großes Vertrauen aufgebaut wurde und ich schon nach sechs Monaten das Gefühl hatte, als wäre ich schon immer da gewesen. Und die Kollegen haben mir das dann auch bestätigt."      

Schwere Entscheidungen

Dem wichtigen Karriereschritt für Siegfried Bülow war eine eine Zeit schwerwiegender Entscheidungen vorausgegangen. Denn kurz zuvor hatte er seinen Lehrbetrieb abwickeln und massenweise Arbeiter entlassen müssen. Als er die Leitung des VEB Barkas-Werke im Januar 1989 übernommen habe, sei schon klar gewesen, dass die DDR-Wirtschaft am Boden liege, so Bülow. Ihm sei also eine undankbare Aufgabe übertragen worden. Als dann anderthalb Jahre später die DDR kaum noch existierte und die Wirtschafts- und Währungsunion in Kraft trat, war auch Barkas am Ende. Das Unternehmen konnte schlicht keine Löhne mehr zahlen. Hätte ihm anfangs jemand gesagt, dass er seinen Lehrbetrieb auflösen müsse, wäre er wohl weinend davongegangen, meint Bülow heute. Zumal letztlich trotz aller Teilprivatisierungen, Neugründungen, Verkäufe und Versuche, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten, Bülow die schwere Aufgabe zukam, rund 2.300 der ursprünglich mehr als 4.500 Mitarbeiter entlassen zu müssen – darunter auch Familienmitglieder.     

"Wir hatten damals mit der Treuhand einen Sozialplan ausgehandelt, er war auch relativ gut für damalige Verhältnisse. Das führte dazu, dass wir auf Grundlage dieses Sozialplans die Entlassungen unterschreiben mussten, was natürlich eine ganz bedrückende Situation war. Dass da auch meine Familie mitbetroffen war, war notwendig. Weil natürlich jeder geschaut hat, ob ich meine Privatinteressen vor die Interessen der Allgemeinheit stelle. Und so musste ich meinen Vater und meine damalige Frau mit entlassen." Doch besonders schlimm sei es gewesen, diese Entscheidungen vor der Betriebsversammlung bekannt geben zu müssen, erzählt Bülow weiter. "Ich habe in einer langen Rede versucht zu erklären, was geht und was nicht geht. Und ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie diese Betriebsversammlung gelaufen ist. Denn nach der Bekanntgabe der Entlassungen war in dem Raum ein eisiges Schweigen eingetreten, das sich schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, in einem Beifall auflöste. Das beeindruckt mich bis heute, dass die Leute verstanden haben, dass es eben trotz aller Bemühungen keine Alternative gab."

Chance zur Wiedergutmachung

Doch Bülow sollte noch eine Chance erhalten, etwa Gutes für seine ostdeutsche Heimat zu tun. Im Jahr 2000 meldete sich bei ihm ein Headhunter im Auftrag  von Porsche. "Die Ansage war, in Ihrer Heimat will eine Automobilmarke ein neues Werk bauen, hätten Sie da Interesse? Das hat mich gereizt, in Sachsen Arbeitsplätze zu schaffen. Ich hätte es mir natürlich auch bequem machen und bei Volkswagen bleiben können. Aber mir war immer noch 1990 in Erinnerung, was da passiert ist und wie traurig es war, so viele Arbeitsplätze abzubauen. Und hier hatte ich persönlich die Chance zur Wiedergutmachung. Was Neues zu machen, was Neues aufzubauen." Dass es schließlich eine Fabrik mit über 4.000 Mitarbeitern sein würde, sei zunächst nicht absehbar gewesen. Bülow und Porsche haben zunächst auf einem leeren Feld am Rande von Leipzig angefangen und eine Produktion mit 300 Mitarbeitern aufgebaut. Dann habe man darum kämpfen müssen, neue Produkte nach Leipzig zu holen. Zum entscheidenden Test wurde die erfolgreiche Produktion einer auf 1.270 Stück limitierten Kleinserie des Carrera GT.

"Das wichtigste sind die Menschen – und das ist immer das gleiche Prinzip. Die Facharbeiter, die wir hier gefunden haben, haben durch die Qualität, durch ihr Können und durch ihr Engagement bewiesen, dass wir hier im Osten Autos bauen können. Das hat überzeugt. Das war das größte Unterpfand dafür, dass wir weitere Projekte hierher geholt haben", sagt Bülow stolz.

Siegfried Bülow ist mittlerweile seit fast einem Jahr in Rente. Doch das Porschewerk, das er aufgebaut hat, floriert weiter. Heute gehen hier jährlich 150.000 Autos vom Band, das sind rund 60 Prozent der Porsche-Gesamtproduktion.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Magazin "Lexi TV": TV | 30.04.2018 | 15:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018, 15:31 Uhr

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