Hubschrauberabsturz über Libyen Werner Lamberz: Honeckers Kronprinz, Hoffnungsträger der DDR-Bevölkerung

Der Hoffnungsträger der DDR-Bevölkerung stürzte am 6. März 1978 mit einem Hubschrauber über Libyen ab. Er befand sich gerade auf dem Rückweg in die DDR, nachdem er einen Deal mit Gaddafi abschloss. In der DDR wurden nach dem Unfall Straßen, Schulen und sogar eine Kondomfabrik nach Lamberz benannt. Wäre er nicht gestorben, hätte er der Nachfolger von Erich Honeckers werden können.

Werner Lamberz
Werner Lamberz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 6. März 1978 trifft sich der DDR-Funktionär Werner Lamberz mit dem libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi in dessen Hauptquartier im Wüstenort Ben Walid. Seine Mission: Im Austausch gegen Waffen soll er Devisen für die DDR beschaffen. Auf dem Rückflug in die Hauptstadt Tripolis kommt der Hubschrauber mit Lamberz und dessen Delegation an Bord plötzlich ins Trudeln. Sekunden später stürzt er ab. Alle Insassen sterben. Die Unglücksursache ist bis heute ungeklärt.

Werner Lamberz erklomm in kürzester Zeit die Karriereleiter der SED und war DER Mann, wenn es um die Außenpolitik der DDR in Afrika ging. Er wurde insgeheim als Nachfolger des Staats- und Parteichefs Erich Honecker gehandelt. Wie konnte er so eine Blitzkarriere hinlegen? Und warum musste er so früh sterben?

Kommunisten-Sohn im Nazi-Deutschland

1929 im rheinpfälzischen Mayen geboren, wächst Werner Lamberz in einem kommunistischen Elternhaus auf. Die politische Ausrichtung der Familie bleibt in der NS-Zeit nicht ohne Folgen: Lamberz' Vater wird von den Nazis in ein Konzentrationslager gesteckt. Den 12-jährigen Jungen wollen die Nationalsozialisten in der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Sonthofen umerziehen. Doch das trägt keine Früchte: Kurz nach Ende des Krieges siedelt Lamberz zu seinem Vater nach Luckenwalde in die Sowjetische Besatzungszone über.

Vom Heizungsmonteur zum Propaganda-Chef

Obwohl politisch interessiert, lernt der damals 16-jährige Lamberz zunächst einen Handwerkerberuf. Sein Sohn Ulrich Lamberz erinnert sich: "Mein Vater hat Heizungsmonteur gelernt und war auch gut darin. Er war immer stolz darauf, die Heizungsanlage im Rathaus Luckenwalde installiert zu haben. Er hatte aber auch politische Interessen. So wie ich ihn kenne, wollte er nie vordergründig in einem politischen Beruf bleiben."

Dennoch: Die politische Karriere von Werner Lamberz verläuft schnell und steil. 1947, mit 17 Jahren in die FDJ und SED eingetreten, wird er noch im selben Jahr FDJ-Funktionär im Kreis Luckenwalde und ab 1949 auch Mitglied der Landesleitung von SED und FDJ in Brandenburg. Lamberz studiert ab 1950 an der Landesparteischule in Schmerwitz, an der die Kommandeure der "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" ausgebildet werden. Die Kampfgruppen bilden Arbeiter, die in ihrer Freizeit an militärischen Übungen teilnehmen. Anschließend setzt Lamberz sein Studium an der kommunistischen Kaderschmiede in Moskau, der Komsomol-Hochschule, fort. Damit sind die Weichen für eine Karriere im Partei- und Staatsapparat gestellt.

Regierungschef Fidel Castro (vorn 2.v.li., CUB), Werner Krolikowski (vorn 3.v.li., GDR/SED/Mitglied im Politbüro des ZK der SED) und Werner Lamberz (vorn 2.v.re., GDR/SED/Mitglied im ZK der SED) während eines Rundgangs anlässlich des Besuches von Castro in Dresden 1972
Hohes Tier im SED-Politbüro: Werner Lamberz (2.v.re.) beim Besuch Fidel Castros 1972 in Dresden Bildrechte: IMAGO

Nach seiner Ausbildung wird Lamberz 1963 Mitglied der Kommission für Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED. 1967 folgt dann der Ritterschlag: Er wird zum Propaganda-Chef ernannt. Seine Aufgabe: Die Presse der DDR auf Parteilinie bringen. Dazu müssen die Chefredakteure jede Woche in der Parteizentrale der SED in der Berliner Torstraße antreten. Dabei nimmt Lamberz es sehr genau: Den Journalisten werden zum Teil ganz konkrete Formulierungen vorgegeben.

Lamberz: Funkelnder Stern am Polithimmel

Dennoch hebt sich Werner Lamberz von den "Betonköpfen" und Apparatschiks in der obersten SED-Riege wohltuend ab. Mit 38 Jahren ist er nicht nur wesentlich jünger als die meisten hochrangigen Genossen. Er repräsentiert für viele auch einen weltoffeneren und liberaleren Weg innerhalb der Partei. Umfassend gebildet, weltmännisch-selbstbewusstes Auftreten, enorme Fremdsprachenkenntnisse (angeblich beherrscht er bis zu zwölf Sprachen) - Werner Lamberz ist eine Ausnahmeerscheinung unter den DDR-Politikern.

Das macht ihn nicht nur bei seinen politischen Mitstreitern, sondern auch in der Bevölkerung äußerst beliebt, die mit ihm die Hoffnungen auf ein moderneres Antlitz des real existierenden Sozialismus verbindet - möglicherweise allerdings nicht ganz zurecht. Denn trotz all der Hoffnungen, die in ihn gesteckt werden, ist Lamberz sicherlich kein Reformer. So berichtet sein Sohn: "Er hat im Wesentlichen diesen Stil von Agitation und Propaganda mitgetragen und auch mitdefiniert. Er war nicht jemand, der etwas anders gemacht hat. Er hat versucht, im Gefüge einen Spielraum zu schaffen."

Sonderbotschafter bei Gaddafi

Dabei genießt Werner Lamberz auch das Wohlwollen Erich Honeckers, der ihn seit frühen FDJ-Zeiten fördert. 1971 unterstützt Lamberz Honecker bei der Übernahme der Macht in der Republik. Im selben Jahr wird er Mitglied des Politbüros.

Um internationale Beziehungen zu knüpfen, nimmt Honecker Mitte der 1970er-Jahre Kontakte zur arabischen Welt auf. Seinen informellen "Außenminister" Hermann Axen kann er bei den Verhandlungen nicht ins Rennen schicken - Axen ist als ZK-Sekretär für internationale Beziehungen zwar der Architekt der DDR-Außenpolitik, seine jüdische Herkunft wäre bei den arabischen Gesprächspartnern aber ein Hindernis gewesen. Deshalb setzt Honecker seine Geheimwaffe Werner Lamberz als persönlichen Sonderbotschafter in Afrika ein. Und das, obwohl dieser keinerlei außenpolitische Erfahrungen hat.

In wirtschaftspolitischen Missionen bereist Lamberz Angola, den Kongo, Nigeria, Sambia, Südjemen, Äthiopien - und auch Libyen. Der libysche Staatschef Gaddafi und Lamberz sind sich auf Anhieb sympathisch. Lamberz handelt einen Deal über dringend benötigte Devisen für die DDR aus. Doch dann kommt er beim Hubschrauberabsturz ums Leben.

Erich Honecker und Werner Lamberz, 1976
Mentor von Werner Lamberz: Erich Honecker Bildrechte: IMAGO

Lamberz' Verehrung nach dem Tod

Der Tod Werner Lamberz' löst in seiner Heimat echte Bestürzung aus. Schulen und Straßen werden massenhaft nach ihm benannt, aber nicht nur sie: Das Leipziger Kombinat Polygraph, das Jugendtouristenhotel in Naumburg und sogar die Kondomfabrik in Erfurt tragen in der DDR seinen Namen. Selbst nach der Wende ebbt die Verehrung nicht ab: Ehemalige Anhänger besuchen bis heute sein Grab auf dem Friedhof in Berlin-Lichtenberg.

Eine geplante Ehrung für Lamberz sorgt 2007 überregional für Aufsehen. In Luckenwalde soll eine Stele zu seinen Ehren errichtet werden. Darüber wird in der Stadt heiß diskutiert: Nach 1989 das erste Denkmal für einen SED-Kader? Für einen, der die Waffenlieferungen an den wegen Völkermordes verurteilten äthiopischen Ex-Diktator Mengistu zu verantworten habe? Für den Chef-Ideologen der DDR? Das Luckenwalder Stadtparlament entscheidet sich schließlich gegen die Stele.

Opfer eines Attentats?

Bereits kurz nach Lamberz' Tod kursieren verschiedene Theorien über die Ursache der Tragödie. Musste der Politiker sterben, weil er bei der DDR-Bevölkerung zu populär geworden war? Diese These stützen Aussagen des ehemaligen Chef-Leibwächters Lamberz', Rolf Heidemann. Er erklärte 1990, dass das Sicherheitsteam damals entgegen aller vorhergehenden Anweisungen komplett durch libysche Leibwächter ersetzt worden sei. Zudem scheint die DDR-Regierung an der Aufklärung des Falls nicht besonders interessiert. Bereits drei Monate nach dem Absturz wird der Fall zu den Akten gelegt. Nach der Wende ist ein Großteil davon verschwunden.

Gräber von Fred Oelssner, Werner Lamberz und Paul Markowski in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin
Werner Lamberz' Grab in der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin-Lichtenberg Bildrechte: IMAGO

Oder wurde Lamberz das Opfer eines Attentats, das sich eigentlich gegen Gaddafi richtete? Für diese Version spricht, dass der libysche Revolutionsführer nach dem Absturz die hohen Posten seiner Militärs komplett neu besetzte.

Oder war es wirklich nur ein Unfall? In ihrem Buch "Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnisse" untersuchen Jan Eik und Klaus Behling den Absturz. Bei einer Lesung im Berliner DDR-Museum im Juni 2017 kommt Eik zu dem Schluss, "dass der Absturz vermutlich ein Unfall war. Im lange geheim gehaltenen Bericht der libyschen Ermittler, den ich einsehen konnte, steht als Unfallursache: Schaden an einem Rotorblatt, dazu viel aufgewirbelter Staub, schlechte Sicht. All diese Faktoren führten zum Absturz."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Geschichte Mitteldeutschlands | 05. Februar 2013 | 21:15 Uhr