Plakat mit Aufschrift "Deutsche Winterhilfe"
Anfang Januar 2018 in Plauen: Neonazis "beleben" die "Winterhilfe des Deutschen Volkes" wieder. Gesammelt wird nur für Deutsche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Deutsche Winterhilfe" Wie Neonazis Bedürftige ködern

In Plauen sammeln Neonazis für Bedürftige - allerdings nur für Deutsche. Der Verfassungsschutz warnt vor den "pseudosozialen" Aktivitäten und sieht in der "Deutschen Winterhilfe" klare "Bezüge zum historischen Nationalsozialismus". Nämlich zum karitativen Projekt der Nazis, dem "Winterhilfswerk des Deutschen Volkes".

von Tom Fugmann

Plakat mit Aufschrift "Deutsche Winterhilfe"
Anfang Januar 2018 in Plauen: Neonazis "beleben" die "Winterhilfe des Deutschen Volkes" wieder. Gesammelt wird nur für Deutsche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Deutsche Winterhilfe": Mit diesem Slogan wirbt die Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" derzeit in Plauen für eine Spendenaktion. Sie verteilt Kleidung, Spielzeug und Sachspenden - allerdings nur an "deutsche Bedürftige". Parteifunktionär Tony Gentsch, ein polizeibekannter Rechtsextremer, erklärt das so: "Wir haben Millionen Deutsche, die in Armut leben. Und im gleichen Atemzuge werden 25 Milliarden jedes Jahr für Asylanten aus dem Fenster geschmissen."

Verfassungsschutz ist alarmiert

Für Gordian Meyer-Plath, den Präsidenten des sächsischen Verfassungsschutzes, sind diese Äußerung und andere Aktivitäten klare Indizien für das gefestigte rechtsextremistische Weltbild der Partei. Er warnt vor der Splitterpartei: "Sie agitiert natürlich auch in rassistischer Weise gegen Fremde und den politischen Gegner und ist deshalb eine Problematik für die innere Sicherheit." Die Bezeichnung "Deutsche Winterhilfe" spielt laut Meyer-Plath auf eine fast identisch bezeichnete Bewegung im Nationalsozialismus an. So erinnere die "Deutsche Winterhilfe" des Dritten Wegs an ein historisches Vorbild: das Winterhilfswerk aus dem Dritten Reich.

Vor einem Parteibüro stehen zwei Männer und unterhalten sich. 7 min
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Di 16.01.2018 11:32Uhr 06:37 min

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1933 gegründet: "Winterhilfswerk des Deutschen Volkes"

Das "Winterhilfswerk des Deutschen Volkes" aus der Nazizeit wurde 1933 gegründet. Adolf Hitler persönlich eröffnete die erste Hilfsaktion. Es sollte die staatliche Arbeitslosenfürsorge entlasten und die "Volksgemeinschaft" stärken.

Die Ehefrau des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, Magda Goebbels, mit der Sammelbüchse auf dem Potsdamer Platz in Berlin 1934.
Auf Werbetour für die "Winterhilfe": Die Ehefrau des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, Magda Goebbels, sammelt 1934 für Spenden in Berlin. Bildrechte: dpa

Doch damals wie heute bedeutete diese Hilfe auch immer Ausgrenzung und Propaganda. Denn das Winterhilfswerk war im Dritten Reich keine Einrichtung der Nächstenliebe. So wurden Juden seit den Nürnberger Rassegesetzen 1935 davon ausgeschlossen. Außerdem wurden Menschen mit echten oder vermeintlichen Erbkrankheiten davon ausgeschlossen - darunter fielen nach dem Verständnis der Nazis zum Beispiel Epileptiker, Alkoholiker oder psychisch kranke Menschen. Auch sie waren, wie die Juden, von der Hilfsaktion ausgeschlossen. Denn die Nazis wollten allein die "erblich wertvollen Schichten" des Volkes fördern, unter "Abdrosselung des kranken Erbstromes", wie es in einem Erlass des Reichs- und Preußischen Ministeriums des Inneren aus dem Jahr 1938 hieß.

Das Hilfswerk entwickelte sich zu einem großen System. Es sammelte und verteilte Lebensmittel, Kleidung und Brennstoffe. Gleichzeitig ermittelte das Hilfswerk den Bedarf, prüfte, wer tatsächlich befürftig ist und organisierte den Transport und die Lagerung. In Hitlers jährlichen Eröffnungsaufrufen und in Goebbels' Rechenschaftsberichten ist das "Winterhilfswerk" regelmäßig als "gigantisch" und "größtes Sozialwerk aller Zeiten" gerühmt worden.

NS-Volkswohlfahrt: Eine sprudelnde Geldquelle

NS-Propaganda in Nazi-Deutschland, Hefte der Aktion Winterhilfswerk, 1939
Hefte der Aktion Winterhilfswerk, 1939 Bildrechte: IMAGO

Bereits das erste vom nationalsozialistischen Staat durchgeführte Winterhilfswerk 1933/34 erbrachte Geld- und Sachspenden im Wert von über 358 Millionen Mark. In den folgenden Winterhalbjahren steigerte sich die Spendensumme ständig. Eintopfsonntage, Lotterien und Kulturveranstaltungen, die vom Deutschen Roten Kreuz, der Wehrmacht und anderen Organisationen durchgeführt wurden, trugen ebenso zum Erfolg bei. In den ersten Jahren waren die Einnahmen des Winterhilfswerks zur Linderung der Not vorgesehen. Ab 1936/37 wurden sie zur finanziellen Basis der NS-Volkswohlfahrt.

Propaganda gegen Geflüchtete

An dieses historische Vorbild versuchen die Neonazis im sächsischen Plauen anzuknüpfen. Damit hetzen sie gegen Flüchtlinge und Andersdenkende. Dass Kleidung und Spielzeug von Neonazis stammen, stört einige der Beschenkten allerdings nicht: "Ich finde es okay, dass wir Hartz-4-Empfänger auch mal was haben. Vor allem, wenn du alleinstehend bist, mit Kindern und keinen Unterhalt kriegst", so eine Passantin. Die Idee allerdings ist nicht neu. Mit ähnlichen Hilfsaktionen versuchte in der Vergangenheit auch die NPD, Wähler zu ködern.

Ein Mann schliesst die Tür eines Parteibüros von aussen.
Tony Gentsch vom "Dritten Weg": "Deutsche werden benachteiligt, während Asylanten bevorzugt werden." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Der Dritte Weg" Die Partei wurde im September 2013 gegründet und gilt als Nachfolgeorganisation der verbotenen Vereinigung "Freies Netz Süd". Sie macht bundesweit Stimmung gegen Asylbewerber und wird vom Verfassungsschutz beobachtet. In ihrem Zehn-Punkte-Programm fordert die rechtsextreme Partei unter anderem die "Überfremdung Deutschlands [...] zu stoppen", um die "nationale Identität des deutschen Volkes" zu bewahren.

Gordian Meyer-Plath vom Verfassungsschutz Sachsen erklärt dazu, dass die Partei versucht, mit einem "Kümmer-Image Sympathien für sich zu erreichen". Allerdings seien die Helfer radikale Nationalisten, teilweise verurteilte Rechtsterroristen, die sich in der noch kleinen, aber stetig anwachsenden rechtsextremen Partei "Der Dritte Weg" organisiert haben und in ganz Ostdeutschland Fuß fassen wollen.


Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV am: 16.01.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2018, 09:10 Uhr

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