Collage zur Kolumne Das Altpapier vom 22. September 2017.
Bildrechte: Collage Medien360G/Getty Images/dpa

Das Altpapier am 22. September 2017 Falscher Alarm

Fake News? Überbewertet. Russische Hacker? Haben sich schon in den USA und Frankreich ausgelebt. In Deutschland bleibt damit Zeit, sich über die mediale Begleitung der übernächsten Wahl Gedanken zu machen. Oder um anderes, wie: Ist der Drei-Stufen-Test die Zukunft der Finanzierung von ARD und ZDF? Was tun, wenn Muslime mit den Füßen gegen Bockwürste abstimmen? Und wie halten es die Katzenfreunde von Buzzfeed Deutschland mit der Politik? Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Kolumne Das Altpapier vom 22. September 2017.
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Wenn FAZ-Herausgeber Werner D’Inka kurz vor der Bundestagswahl Zeit und Lust hat, einen Zauberer zu treffen, ist das zwar befremdlich, wie Mats Schönauer zu recht bei Übermedien dokumentiert. Wenn die dpa Texte verschickt (und das Hamburger Abendblatt sie veröffentlicht), in denen das Fernsehprogramm zum Wahlabend minutiös heruntergebetet wird, ist das zwar in etwa so unterhaltsam wie Alexander Gaulands eine Krawatte lustig. Und wenn Stefan Fries bei @mediasres noch rasch erklärt, wie Hochrechnungen und Prognosen funktionieren, ist das zwar für jeden jenseits der achten Klasse Politikunterricht ziemlich langweilig (oder wen glaubt ein Medienmagazin im Deutschlandfunk zu erreichen?). Aber es sind alles Zeichen, dass in Deutschland drei Tage vor der Wahl Zeit für sowas ist. Und das sind doch mal gute Nachrichten.

Wie konnte das passieren? Nun ja. Zum einen scheinen die russischen Hackerbrigaden ihren Bedarf an Subbotniks bereits bei den Wahlen in den USA und Frankreich gedeckt zu haben. Das legt zumindest der aktuellste Beitrag zum Thema von Mark Zuckerberg nahe, der erst als Bewegtbild und dann als Text in der vergangenen Nacht in dessen höchsteigenem Netzwerk online ging (eine Zusammenfassung auf Deutsch hat etwa Zeit Online).

"[A]s we've shared before, our teams have found and shut down thousands of fake accounts that could be attempting to influence elections in many countries, including recently in the French elections. (…) We are actively working with the US government on its ongoing investigations into Russian interference. We have been investigating this for many months, and for a while we had found no evidence of fake accounts linked to Russia running ads. When we recently uncovered this activity, we provided that information to the special counsel. We also briefed Congress -- and this morning I directed our team to provide the ads we've found to Congress as well."

Aber:
"We're also examining the activity of accounts we've removed and have not yet found a similar type of effort in Germany. This is incredibly important and we have been focused on this for a while."

Zum anderen scheinen die Fake News und Hassposts, die sich auch ohne fremdstaatliche Orchestrierung in den Netzwerken verbreiten und von deren Beseitigung Zuckerberg spricht, gar nicht die demokratiezersetzende Durchschlagskraft zu besitzen, die ihnen in den Debatten der vergangenen Monate eingeräumt wurde. Das legte schon eine Studie der Landesmedienanstalt NRW und der Uni Mainz nahe, die im letzten Altpapier bei evangelisch.de vor einem Monat Erwähnung fand, und wird nun in einem Beitrag von Dena Kelishadi bei @mediasres bestätigt:

"'Vielleicht ist es auch gar nicht so entscheidend, dass jede kleine verdrehte Schlagzeile tagesaktuell oder generell beantwortet wird. Es brodelt zwar, aber es brennt noch nicht. Die Sorge, dass das Netz die Bundestagswahlen gefährdet, wird latent überdramatisiert', sagt Digitalisierungsexperte Alexander Sängerlaub [von der Stiftung Neue Verantwortung, Anm. AP]. 'Es gibt Fake News, vor allem im rechtspopulistischen Bereich. Aber die haben weiß Gott nicht diese Reichweiten, vor denen man vorher Angst hatte.'"

Für die Fakenchecker vom Correctiv, um die es in dem Beitrag eigentlich geht, sind das sicher nicht gerade arbeitsmotivationsfördernde Angaben. Aber unter dem Strich klingt das natürlich beruhigend - in jedem Fall, bis am Sonntag um 18 Uhr das Ergebnis der AfD Anderes beweist.

Heute schon an das TV-Duell von 2021 denken

Angesichts dieser lässigen Lage kann man sich ruhig schon mal Gedanken um die kommenden, planmäßig für 2021 terminierten Wahlen machen. Dachten sich zumindest die Intendanten der ARD und vermittelten der Rheinischen Post, sie wollten

"bei der Bundestagswahl in vier Jahren kein TV-Duell mehr zusammen mit den Privatsendern. Nach Informationen unserer Redaktion haben sie sich bei der ARD-Hauptversammlung diese Woche in Köln auf eine Reform des Formats verständigt. 'Wie das jetzt gelaufen ist, so können wir es nicht mehr machen. Das war Konsens', sagte ein Teilnehmer der Intendantenkonferenz am Montag in Köln."

Dass ZDF, ProSiebenSat.1 und RTL dieser Idee aufgeschlossen gegenüber stehen, lässt sich dort ebenfalls nachlesen.

Wie war das noch einmal jetzt gelaufen? Markus Ehrenberg, Tagesspiegel:

"Das Kanzlerduell fand zum fünften Mal statt. Vertreter der Kanzlerin lehnten diesmal eine neue Dramaturgie der Veranstaltung, ein Publikum im Studio und ein zweites Aufeinandertreffen mit Schulz ab. Merkels Standpunkt, nur unter diesen Voraussetzungen am Duell teilnehmen zu wollen, stieß auf Kritik."

Aha, Frau Merkel war also das Problem. Und wie lief das vor gefühlt 500 Jahren, bevor sie sich auf den Kanzlersessel festpatexte?

Alexander Krei, DWDL:

"Einzig bei der TV-Duell-Premiere zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber im Jahr 2002 hatte es zwei Duelle gegeben, Angela Merkel wehrt sich dagegen seit 2005 stets erfolgreich gegen diese Variante - sehr zum Ärger der Sender, die dem umstrittenen Modell letztlich zähneknirschend einwilligten."

Wir können also festhalten, dass die ARD schon heute ankündigt, sich in einem großen Akt des zivilen Ungehorsams 2021 nicht mehr von Angela Merkel die Bedingungen des Kanzler-Duells diktieren lassen zu wollen, was natürlich echt mutig ist, wenn man bedenkt, dass diese sich heute schon die Frage gefallen lassen muss, ob sie die vier Jahre, für die sie aktuell kandidiert, zu Ende bringen wird.

Viel wichtiger erscheint da doch, was quasi nebenbei vermittelt wird und im RP-Text in dem Satz gipfelt:

"Den Bedingungen des Kanzleramts werde man nicht mehr einfach Folge leisten, hieß es weiter."

Wäre ich Anhänger einer großen Medienpolitikelitensumpf-Verschwörung, würde ich solche Eingeständnisse ja nicht ungenutzt herumliegen lassen. Andererseits mag sich nicht einmal Michael Hanfeld über die Handzahmheit von öffentlich-rechtlichen Journalisten gegenüber dem Kanzleramt aufregen und überlegt auf der FAZ-Medienseite (0,45 € bei Blendle) lieber, wie das 2021 denn aussehen könnte:

"Und was würde bei zwei 'Duellen' herauskommen? Eines mit hoher Einschaltquote (bei ARD und ZDF), eines mit niedriger (bei RTL und Sat.1). Eines mit den Fragen von Claus Strunz zu innerer Sicherheit und Flüchtlingskrise und eines mit sozialpolitischem Allerlei. Das würde den Blick für die beiden Seiten des dualen Rundfunksystems schärfen, für die jeweiligen thematischen Schwerpunkte und für die Leerstellen. Hätte also vielleicht doch seinen Reiz. 2021 kommt die Sache auf Wiedervorlage."

Tiefenentspannung galore.

ARD und ZDF wissen selbst am besten, was sie brauchen (inhaltlich wie finanziell)

Will denn niemand die bislang größte medienpolitische Schlacht weiter ausfechten, auf die wir uns seit Montag freuen, also weniger martialisch formuliert die Debatte um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Systems jenseits von TV-Duell-Ausgestaltungen weiterführen?

Oh doch. Wolfgang Schulz, Direktor des Hans-Bredow-Instituts, übernimmt das heute auf der Medienseite der SZ, wo er zum einen dafür plädiert, den Rundfunkbeitrag zu indexieren, sodass er nicht permanent neu beantragt und berechnet werden muss, und zum anderen folgende Idee ins Rennen schickt:

"Der Regelfall ist bislang, dass die Länder die Anstalten mit Programmen und Online-Angeboten beauftragen. Schon das eher unerfreuliche Schauspiel bei der Beauftragung des Jugendangebotes Funk zeigte, dass dieses Verfahren nicht zukunftsfähig ist. Dass die Ministerpräsidenten Konzepte für Angebote entwickeln, kann schwerlich eine Lösung sein, wenn man bedenkt, wie rasch sich die Kommunikationsumgebungen ändern.
Ein Teil der Beauftragung der Anstalten läuft über den 'Drei-Stufen-Test', bei dem die Gremien eine zentrale Rolle spielen. Er erfreut sich nur begrenzter Beliebtheit, weil er aufwendig ist und sicher nicht auf alles übertragen werden kann. Er eignet sich aber durchaus als Blaupause. Denkt man das Modell weiter, könnten die Anstalten ihr gesamtes Angebot den Änderungen der kommunikativen Bedürfnisse ohne neue Gesetze anpassen. Sie müssten aber in einem Test belegen, dass etwa ein geplantes neues Online-Angebot diese Bedürfnisse besser befriedigt als ein bestehendes Hörfunkprogramm. Der Gesetzgeber könnte sich auf abstrakte Vorgaben zum Programmauftrag beschränken."

Denn wenn etwas unserem Rundfunksystem fehlt, dann sind es doch neue Gremien und weitere Strukturen, die sich mit dem Drei-Stufen-Test vergleichen lassen, über den man schon nach dem Teaser, den etwa der MDR zum Thema bereithält ("Mit dem Drei-Stufen-Test prüft der Rundfunkrat, ob ein neues oder verändertes Telemedienangebot zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört"), definitiv nicht mehr wissen möchte.

Aber die Debatte läuft ja noch. Lösungen, die auf Bierdeckel passen, können also noch eingereicht werden.

Altpapierkorb (mit Bockwurstzwang, Postminister, Internetforschungsinstitut, Geist-Einhaucher)

+++ Die Rede Mathias Döpfners bei der BDZV-Tagung am Montag und die abgeschaffte Bockwurst im Freibad einer Stadt, deren Zeitung irgendwas mit Kurier heißt (Altpapier von Dienstag und Mittwoch) beschäftigt weiterhin, auch Stefan Niggemeier, der bei Übermedien thematisiert, dass die Wurst einer Abstimmung mit den Füßen zum Opfer fiel und sich fragt, ob Bockwurstzwang eine Lösung wäre.

+++ Warum im Streit zwischen öffentlich-rechtlichen Sendern und Verlagen ein Bundespostminister hilfreich sein könnte, erklärt Altpapier-Autor Christian Bartels in seiner Medienkolumne bei evangelisch.de.

+++ Der Axel-Springer-Verlag und RTL durften im Jahr 2011 keine unverpixelten Fotos eines wegen Mordes angeklagten Mannes zeigen, hat der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gestern entschieden. Die taz hat den AFP-Bericht.

+++ In Berlin hat gestern das Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft seine Arbeit aufgenommen, was ein wenig spannender klingt, wenn man seinen Zweitnamen erwähnt, der da lautet: Deutsches Institut für Internetforschung. Es berichten (u.a.) RBB, Tagesspiegel und Deutschlandfunk.

+++ Was Intendanten verdienen, wissen wir seit dieser Woche. In einem Interview mit einem anonymen Festen-Freien ergänzen Stefan Winterbauer und Meedia, wie deren Finanzlage ist und verdeutlichen zudem, wo außer in Gehältern noch Rundfunkbeiträge versenkt werden.

+++ Informationen zur Situation freier Journalisten in der Schweiz hat derweil die Medienwoche zusammengetragen.

+++ Man muss auch wissen, wann Schluss ist, und daher hat das Bildblog nun die 120 Euro weitergereicht, mit denen Julian Reichelt das Projekt via Steady unterstützt hat. Moritz Tschermak: "Deswegen haben wir heute erstmal die 'Betterplace'-Kampagne der Leute von 'StopBildSexism' vollgemacht (…) und das restliche Geld an den Rechtshilfefonds für Verfolgte in der Türkei (PDF) des ,KulturForums TürkeiDeutschland’ geschickt, mit dem der Verein auch Journalisten unterstützt, die in der Türkei in Haft sitzen".

+++ Fakt oder Fake fragt man sich nun auch in Österreich beim ORF. Der Standard berichtet.

+++ Wie sich die Nachrichten-Offensive in Zeiten der Wahlberichterstattung unter Daniel Drepper bei Buzzfeed Deutschland macht, damit beschäftigt sich Sophie Krause im Tagesspiegel.

+++ N24 heißt bald Welt, sonst ändert sich nix (welt.de).

+++ Die New Yorker Village Voice verabschiedete sich gestern vom Gedruckten ins Internet. Der britische Guardian weiß mehr.

+++ Beim Bauer-Verlag suchen sie jemanden, der schöne Dinge beherrscht wie Löschen ("diverse Krisenherde im Ausland") und neuen Geist Einhauchen ("dem familiengeführten Printunternehmen"), meint Gregory Lipinski bei Meedia

+++ Der SWR macht jetzt auch was mit investigativer Recherche. "Im Grundsatz stößt das Vorhaben im Sender auf breite Unterstützung. Hierarchen und Verwalter gebe es schon genug, hört man in den Funkhäusern, da sei es nur zu begrüßen, wenn in Inhalte investiert werde. Doch über die Anbindung der neuen Rechercheeinheit wurde intern dem Vernehmen nach heftig gerungen", schreibt die Stuttgarter Zeitung.

+++ "Wir müssen einen Journalismus der fachlichen Kompetenz stärken. (…) Journalisten müssen eine Kultur des Vertrauens in der Demokratie aktiv verteidigen. (…) Journalisten müssen nicht nur Fehler, sondern auch Nicht-Wissen eingestehen. (…) Schließlich: wir müssen für uns selbst immer wieder neu einen Journalismus der Vielfalt definieren." Fordert im aktuellen epd medien (derzeit nicht online) Stephan Detjen, Chefkorrespondent und Leiter des Deutschlandradio- Hauptstadtstudios, nachdem er sich ein paar Gedanken über Zustand und Zukunft des Politik-Journalismus gemacht hat.

+++ Ob es eigentlich erstaunlicher ist, dass es nicht nur das Altpapier, sondern auch Spiegel Daily weiterhin gibt, dürfen Sie nun entscheiden. Dort kolumniert ohne Unterlass Ulrike Simon, diesmal über den Vorwurf, dass ein Autor des Nachrichtenmagazins Stern einer Buchautorin die Geschichte über eine alte Sennerin geklaut haben soll.

+++ Wie Axel Prahl mal Wahlwerbung machte und dafür einen Shitstorm erntete, und wie sein neuer, Anfang Oktober im Ersten laufender Film "Vadder, Kutter, Sohn" so ist, beschreibt Sören Kittel im Hamburger Abendblatt.

+++ Wer sich Hoffnung auf den Fernsehpreis der Deutschen Akademie für Fernsehen machen kann, bei dem "[a]nders als beim Deutschen Fernsehpreis […] nicht eine Jury, sondern die Mitglieder der Fernsehakademie über die Preisträger [entscheidet] - ähnlich wie bei den kürzlich verliehenen amerikanischen Emmys", weiß DWDL.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!