Collage zur Medienkolumne Das Altpapier zum Thema Martin Schulz' Offenheit im Spiegel-Interview und Der Verantwortung der Massenmedien in der Berichterstattung um die AfD.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa/nannen-preis.de/pantermedia

Das Altpapier am 4. Oktober 2017 Luhmann, nicht Plasberg

Wer ist schuld am Erstarken der AfD? Ja, es sind die Medien, sagt ein Professor – aber nicht einzelne. Die "Spiegel"-Reportage über Martin Schulz’ Wahlkampf hat eine mediale Komponente. Und: Warum das Filterblasen-Konzept hakt. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier zum Thema Martin Schulz' Offenheit im Spiegel-Interview und Der Verantwortung der Massenmedien in der Berichterstattung um die AfD.
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Es kommt nicht allzu oft vor, dass es auf den Meinungsseiten der Tageszeitungen explizit um einen Text aus dem Spiegel geht. Heute aber. Markus Feldenkirchens Reportage über Martin Schulz’ Wahlkampf, am Montag schon kurz im Altpapier gewürdigt, taucht etwa in der Süddeutschen Zeitung und in der taz auf.

Die SZ liest den Spiegel-Text eher eins zu eins, interpretiert ihn also als Quelle für Schulz’ vermeintliches Versagen, im Wahlkampf eine einzige inhaltliche Idee voranzutreiben ("Genau dies ist auch das eigentlich Erschreckende an jener derzeit viel diskutierten Spiegel-Reportage"). Die taz dagegen geht auf Ebene zwei. Sie verhandelt Schulz’ medial bedeutsame Offenheit– und verleiht ihm daher schon mal "den halben Nannenpreis". Warum? Weil er, so Johanna Roth, den Maßstäben widersprochen habe,

"die heute an Menschen im politischen Betrieb angelegt werden. Einmal blöd gucken – schon explodiert Twitter. […] Schulz ist erfahren, die Risiken und Nebenwirkungen der Entblößung kannte er. […] Man könnte es auch so formulieren: Martin Schulz hat in diesem Wahljahr 2017 vielleicht am besten von allen verstanden, was Journalismus kann und wozu er gut ist."

Kann man so sehen. Dass "die Überinszenierung von Politik und Politikern inzwischen eine Form erreicht hat, die der Glaubwürdigkeit von Politik und letztlich unserer demokratischen Kultur schon lange schadet", glaubt auch der Autor des Spiegel-Texts, Markus Feldenkirchen, selbst (bei Facebook).

18 Seiten in 5 klickträchtigen Zitaten

Dass allerdings auch "der Medienbetrieb" Effekt bisweilen über den Inhalt stellt – also genau das tut, was Schulz nach Feldenkirchens Reportage vorgeworfen wird –, kann man beispielhaft an einer Einschätzung nachvollziehen, die bei Meedia veröffentlicht wurde:

"Angesichts des spektakulären Reports aus dem Innenleben des Wahlkampfs fragt man sich […], warum der Spiegel so wenig Marketing in eigener Sache betrieben hat. Auf seinem Newsportal Spiegel Online wird der Ball in Sachen 'Schulz Story' komplett flach gehalten, was die Konkurrenz bei Axel Springer in eine beneidenswerte Position brachte. Das Boulevardblatt Bild schlagzeilte am Montag für seine Millionen Leser "Die Schulz-Offenbarung" und brachte die fünf griffigsten und entlarvendsten Zitate aus dem Spiegel-Artikel in großen Lettern auf Seite eins, versehen mit der Vorzeile: 'SPD-Kandidat jammerte schon im Wahlkampf'. Es ist eigentlich unverständlich, warum das Nachrichtenmagazin im Digitalen nicht selbst 'in den Lead' gegangen ist und die wichtigsten Erkenntnisse seiner exklusiven Story offensiver verbreitet hat."

Tja. Wenn die Verkürzung von 18 Seiten auf die fünf klickträchtigsten Zitate das ist, was Journalisten für das ideale Vorgehen halten und voneinander einfordern– dann braucht man sich nicht zu wundern, dass über die Mitverantwortung "der Medien" für den Aufstieg von Reiz-Reaktions-Parteien diskutiert wird.

Es geht nicht nur um Talkshows

Genau das geschieht ja seit der Bundestagswahl. Sind "die Medien" mitschuld am Erstarken der AfD, das ist die Frage, die noch am Wahlabend in einer Fernsehrunde aufgeworfen wurde (Altpapier vom 25. September) und die seitdem zahlreiche Antworten hervorgebracht hat, zuletzt etwa am Montag in Form eines Pro und Contra in der SZ (das mittlerweile auch frei online ist); auch für "Zapp" heute Abend im NDR sind dazu ein paar Takte angekündigt.

Michael Meyen, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München, hat zum Thema nun einen Blogbeitrag beigesteuert, den man bei all den Einlassungen zum Thema noch zur Kenntnis genommen haben sollte. Er ist sicher nicht der originellste Beitrag, weil im Grunde alles, was da steht, bekannt ist (wie Meyen selbst schreibt). Aber meines Erachtens ist er halt doch eine ziemliche Punktlandung, wenn auch kaum eine sehr folgenreiche. Meyen geht über die Fragen hinaus, wie oft AfD-Leute in Talkshows saßen, welche Themen wie lang im TV-Duell und von Frank Plasberg behandelt wurden und welcher Umgang mit welcher Gauland-Entgleisung der AfD am meisten genutzt haben dürfte. Er schlägt vor:

"fort mit der Stimulus-Response-Idee. Fort mit der Idee, dass eine Talkshow, ein Leitartikel, ein TV-Duell der Wählerin die Hand führen."

Er diagnostiziert im Vergleich mit der Medienrealität von 1984 eine "Aufmerksamkeitsspirale". Er konzentriert sich also nicht auf die Verantwortung einzelner, sondern klagt über ein "Massenmediensystem, das sich nur noch selbst beobachtet und vor allem die Konkurrenz ausstechen will" und erkennt so einen schleichenden Abschied des Journalismus von seiner Informationsfunktion. Hart, aber fair.

"Was sich einmal in der Medienrealität festsetzt, bleibt dort. Der Weiterdreh hat es aus den Nachrichtenportalen in die Tagespresse und in die TV-Nachrichten geschafft. In der Medienrealität dominieren heute außerdem andere Konflikte: nicht mehr zwischen Gruppen (Gewerkschaft vs. Arbeitgeber), sondern zwischen Personen, die mächtig sind oder prominent. Verändert hat sich dabei nicht der Boulevard. Die Bild-Zeitung war schon 1984 die Bild-Zeitung. Verändert haben sich vor allem die Qualitätsmedien."

Er nennt dann konkret "Tagesschau" und Süddeutsche Zeitung, aber ich gehe mal davon aus, dass er nicht nur diese beiden meint. Jedenfalls meint er nicht nur die Talkshows und auch nicht nur das zuletzt im Zentrum der Diskussion stehende öffentlich-rechtliche Fernsehen – wobei sich das aus der Aufmerksamkeitsspirale natürlich am leichtesten verabschieden könnte, seiner nicht direkt quotenabhängigen Finanzierung wegen.

Die Pathologisierung des Ostens

Niklas Luhmanns Satz "Was wir über die Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Massenmedien", den Michael Meyen zitiert, lohnt es sich auch in die mediale Verhandlung "des Ostens" mitzunehmen. Am oder zum gestrigen Tag der Deutschen Einheit erschien eine Reihe von Beiträgen, in denen von einer Pathologisierung, Exotisierung oder Verkürzung des Ostens die Rede ist. Beispielsweise von Georg Diez bei Spiegel Online, vom öffentlich-rechtlichen "funk"-Format "Jäger und Sammler", von Thomas Oberender in Die Zeit oder von Stefan Locke in der FAZ.

Dass man, wenn die Wahlergebnisse vorliegen, mal mit großen Augen durch diesen wilden rechten Osten latscht wie Heidelberger Heten durch den Darkroom des Berghain, ist jedenfalls nicht ganz das, was sich der Dresdner Oberbürgermeister, Dirk Hilbert, unter der stärkeren Berücksichtigung lokaler Lebenswelten vorstellt. In einem Gastbeitrag für die Sächsische Zeitung schreibt er:

"Es mag für Erklärungsversuche hilfreich sein, wenn Journalisten nun nach Oppach (FAZ), Dorfchemnitz (Hamburger Abendblatt) oder Pirna (ZDF) pilgern, um AfD-Hochburgen zu porträtieren, doch es darf den Blick auf das Gesamtproblem nicht verengen."

Ob man nun "das Gesamtproblem" so definiert wie er oder nicht – sein Appell "Raus aus der Blase!" ist insofern interessant, als er die Filterblasenlogik umdreht: Nicht "die Rechten" sind hier in der Blase, sondern die, die sie beobachten.

Die Filterblase ist der falsche Ansatz

Bereits vor einigen Tagen ist ein ausführlicher Text (hier als pdf) auf den Seiten von Michael Seemann erschienen, einem Kulturwissenschaftler, der sich ausführlich mit dem Zusammenhang von "Fake News"-Verbreitung und Filterblasen auseinandergesetzt hat. Er zeigt anhand von Beispielen, dass diejenigen, die eine falsche Geschichte bei Twitter weiter verbreiteten, die folgende Richtigstellung durchaus wahrgenommen haben können: In ihren Twitter-Timelines tauchte sie jedenfalls auf.

"Die Ergebnisse werfen die Filterblasen-Theorie über den Haufen. Ganz offensichtlich sind es keine technischen Gründe, die diese Accounts einseitig nur die Fake News verbreiten lassen. Die Filterblase der Fake-News-Verbreiter ist jedenfalls alles andere als dicht."

Michael Seemann erklärt die Verbreitung von "Fake News" also nicht mit dem beliebten Blasen-Konzept, sondern mit einem "digitalen Tribalismus"; er spricht von "bestätigungshungrigen Stämmen", die mit News gefüttert werden wollen, die ihr Weltbild bestätigen.

"Informationen dienen weniger als Wissensressourcen denn als Identitätsressourcen – und da spielt es keine Rolle, ob sie wahr oder falsch sind."


Instruktiver Text. Vorwarnung: Er ist in Seiten etwa doppelt so lang wie Markus Feldenkirchens Wahlkampf-Reportage.

Altpapierkorb (G20-Akkreditierungen, Las-Vegas-Fehlinformationen, Google und Verlage)

+++ Einigen Journalisten, die vom G-20-Gipfel in Hamburg berichteten, wurde bekanntlich die Akkreditierungen entzogen (siehe etwa dieses Altpapier vom Juli). Nun gibt es eine neue Wendung: Das LKA hat laut tagesschau.de Beweismittel vernichtet. Auch die taz berichtet.

+++ Dass "Hoaxes, completely unverified rumors, failed witch hunts, and blatant falsehoods" sich nach dem Massenmord von Las Vegas auch über Google, Facebook und YouTube verbreiteten, ist Thema für Alexis Madrigal bei The Atlantic: "The problem can be traced back to a change Google made in October 2014 to include non-journalistic sites in the 'In the News' box instead of pulling from Google News." Mit den zahlreichen Fehlinformationen und gezielten Irreführungen, die kursierten, beschäftigen sich auch der Faktenfinder der "Tagesschau" und Spiegel Online. Die FAZ ist auf ihrer Medienseite insgesamt recht angetan von der ihrer Einschätzung nach weitgehenden Zurückhaltung und der moderierenden Art professioneller US-Journalisten.

+++ Google derweil, selber Player, andere Baustellenecke, hat "am Montag angekündigt, seine restriktiven Regeln im Umgang mit journalistischen Bezahlinhalten zu lockern". Details haben der Tagesspiegel, Zeit Online und die SZ.

+++ In der Schweiz steht ein Referendum über die Abschaffung der Rundfunkgebühren an. Die SZ berichtet. Das Thema wäre zugegebenermaßen eine größere Beschäftigung als hier in zwei Sätzen im Altpapierkorb wert.

+++ Hans-Peter Siebenhaar fordert in der laufenden Debatte über die Öffentlich-Rechtlichen, ARD und ZDF zusammenzulegen (Handelsblatt).

+++ "Die Kritik des thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linkspartei) an der Altersversorgung von ARD und ZDF will die Vorsitzende des Senderverbunds, Karola Wille, nicht auf sich sitzen lassen" (FAZ, Printausgabe). Die FAZ hatte (siehe Altpapier vom Montag) zuvor berichtet, Ramelow habe moniert, "dass diese Versorgung weit über dem im öffentlichen Dienst Üblichen liege und es unverantwortlich sei, einen solchen Vertrag für eine Laufzeit von fünfzehn Jahren anzulegen".

+++ Um den Berliner Zeitungsmarkt geht es im Wirtschaftsteil der FAZ. Die Funke-Mediengruppe mit "Berliner Morgenpost" und die DuMont-Mediengruppe mit "Berliner Zeitung" hatten über eine Kooperation "in Vertrieb und Vermarktung" beratschlagt, aber die Gespräche wurden nach Informationen der FAZ abgebrochen. "Beide Seiten hätten darüber hinaus auch eine Kooperation von Zeitungsgeschäften in der Hauptstadt sondiert, berichten Insider. Das hätte kartellrechtlich schwierig werden können, gilt aber abhängig von der genauen Konstruktion als machbar. Doch die Unternehmen waren sich uneinig. Für Funke und DuMont ging es auch darum, redaktionell zusammenzuarbeiten."

+++ Meistbesprochener Fernsehfilm heute: "So auf Erden" (ARD, 20.15 Uhr) mit Edgar Selge. Heike Hupertz benennt in der FAZ eine Pest des öffentlich-rechtlichen Prime-Time-Films: "Das Drehbuch arbeitet mit überdeutlichen Sätzen, Anspielungen und Zitaten, so, als sei christlicher Glaube Sache einer marginalisierten Subkultur und bedürfe energischer Nachhilfe. Dem Publikum der Öffentlich-Rechtlichen, so meint das unter theologischer Fachberatung entstandene Spielfilm-Traktat, muss man inzwischen selbst das Vaterunser erklären." Die SZ wiederum hat ein Problem mit der Aussage des Films über einen konservativen Prediger, der seine Liebe zu einem Mann entdeckt: "Das Ergebnis des Films wäre so schließlich sogar mit mancher reaktionäreren Bibelauslegung kompatibel: Homosexualität bleibt bis zum Ende Sünde". Etwas gespalten ist der Tagesspiegel.

+++ Die SZ bespricht außerdem "The Handmaid’s Tale" (Entertainer TV).

+++ Stefan Niggemeier übersetzt bei Übermedien die Reaktion der FAZ auf eine vom Presserat gegen sie ausgesprochene Rüge (siehe Altpapierkorb vom 18. September): "Im Klartext bedeutet das wohl: Die FAZ behält sich das Recht vor, Schwule und Lesben wegen ihrer Sexualität anzugreifen und herabzuwürdigen, bedauert es aber, wenn die sich darüber beklagen."

+++ Thomas Gottschalk hat DWDL ein Interview über sein Twitter-Verhalten gegeben: "Die Chance, seine Meinung sagen zu können, ohne vorher von Journalisten redigiert zu werden, ist durchaus reizvoll. Das hat nicht nur Trump begriffen. Im Gegensatz zu ihm twittere ich für den Weltfrieden."

Frisches Altpapier gibt es am Donnerstag.