Collage zur Medienkolumne Das Altpapier zum Thema
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/imago/dpa

Das Altpapier am 5. Oktober 2017 Tendenz: einseitig

Stefan Plöchinger hat einen neuen Job, und es stellt sich die Frage, ob nicht alle Journalisten ein wenig bwler werden sollten. Für knapp zehn Euro im Monat gibt es bei Dazn demnächst auch Europa League. Beim Institut für Rundfunktechnik trägt wohl nicht nur ein Patentanwalt die Verantwortung für fehlendes Geld. Die freundliche Familie Funke im Speziellen und Zusammenlegeritis im Zeitungsmarkt im Allgemeinen. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

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Sie sind Journalist und gerade bei der Arbeit? Dann passen Sie auf, dass Ihnen nicht Stift und Schreibblock aus der einen, das Smartphone für Ihre Snapchatstory aus der anderen Hand, die Fotokamera vom Hals oder der Laptop, mit dem sie aktuell die dazugehörige Info-Grafik basteln, vom Schoß fallen, wenn Sie nun erfahren: Es warten noch weitere Aufgaben auf Sie.

"Die 'kaufmännische Seite' heißt das dann gern, im Kontrast zur journalistischen. Der Schritt in diese Richtung mag für einen Chefredakteur ungewöhnlich wirken, aber erstens nicht in Zeiten der digitalen Disruption, die einem ja eh die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Perspektiven für seine Branche abverlangt. Zweitens fühle ich mit 41 noch jung genug, um andere Seiten an mir zu entdecken. Wobei ich drittens glaube, dass journalistische Produkte eben von beiden Seiten zusammen gedacht und gemacht werden müssen; beides im Sinne der Leser zusammenzubringen, macht für mich gute Produktentwicklung aus, und deshalb sind es gar nicht so sehr zwei Seiten."

So begründet Stefan Plöchinger auf seiner Facebookseite, warum er Anfang des kommenden Jahres seinen Chefsessel bei der Süddeutschen Zeitung verlässt und Leiter Produktentwicklung in der Spiegel-Gruppe wird (eine schöne Pressemitteilung des Spiegels dazu gibt es natürlich auch).

Nun ist das Vermelden und Analysieren von Personalrochaden nicht gerade Kernaufgabe dieser Kolumne, doch hier lohnt sich die Ausnahme, weil die Macher von "Dürfen Journalisten Aktivisten sein?" uns damit die Fortsetzung präsentieren: "Müssen Journalisten nicht ein wenig bwler werden?" Zumindest, wenn sie wollen, dass sie auch in zehn Jahren noch kräftig zuschreiben können und sich dabei nicht auf die Anzeigenabteilungen verlassen mögen, denen bislang nicht viel mehr einfällt als noch mehr Sonderbeilagen (heute in der SZ: acht Seiten "Finanzieren im Mittelstand") und Weinversand.

Das wäre doch eine Diskussion wert. Ich zum Beispiel finde es sinnvoll, als Journalist dem Journalismus nicht in Schönheit beim Sterben zuzusehen, was nicht bedeutet, dass man seine gesamte Arbeit auf ökonomische Verwertbarkeit optimieren muss.

Alternativ kann man die Meldung aber natürlich auch anders verwerten:

"Aus der Personalie Plöchinger lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Den bisherigen Vollblut-Journalisten zieht es offenkundig ins Medienmanagement. Und das Management beim Spiegel, namentlich Geschäftsführer Hass, will mit Hilfe eines Top-Journalisten an seiner Seite die Spiegel-Redaktionen bei den anstehenden Aufgaben begleiten – oder auch antreiben."

Crazy shit! Jemand tritt einen neuen Job an, weil er einen neuen Job antreten mag, und eine Firma holt einen neuen Mitarbeiter, damit dieser einen guten Job macht - Roland Pimpl von Horizont ist echt ein Analysefuchs!

Wobei die Frage, was Plöchinger beim Spiegel erwartet, auch andere umtreibt, so etwa Joachim Huber beim Tagesspiegel ("Plöchingers Aufgabe wird sicherlich auch darin bestehen, die Redaktionen von Print und Online weiter zusammenzuführen") und Stefan Winterbauer bei Meedia ("Die Reform von Spiegel Plus könnte als eine der ersten Aufgaben auf der To-Do-Liste Plöchingers stehen. […] Auf der Print-Seite hatte der Spiegel in jüngerer Zeit auch kaum Fortune mit seinen Produktentwicklungen").

Muss ich die Frage der Ökonomie wohl doch mit mir selbst diskutieren. Oder einfach zum nächsten Thema ausfaden.

Was’n Dazn? Das Netflix des Sport zeigt bald auch Europa League

Die Fernsehlage für Fußballfans wird nicht übersichtlicher - oder vielleicht langsam doch wieder. Denn wie gestern zuerst Uwe Mantel bei DWDL meldete, hat sich der Sport-Streaming-Dienst Dazn ab der kommenden Saison für drei Jahre die Rechte an den Spielen der UEFA Europa League gesichert.

Mantel:

"Anders als bei der Champions League wird es aber weiterhin Spiele im Free-TV zu sehen geben. 190 Partien wird Dazn exklusiv zeigen, 15 laufen zusätzlich bei einem noch nicht benannten Free-TV-Partner. Gemunkelt wird hier seit längerem, dass sich die Mediengruppe RTL Deutschland hier die Rechte sichert."

Damit zeigt der Dienst, den "Netflix des Sports" zu nennen man nicht versäumen sollte, nun seit dieser Saison Highlights der Bundesliga (Altpapier vom August), ab der kommenden Saison einen noch nicht näher vom ebenfalls übertragenden Sky abgegrenzten Teil der Champions League (Altpapier vom Juni) sowie eben die Europa League.

"Eine wichtige Frage für die Abonnenten von Dazn ist allerdings, wie lange der Monatspreis von 9,99 Euro zu halten ist", meint dazu Kurt Sagatz im Tagesspiegel und verweist darauf, "dass Fußballfans, die alle (sic!) der Fußball-Bundesliga live sehen möchten, seit Beginn dieser Saison Abos für die Pay-TV-Anbieter Sky und Eurosport benötigen."

Bei Dazn hat er in Erfahrung gebracht, dass die Plattform aktuell keine Preiserhöhung plane, aber auch weiterhin werbefrei bleiben wolle.

Bei ARD und ZDF fragt man sich derweil vermutlich, ob die Zahlungsbereitschaft für den Rundfunkbeitrag nun noch mehr sinkt, oder ob nicht doch ein paar Leute erkennen, dass 17,50 Euro für diverseste Fernseh- und Radioprogramme sowie dazugehörige Internetangebote geradezu ein Schnäppchen sind.

Ich als öffentlich-rechtliches Altpapier und Fußballignorant bin da natürlich völlig unvoreingenommen.

Schuld war nur der Patentanwalt? Neues vom IRT

Andererseits, um noch kurz bei ARD, ZDF und ihrem Umgang mit Geld zu bleiben:

"Die Entwicklung verschlafen hat die vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen getragene Münchner Technik-Firma (das seit Mai berühmte Institut für Rundfunktechnik (IRT), Anm. AP) aber ausgerechnet bei der Vermarktung von wertvollen MPEG-Rechten. MPEG spielt eine wichtige Rolle bei MP3-Playern. 200 Millionen Euro flossen seit 2003 am IRT und letzten Endes auch an ARD und ZDF und den weiteren Trägern des Instituts vorbei. Angeblich, weil man von einem ehemaligen Beschäftigten, einem untreuen Patentanwalt, hintergangen worden sei. Das ist jedenfalls die Lesart des Instituts, das den Patentanwalt im April dieses Jahres anzeigte und so dafür sorgte, dass er in Untersuchungshaft kam. Die Justiz freilich zweifelt an dieser Version und arbeitet stattdessen gravierende Versäumnisse der IRT-Chefetage heraus. Was zu der Frage führt, ob die Verantwortung für das viele verlorene Geld eher dort zu suchen ist. Vergangene Woche wurde der Patentanwalt aus der Haft entlassen."

Konkret bezweifeln die Richter, ob einem Institut, dass die Rundfunktechnik im Namen trägt, wirklich entgangen sein könnte, wie viel diese Rechte wert seien.

Die ganze Geschichte hat Klaus Ott auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung.

Familie, wie die Funke Mediengruppe sie sich vorstellt

Das WTF des heutigen Altpapiers verdanken wir Bülend Ürük und seinem Interview für Kress Pro mit der Noch-Funke-Verlegerin Petra Grotkamp sowie ihrer Nachfolgerin und Tochter Julia Becker, veröffentlicht in Auszügen auf kress.de.

Die Funke Mediengruppe, wie erinnern uns, ist einer dieser Verlage, der gerne Redaktionen zusammenlegen, Mitarbeiter entlassen und im Regenbogenpressebereich die absurdesten Falschmeldungen in die Welt setzen.

Doch nun darf Becker bei Kress unwidersprochen schöne Dinge sagen wie

"Meine Idealvorstellung lautet, dass wir ein Unternehmen gestalten, in dem sich alle Mitarbeiter als große Familie fühlen"

oder auch

"Ich liebe die Vielfalt der Frauenzeitschriften - übrigens auch bei anderen Verlagen. Auch wenn ich mit der Yellow-Berichterstattung in unserem Hause manchmal nicht ganz einverstanden bin. Mich ärgert es, wenn eine Geschichte nachweislich an den Haaren herbeigezogen ist",

während ihre Mutter Grotkamp auftrumpft mit

"Ich hingegen sehe es parallel als meine Aufgabe an, den Redakteuren ein Arbeiten frei von Repressalien und wirtschaftlichem Druck zu ermöglichen."

Toll. Der "Wege-zum-Glück"-Gedächtnis-Filter, der die beiden Bilder, die von den zwei im Umlauf sind, ziert, scheint die Damen auch im echten Leben zu beglücken.

Oder sie haben einfach eine sehr interessante Vorstellung davon, wie sich eine große Familie zu fühlen hat.

Altpapierkorb (Sparen mit den Öffis, vereinte Medienrepublik, Break Even dank Female Future Force Academy, der frühe Vogel geht auf Sendung)

+++ Originalquellen sind Ihr Leben? Dann gibt es gute Nachrichten, denn die Sparvorschläge von ARD, ZDF und Deutschlandradio (Altpapier am Montag) stehen nun in ihrer gesamten Schönheit zum Download bereit.

+++ Dass die OSZE nicht ganz so happy mit dem nun in Kraft getretenen NetzDG ist, steht bei Netzpolitik.org.

+++ Die Funkes sprachen mit DuMont über mögliche nicht-redaktionelle Kooperationen auf dem Berliner Zeitungsmarkt (Altpapierkorb gestern), und auch wenn es dazu nun vorerst nicht kommen wird, stehen die Zeichen auf noch mehr Suche nach Synergieeffekten, wie es die Verlage selbst gerne nennen, wenn sie in Krisenzeiten schrumpfen, wie Gregory Lipinski bei Meedia und Horst Röper im Gespräch mit Brigitte Baetz bei @mediasres darlegen.

+++ Das "Zapp"-Spezial zur wiedervereinten Medienrepublik lässt sich hier nachsehen.

+++ Fehlte nicht noch eine Meinung zur vermeintlichen Beteiligung von ARD und ZDF am Aufstieg der AfD? Ganz recht. Aber nun hat Bernhard Pörksen nachgezogen, und zwar per Gastbeitrag in der österreichischen Presse. Er meint: "Die aktuelle Fernsehschelte ist ein Manöver, das von eigenen Versäumnissen in der politischen Programmarbeit ablenkt. Diese Versäumnisse haben die politische Machtverschiebung mitverschuldet."

+++ Wie halten es Journalisten mit der Sicherheit ihrer Daten? Daniel Bouhs hat für @mediasres mal nachgefragt.

+++ "So funktioniert aufklärerischer Journalismus, der dem Publikum bei der Meinungsbildung behilflich sein will", urteilt in der NZZ Rainer Stadler über das neueste Red-Bull-Medienprojekt Addendum, von der SZ unlängst noch als "Breitbart aus den Alpen" tituliert.

+++ Wie man als Online-Magazin-Neugründung wirtschaftlich erfolgreich sein kann (Spoiler: das Geld kommt nicht vorrangig aus Inhalten), zeigt Edition F. Oder, wie Meedia sagen würde: "Bereits über 5.000 Mitglieder: Edition F startet Paid Content Modell für die Female Future Force Academy und erreicht erstmals den Break-Even".

+++ Von Tom Tykwers Superserie "Babylon Berlin" (ab 13. Oktober bei Sky) werden wir in den nächsten Tagen schon noch genug hören. Da darf man auch mal hinten im Korb unterbringen, was Joachim Huber im Tagesspiegel herausgefunden hat zur Frage, warum die ARD den Hauptteil der Kosten getragen hat, Sky nun aber als erstes ausstrahlt.

+++ Die Serie war natürlich auch Thema beim Film Festival Cologne. "Das […] hieß bis vor zwei Jahren noch 'Cologne Conference'. Auch wenn der neue Name nach mehr Kino klingt, beruht der Schwerpunkt weiterhin auf starken Fernsehproduktionen. Worauf auch sonst?", berichtet auf der FAZ-Medienseite Oliver Jungen (0,45 € bei Blendle).

+++ Höchste Zeit, dass sich endlich mal jemand beim Moderator eines Frühstücksformats erkundigt, wie schwer das denn nun ist mit dem frühen Aufstehen. Alexander Krei hat das für DWDL bei Jan Hahn in Erfahrung gebracht, früher "Sat.1-Frühstücksfernsehen", heute "Guten Morgen Deutschland" bei RTL.

Neues Altpapier gibt es morgen wieder.