eine Fregatte
Als die Fregatte Medusa im Juni 1816 aus dem Hafen von Rochefort auslief, ahnte niemand, dass die Besatzung schon bald bis an den Rand der Menschlichkeit geht. Bildrechte: IMAGO

Buch der Woche | Franzobel: "Das Floss der Medusa" "Franzobel rückt in die Meisterklasse der Literatur auf"

Franzobel, der eigentlich Franz Stefan Griebl heißt, gehört zu den wandlungsfähigsten Schriftstellern im deutschen Sprachraum. Der 1967 geborene Österreicher begann mit avantgardistischen Gedichten im Stil von H. C. Artmann und Ernst Jandl. 1995 erhielt er für seine experimentelle Erzählung "Die Krautflut" den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zuletzt machte er durch die Krimis "Wiener Wunder" und "Groschens Grab" von sich reden. Nun verblüfft er mit einem historischen Roman, der auf Tatsachen beruht.

von Ulf Heise

eine Fregatte
Als die Fregatte Medusa im Juni 1816 aus dem Hafen von Rochefort auslief, ahnte niemand, dass die Besatzung schon bald bis an den Rand der Menschlichkeit geht. Bildrechte: IMAGO

Franzobel sprudelt nur so vor Ideen. In seinem neuen Roman "Das Floss der Medusa" berichtet er von einer Fahrt der Fregatte Medusa, die im Juni 1816 aus der Hafenstadt Rochefort in Richtung Senegal auslief. Die Passagiere sollten dort helfen, die Kolonialisierung voranzutreiben. Das Schiff stand unter dem Kommando des komplett unfähigen Kapitäns Hugues Duroy de Chaumareys, der es lediglich durch Kungeleien mit der französischen Regierung geschafft hatte, diesen Posten zu ergattern. Wegen der mangelnden Qualifikation des Adligen strandete der Segler auf einer Sandbank vor der Küste Westafrikas. Alle Versuche, das Schiff freizubekommen, misslangen.

Da die sechs Beiboote der Medusa nicht alle der rund 400 an Bord befindlichen Leute aufnehmen konnten, wurde für die 147 Übriggebliebenen aus den Planken und Masten des Schiffes ein Floß gezimmert. Es sollte mit Seilen an die relativ nahe gelegene Küste gezogen werden. Doch dann ließen Offiziere der Schleppkähne einfach die Taue kappen und das notdürftig gebaute Floß trieb orientierungslos in die offene See hinaus.

Wenn die Regeln der Humanität nicht mehr gelten

Franzobel hat die ungeheuerliche Grausamkeit und Kaltschnäuzigkeit verstört, mit der die Militärs die verzweifelten und in Panik geratenen Schiffbrüchigen im Stich ließen. Erst 13 Tage später wurden sie von der Brigg Argus aufgenommen. Aber da lebten nur noch 15 von ihnen. Der Kommodore der Medusa wurde später vor dem Kriegsgericht zu drei Jahren Festungshaft verurteilt – eine viel zu geringe Strafe. Denn er hatte – ähnlich wie der Chef des Kreuzfahrtriesen Costa Concordia – schon abgeheuert, ohne sich um die Sicherheit von Mannschaft und Reisenden zu sorgen.

Franzobel:
Cover des Buches "Das Floss der Medusa" von Franzobel Bildrechte: Zsolnay Verlag

Im Laufe seiner Recherchen realisierte der Autor, dass auf dem Floß alle Regeln der Humanität ausgehebelt wurden, denn es brach massiver Kannibalismus aus. Da es nur einen Sack Zwieback als Proviant gab, grassierte der Hunger. Also zerstückelten die Kräftigen und Starken die Körper ihrer toten Leidensgenossen (65 Männer wurden am achten Tag erschossen) und aßen sie auf.

Franzobel kommentiert das mit lakonischen Formulierungen, wie: "Nach der Weinausgabe begannen alle, Leichenfleisch zu kauen." Das klingt nüchtern, aber ich habe selten einen beklemmenderen Satz gelesen. Das ist der Stoff für Alpträume, die sich leider als real erweisen. Der Chirurg Henri Savigny, der das Fiasko überlebte, notierte in einem Protokoll:

Diejenigen, die der Tod verschont hatte, stürzten sich gierig auf die Toten, schnitten sie in Stücke, und einige verzehrten sie sogleich. Ein großer Teil von uns lehnte es ab, diese entsetzliche Nahrung zu berühren. Aber schließlich gaben wir einem Bedürfnis nach, das stärker war als jegliche Menschlichkeit.

Henri Savigny, Überlebender der Medusa

Echt erscheinende derbe Sprache

Der Autor bedient sich eines rustikalen, teilweise sehr derben Stils, der im ersten Moment abstoßend wirkt. Aber er demonstriert mit diesem Jargon lediglich, wie brutal und rau es unter den Matrosen und Soldaten zuging. Hilmar Klute nannte ihn mal einen "plebejischen Erzähler". Dem kann ich nur beipflichten. Mir gefällt seine herbe Tonart, weil sie völlig ungekünstelt und echt erscheint. Zum Beispiel schildert Franzobel, wie die Menschen auf dem Floß ihren eigenen Urin tranken, weil sie nichts hatten außer Salzwasser im Meer. Dabei benutzt er Worte, die nur eingeschränkt salonfähig sind, aber sie passen. In manchen Szenen erinnert mich seine Sprache an Jack Londons Diktion im "Seewolf".

Traumatisierende Bilder

Der österreichische Schriftsteller Franzobel auf der Konferenz
Der österreichische Schriftsteller Franzobel Bildrechte: dpa

Die Figuren des Romans muten unglaublich authentisch an. Der Autor hat sich tief in die überlieferten Quellen zu diesem Schiffsunglück hineingewühlt, um jede Nuance der am Geschehen beteiligten Charaktere kennenzulernen. Die Radikalität und Unerbittlichkeit, mit der er diese Gestalten porträtiert, raubt einem den Atem.

Es gibt etliche Autoren, die die Katastrophe der Medusa verewigten, etwa Julian Barnes in seiner "Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln" oder Günter Seuren in "Das Floß der Medusa", aber an die starken, ja traumatisierenden Bilder, die Franzobel heraufbeschwört, reicht keiner dieser Texte auch nur ansatzweise heran. Mit seinem Buch ist der 49-jährige Österreicher endgültig in die Meisterklasse der Literatur aufgerückt.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch: Im Radio | 07.02.2017 | 7:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2017, 17:37 Uhr

Franzobel:
Bildrechte: Zsolnay Verlag

Angaben zum Buch Franzobel: "Das Floss der Medusa"

Franzobel: "Das Floss der Medusa"

592 Seiten, gebunden
Zsolnay Verlag, 2017
ISBN: 978-3-552-05816-3
26,00 Euro

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Ein E-Book-Reader liegt auf einem aufgeschlagenen Roman.
Bildrechte: IMAGO

Haben das Internet und die Computer vieles grundlegend verändert? Sind die Texte, die wir lesen, andere? Holger Heimann mit einer Recherche zwischen Papier und Bildschirm.

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