Buch der Woche | Takis Würger: "Der Club" "Die erzählerische Ausführung lässt Wünsche offen"

Hans wird von seiner Tante aufgefordert, in Cambridge zu studieren, um sich eine Mitgliedschaft im Pitt Club zu verschaffen. Denn er soll ihr helfen, sich zu rächen.

von Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Cambridge: King's College und Kapelle
Cambridge: King's College und Kapelle Bildrechte: IMAGO

In Takis Würgers Debütroman "Der Club" kommt der Besitzer eines Bekleidungsgeschäfts zu Wort, Ryder mit Namen. Der erinnert sich an einen Kunden, der vor vierzig Jahren eine Stoffprobe in seinem Sakko verschwinden ließ, im Gegenzug einen Umschlag mit Geldscheinen auf den Tisch legte und sagte, dass sein Club in Zukunft auf Öffentlichkeit verzichten wolle. "Da wusste ich", so Ryder, "das war das alte England, das vor mir stand, und gleichzeitig wusste ich, dass ich nicht wissen wollte, was für ein Club das war und warum die Stoffprobe in der Jackentasche des Mannes verschwand."

Eine Rachegeschichte

Der "Spiegel"-Reporter Takis Würger, 1985 im niedersächsischen Hohenhameln geboren, kennt das alte England ganz gut, er hat sich eine Auszeit vom Journalismus genommen und drei Jahre in Cambridge studiert. Sein Roman basiert auf Erfahrungen, die er dort und insbesondere in ein paar Herren- und Box-Clubs gemacht hat, darunter im Pitt Club.

Takis Würger, Journalist & Autor
Takis Würger, Journalist & Autor Bildrechte: Sven Döring

Dieser steht im Mittelpunkt des Geschehens. Oder vielmehr: ein fünfköpfiger Jungmännerbund, der sich als noch exklusiverer, geheimerer Club im Club versteht, mit einem gelben Schmetterlingslogo, "ein Club von jungen Männern, die sich schwören, immer füreinander einzustehen." Und die einen verbrecherischen Aufnahme-Ritus pflegen, von einem der Mitglieder als "ein wenig exzentrisch" verharmlost.

Würgers Hauptfigur, der aus dem südlichen Niedersachsen stammende Hans, wird von seiner in Cambridge lehrenden Tante Alex aufgefordert, hier zu studieren und sich um die Pitt Club-Mitgliedschaft zu bemühen. Er soll Licht in die Vorgänge bei den Schmetterlingen bringen – und Alex helfen, sich zu rächen.

Ein Blick hinter die Kulissen der Eliteuniversität

"Der Club" hat mit seiner Binnengeschichte den Charakter eines Kriminalromans, und Würger versteht es, den Plot zu inszenieren und schnellen Striches voranzutreiben. Doch er will mehr: einen Blick hinter die Kulissen der Eliteuniversität werfen, in der Jungs wie Josh studieren, die sich gegen einen Alkoholkater Infusionen geben lassen oder Gesichtsreinigungsmasken anlegen. In der jedoch zudem Menschen landen, die von unten kommen, wie Hans. Oder die es verbissen in die Clubs drängt, um dazuzugehören, wie Peter Wong, der aus China stammt.

Außerdem will Würger eine Liebesgeschichte und mehr noch: eine von Freundschaft und Verrat erzählen, motivisch unterlegt durch das Wechselspiel von Wahrheit und Lüge, unter der Fragestellung: Wie wahrhaftig können Lügen sein, file under Pablo Picasso oder Martin Walser? Wie fadenscheinig ist die Wahrheit? Um all das einigermaßen unterzubringen, erzählen Würgers Figuren aus der Ich-Perspektive ihre Eindrücke voneinander und ihre Sicht auf die geheime Geschichte, immer schön im Wechsel, neben Hans und Alex noch Charlotte und ihr Vater, Joshua, ein gewisser Billy, der unter den Farben des Regenbogens in den Boxring zieht, Peter Wong, der eingangs erwähnte Geschäftsbesitzer u.a.

Gutes Tempo und Setting, sprachlich wenig Kontur

Cover: "Der Club" von Takis Würger
"Der Club" von Takis Würger Bildrechte: Kein & Aber Verlag

Dem Tempo des Romans ist das nur förderlich. Würger gelingt es jedoch selten, den jeweiligen Figuren mittels seiner Sprache Kontur zu verleihen, sie in jeweils unterschiedliche Stimmlagen zu bringen. Einzig Josh wirkt bisweilen eigensinnig in seinen Lockerheitsausbrüchen ("aber wie geil ist bitte Butter"); dagegen wirkt das zur Abwechslung konsequent tabellarisch erzählte tägliche Morgenprogramm von Peter Wong aufgesetzt. Tatsächlich kommt es bei der Lektüre vor, dass man gerade nicht weiß, wer erzählt in diesem schon klaren, mal auf den Punkt gebrachten, mal detailverliebten, aber nur ansatzweise poetischen Würger-Pop-Literatur-Sprachsound.

Warum jemand wie der Irakkriegs-Veteran Magic Mike seinen Auftritt hat, ein einziges Mal, erschließt sich kaum – und könnte allein begründet sein in der Absicht, das Figurentableau vielfältig zu bestücken. Und um Sätze zu schreiben wie: "Gott war bei mir, als ich Falludscha stürmte. Einmal traten zwei Männer vor mir auf Minen und verloren ihre Beine. Es roch wie Grillfleisch, ein bisschen süßer, seitdem ist mir die Lust auf Steaks vergangen." Muskulös-authentisch klingt das, Autor Würger war für den "Spiegel" im Irak.

So muss man es mit Josh halten. Der weiß von Storys, "die nur wenige kennen und nur wenige erzählen können. Manchmal sind das die besten". Das Setting von "Der Club" ist gut und ungewöhnlich, Würgers (Kriminal-)Story okay und nicht so ungewöhnlich – die erzählerische Ausführung lässt Wünsche offen.

Angaben zum Buch Takis Würger: Der Club. Roman.
Verlag Kein & Aber, Zürich 2017.
238 Seiten, ca. 22 Euro

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur auch im: Radio | 16.05.2017 | 07:40 Uhr

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Helga
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